Karlchen

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Karlchen!
Gestern war es endlich soweit. Der Paketbote schellte und brachte ihn mir. Erst ganz kurze Zeit ist es her, dass ich für die alten Puppen Feuer gefangen hatte. In meinem Forum hatten einige ihre Schätzchen gezeigt und langsam, ganz langsam stieg die Liebe zu ihnen in mein Herz. Bei Ebay hatte ich nun zwei von ihnen ersteigert, ein Mädchen von K&W und ein kleines Minerva Baby, das Karlchen. Der Zuschlag für Karlchen war einen Tag später erfolgt, aber auf dem Postweg war er der Schnellere und nun hielt ich mein erstes „Alterchen“ in den Armen. Aufmerksam betrachtete ich ihn. Als ich seinen Schlafanzug auszog bemerkte ich leichten Abrieb an den Gelenken und die Gummihalterung war ein wenig locker. Aber he, Karlchen ist nun 78 Jahre alt, da darf schon mal etwas aus leiern gell? Für sein Alter war er jedenfalls in einem ausgezeichneten Zustand. Er bekam seinen Anzug wieder angezogen, ich würde für ihn nach etwas Altem suchen, etwas das seiner Zeit entsprach und ihm vertraut war. Als ich ihn in den Arm nahm und das dünne Celluloid sich meiner Körperwärme anpasste, da fühlte ich in Gedanken ein Stück Kindheit wiederkehren. So, genau so hatten sie sich angefühlt die Puppen damals und nun wusste ich es genau, es war kein Fehler eine alte Puppe zu kaufen. Karlchen bekam einen Ehrenplatz in der Vitrine meines Schrankes. Er war mein erstes altes Puppenkind und das hat im Herzen seiner Puppenmama immer einen ganz besonderen Platz, wie einst meine Aquamarina, die ich von meinen Eltern zu meinem vierten Geburtstag bekommen hatte. Vater musste kurze Zeit später mit Nierensteinen zur Kur, als er wiederkam durfte ich mir zum Trost einen Ring aussuchen. Es war ein Aquamarin, die helle leuchtende Farbe faszinierte mich und da meine Puppe Augen von einer solchen Farbe hatte, bekam sie diesen Namen. Als ich vierzehn Jahre alt war beredete mich meine Mutter sie einem armen Mädchen zu schenken. Halbherzig fügte ich mich, denn ich wollte schon gerne helfen, aber vergessen habe ich Aquamarina nie, ich hoffe sie hatte es gut, vielleicht lebt sie ja auch noch irgendwo. Ach Karlchen was machst du mit mir, führst mich in der Vergangenheit spazieren, weckst Freude und Leid. Immer wieder zog er an diesem Tag meinen Blick zu sich hin. Was mochte er für ein Schicksal gehabt haben? Als ich zu Bett ging war ich ziemlich aufgewühlt, hoffentlich konnte ich schlafen.

Was war das für ein Lärm? Ach ja eine Fabrikhalle, das Rattern der Maschinen erfüllte die Luft. Unendliche Schmerzen, er wurde gedrückt, gepresst, gestochen. Ehe Karlchen geboren wurde hatte er einiges auszustehen. Er ließ alles über sich ergehen und als er schon glaubte es würde nie mehr anders, da ist es plötzlich vorbei. Still wurde es um ihn, still und dunkel. Zuerst genoss er es, aber dann war es fast so schlimm wie die Schmerzen. Unendlich erschien ihm die Zeit der Einsamkeit, warum hatte man ihn geschaffen? Um sein Leben hier in der Dunkelheit zu verbringen? Dann endlich, nach endlos langer Zeit wurde er gerüttelt und geschüttelt. Schließlich öffnete sich der Kartondeckel und eine kleine Frau mit schwarzem Haar in einem weißen Kittel schaute ihm ins Gesicht. Einen Moment war sie sprachlos. „Schau nur Karl“, rief sie ihren Mann herbei und ein zweites Gesicht erschien neben dem ihrem und blickte in den Karton. „Ist er nicht zauberhaft? Ein Stückchen heile Welt in dieser furchtbaren Zeit.“ Wovon redete die Frau, warum war diese Zeit furchtbar? Unendlich vorsichtig nahm die Frau ihn hoch. Dabei liefen ihr die Tränen über die Wangen. Der Mann nahm sie in den Arm. Du denkst an Karl-Heinz“, sagte er leise. Die Frau nickte. Ihr kleiner Junge war nun groß und kämpfte an der Seite seiner Kameraden im fernen Russland. Sie hoffte jedenfalls dass er noch kämpfte und nicht schon zu den vielen Opfern gehörte, die dieser Krieg gefordert hatte. Man schrieb das Jahr 1944 und Deutschlands Männer und Söhne kämpften seit Jahren. Ihr Mann war wieder daheim, er hatte einen Arm verloren, aber was war schon ein Arm, wenigstens war ihr Karl wieder bei ihr. Vorsichtig nahm sie das kleine Minerva Puppenbaby, das sie unvernünftiger Weise bestellt hatte, denn Deutschland hungerte, man brauchte Lebensmittel aber kein Spielzeug und setzte es behutsam als Dekoration ins Schaufenster. Sie brauchte es, brauchte ein Stück unschuldige Kindheit für ihre Seele die ständig weinte. Wortlos nahm sie die Hand ihres Mannes und zog ihn mit sich nach draußen, in die eisige Kälte dieses Winternachmittags. Hand in Hand schauten sie in das erleuchtete Schaufenster ihres kleinen Kolonialwaren Ladens, in dem nun Karlchen saß und fröhlich hinaus schaute. „Fast ein wenig wie früher, als sich noch nicht alles darum drehte den Tag zu überstehen und satt zu werden“, sagte sie leise. Ihr Mann nickte. Wenn seine Renate ein wenig glücklicher war, dann war er das auch. Sacht streichelte er über ihr immer noch schwarzes Haar und zog sie behutsam wieder in den kleinen dunklen Laden zurück.

Erschöpft ließ sich Willy auf die Stufen des Kriegerdenkmal es sinken. Bis hierher hatte ein schier unmenschlicher Wille ihn getrieben. Nun hatte er seinen Heimatort erreicht und fühlte sich plötzlich entsetzlich müde und leer. Nur noch wenige Meter trennten ihn von seiner Wohnung. Angst gesellte sich zu der Freude auf seine Familie. Wie würden sie schauen, seine Frau, seine Töchter und sein Sohn. Lange Jahre war er fort gewesen. Er war unter den ersten Gefangenen und man hatte ihn nach Dänemark gebracht. Sie waren gut behandelt worden aber das Essen war nicht üppig gewesen und sie hatten immer gefroren. Willy hatte den kleinen eisernen Ofen mit Kohlen gefüttert, als es passierte. Zwischen den Eierkohlen hatte eine Handgranate gelegen, als er dann eine Schaufel Kohlen in den Ofen schob explodierte der und zerriss sein Gesicht. Am Abend zuvor hatte er unglücklicher Weise einem Kameraden gestanden, das er nicht auf einen Menschen schießen könne, lieber wollte er selbst sterben. Nun vermutete man er habe sich umbringen wollen und er wurde unter Arrest gestellt. Als man dann jedoch die Kohlen untersuchte fand man noch mehrere Granaten und es wurde klar, das es sich um einen Sabotageakt gehandelt hatte. Willy wurde nicht erschossen, nach Wochenlangem Sanitätslager war er nun auf dem Weg nach Hause. Er sah schrecklich aus. Seine Guste und die Kinder würden erschrecken vor ihm. Es kam ihm nicht in den Sinn, wie das Bild, das er abgab auf andere wirkte. Die Leute blieben stehen und schauten auf den ehemaligen Soldaten, der ausgezehrt und mit zerfetztem Gesicht gerade unter dem Engel saß, der einen gefallenen Soldaten in seinen Armen hielt. Er war noch einmal davon gekommen. Die Menschen, die ihn da so betrachteten dachten an ihre Angehörigen, würden sie sie auch wieder sehen? Gaben sie auch so ein Bild des Jammers ab, wie dieser Heimkehrende Soldat? Willy mobilisierte seine letzten Kräfte. Es half nichts, er musste es hinter sich bringen. Als er die Straße überquerte blickte er geradewegs in das Schaufenster von Falternat. Was war denn das? Willy rieb sich die Augen. Da saß doch tatsächlich ein Puppenbaby. Willy dachte an seine drei Töchter. Morgen war der 24. Dezember. Heiligabend. Das war es was ihn vorwärts getrieben hatte, wenn er dachte seine Kraft reiche nicht mehr. Weihnachten, Weihnachten bei seiner Familie. Strahlende Kinderaugen, einen warmes Kinderkörperchen der sich an ihn schmiegte, Hoffnung gebend. Willys gebeugte Gestalt strafft sich. Entschlossen betrat er den Laden. Er wurde angestarrt, aber das war er gewöhnt. Die Frau bemühte sich ihr Entsetzen nicht zu zeigen. Willy versuchte zu lächeln, wie lange hat er das nicht getan. Die Narben schmerzten und die Grimasse wurde nur noch schlimmer. „Bitte“, sagte er. „Was kostet die Puppe im Fenster?“ Das Gesicht der Frau wurde abweisend. „Karlchen? Der ist unverkäuflich.“ Unendliche Traurigkeit überzog Willys Gesicht. Er wendete sich zum Gehen. Vermutlich hätte sein Geld sowieso nicht gereicht. „Warten sie“, sagte die Frau. Sie war hinter ihm her geeilt und zog an dem Ärmel seines schweren grauen Feldmantels. Steif blieb Willy stehen und sah, wie sie die Luke zum Fenster öffnete und das Baby herausnahm. Sie verpackte ihn in seinen Karton und schob ihn Willy hin. „Sie brauchen ihn nötiger als ich“, sagte sie. Willy schluckte schwer und wollte seine Rührung nicht zeigen. Er wühlte in seinen Taschen und kratzte alles zusammen was er dort fand. Sie hatten für ihn gesammelt, die Kameraden, damit er nach Hause kam, sich eine Fahrkarte leisten konnte und Nahrung für seinen geschwächten, geschundenen Körper. Viel Glück haben sie ihm gewünscht. Das was noch übrig war sammelte er nun auf der Theke und schob es der Frau zu. „Reicht das denn“, erkundigte er sich ängstlich? Die Frau schob das Geld zurück. „Lassen sie, ich schenke ihnen das Puppenkind.“ Willy straffte sich. „Bitte, ich bin verletzt, ich bin arm, aber ich habe meine Ehre, ich möchte es bezahlen und meinen Kindern ein ehrlich erworbenes Geschenk mitbringen.“ Die Frau lächelte. „Ich kann sie verstehen“, sagte sie, nimmt die Hälfte des Geldes und schiebt ihm den Rest wieder zu. „Danke“, entgegnet Willy, ließ es in seine Manteltasche gleiten und nahm glücklich das Paket entgegen. Er machte sich auf den Weg. Wem sollte er die Puppe geben? Er hat drei Mädchen und einen Jungen? Er wird sie Guste schenken, seiner Frau. Das ist eine gute Lösung, dann fühlt sich keines der Kinder benachteiligt und alle können damit spielen. Zufrieden mit der Idee eilte er weiter.

Neue Kraft erfüllte ihn. Der Porthofsplatz kommt in Sicht. Ergriffen bleibt Willy einen Moment stehen, nun ist es soweit. Er schellt und mühsam steigt er hinauf in den dritten Stock. Kinderlärm schallt ihm entgegen. Von oben blickt ein Köpfchen über das Geländer. „Mutti Mutti, komm mal schnell, da kommt ein Mann, ein Soldat“, hört er eine Kinderstimme. Mittlerweile hat er die Stufen erklommen. Der Junge muss sein Sohn sein, sein Heinz, wie groß er geworden ist. Eine energische Frauenhand zieht das Kind in die Wohnung und schiebt sich in den Türrahmen. „Guste“, sagt Willy nur. Ihre Augen weiten sich. „Willy, Willy bist du das wirklich?“ Einen Moment braucht sie um sich zu fassen. Aber dann fließen die Tränen und sie umarmt ihren Mann. Es ist, als ob ihn alle Energie in diesem Moment verlässt. Seine Knie werden weich und die Schwäche lässt ihn taumeln. Guste greift zu, zieht ihn in die Wohnung und schiebt ihn auf die Couch. Willy schaut sich um, nichts hat sich verändert, gar nichts und doch alles. „Was hast du da?“ Guste deutet auf das Paket, das er neben sich gelegt hat. Willy legt den Finger auf die Lippen und deutet auf die Kinderschar, die sich nun ängstlich hinter ihrem Rock verbirgt. Nur Waltraud, die mittlerweile vierzehnjährige steht neben der Mutter und ringt um Fassung. Sie hat viele Verletzte gesehen in der letzten Zeit, aber es ist etwas anderes, wenn es der eigene Vater ist. Als sie sich einigermaßen gefasst hat, setzt sie sich neben den Vater, der nimmt seine Älteste in den Arm und zieht sie an sich und plötzlich ist sie wieder da, diese Nähe, die Erinnerungen an den Arm des Vaters, wie er sie als kleines Kind umfasst hat und in dem sie sich so geborgen fühlt. Die Tränen beginnen zu laufen und dann tauen auch die anderen Kinder auf, deren Erinnerung an ihn nicht mehr so gut ist. „Vater, Vater“, tönt es und Willy lässt sich fallen, in die Wärme, in die Geborgenheit die eine Familie bietet, seine Familie. Er könnte platzen vor Stolz und Glück. Über die Köpfe der Kinder hinweg sucht er den Blick von Guste, seiner Frau, in der genau das Gleiche vor sich geht, sie haben sich wieder.

Am Morgen des Heiligen Abend war Willy verschwunden als sie aufstanden und alle hatten Angst, wo war er? Doch dann stand er wieder in der Türe und hielt ein kleines verkrüppeltes Bäumchen im Arm. „Heute ist doch Heilig Abend“, meinte er und drückte ihn Guste in den Arm. „Das du wieder hier bist ist Weihnachten genug“, meinte sie, begann dann um ihrer Rührung Herr zu werden mit den Vorbereitungen für ein einfaches Festmahl. Wochen schon hatte sie für etwas besser gestellte Nachbarn geputzt und gebügelt und nun hatte sie Mehl, Butter, Eier und Kartoffeln. Daraus würde sie Eierpfannkuchen und Reibeplätzchen bereiten. Willy ging derweil in den Keller und holte ein wenig von dem alten Weihnachtsschmuck herauf. Dann war es soweit. Guste machte mit den Kindern einen Spaziergang und in dieser Zeit putzte Willy das Bäumchen, wenn es auch krumm und klein war, erschien er ihm doch wie der schönste Baum, den er je gesehen hatte. Drei Zimmer besaßen sie mit sieben Personen, im Wohnzimmer thronte nun das Bäumchen. Gepolter auf der Treppe, schnell schloss Willy die Türe, als auch schon die Kinder in die Küche stürmten. Alle warm verpackt, mit rot gefrorenen Wangen und Nasen. Als sie sich aus den Mänteln geschält hatten nahm Willy seine Geige und begann ihr Kinderlein kommet zu spielen. Dabei öffnete er mit dem Ellenbogen die Türe zum Wohnzimmer und andächtig starrten alle auf den Weihnachtsbaum, an dem schon die Kerzen brannten. Guste begann leise zu singen und nach und nach fielen die hohen Kinderstimmen ein, bis ein jubelnder Chor die alten Lieder sang. Als Willy dann die Geige fort legte nahm er das Paket und reichte es Guste. Zu den Kindern sagte er: „Wie ihr euch denken könnt hatte das Christkind in diesem Jahr sehr viel zu tun. Es hat mir nur ein Geschenk gegeben und das bekommt eure Mutter, die hier in meiner Abwesenheit für euch gesorgt hat, aber ich denke sie wird jedem von euch gestatten damit zu spielen.“ Guste öffnete das Paket und blickte erstaunt auf das kleine Puppenbaby. „Aber Willy“, war alles was sie dazu sagte. Willy sah die Enttäuschung auf ihrem Gesicht. „Nächstes Jahr wird alles besser“, flüsterte er ihr ins Ohr und Guste nickte. Sie setzte Karlchen unter den Baum und alle starrten ihn bewundernd an. Waltraud verlor als Älteste zuerst das Interesse, nach und nach wendeten sich auch Heinz als Junge und die siebenjährige Anni ab. Nur die kleine sechsjährige Edith konnte ihre Augen nicht losreißen. So eine Puppe hatte sie sich immer gewünscht. Renate, ihre Freundin die eine Etage tiefer wohnte besaß eine. Wenn Edith damit spielen wollte musste sie ihr den Schlitten fünfmal den Berg herauf ziehen, die würde gucken. Vorsichtig berührten die kleinen Fingerchen das Karlchen. Willy sah es und es freute ihn, wenigstens ein Herz hatte Karlchen erobert.

Die Tage vergingen, der Alltag kehrte ein. Beim ersten Bombenalarm nach dem Fest rannten alle zum Bunker. Edith allerdings ging von nun an nie mehr ohne Karlchen. Keiner dachte an ihn, wenn die Sirenen schrillten, doch sie griff ihn stets und lief so schnell sie konnte mit ihm hinter den anderen her. Einmal war es besonders schlimm, die Detonationen ließen den Bunker beben. Vor Schreck biss Edith Karlchen in die rechte Ferse, sie hatte ihr Gesicht an ihn geschmiegt und Reflexartig zugebissen. Als sie wieder zu Hause waren entdeckte Guste den Schaden. „Ach Edith, was hast du gemacht, das arme Karlchen.“ Als dann die Tränen flossen tröstete sie jedoch das Kind. „Es ist schon gut, es ist ja nur einen Puppe.“

Edith erlebte viel und einige Jahre lang teilte sie alles mit Karlchen. Eines Tages machte Willy mit seiner Familie einen Spaziergang. An der Ruhr kamen sie an einem Bauernhof vorbei, dort liefen im Garten viele Hühner herum. Fasziniert betrachteten die Kinder sie. Die Bäuerin arbeitet im Garten und einem Impuls folgend lief sie ins Haus, brachte ein fertig gezupftes Huhn und drückte es Willy in die Hand. „Für ihre Kinder“, sagte sie dazu. Willy wurde schamrot, er würde sich nie daran gewöhnen wie ein Bettler dazustehen. Dann aber rief er sich zur Ordnung, er hatte für eine große Familie zu sorgen, so dankte er der Frau herzlich und einige Meter weiter an den Bahngleisen entfachte er ein Feuer wo sie das Tier brieten, denn auf dem Weg nach Hause würde man es ihnen vielleicht abnehmen, denn die Zeiten waren schlecht und der Hunger der Menschen groß. Die kleine Edith spielte mit Karlchen auf den Gleisen, denn Züge fuhren kaum. Sie war völlig in ihr Spiel versunken, als Willy sie plötzlich an sich riss. Es hatte sich doch ein Zug genähert und Willy hatte das Kind im letzten Moment von den Gleisen reißen können.

Die Jahre vergingen, die Zeiten besserten sich und die Kinder wuchsen heran. Lange saß Karlchen tagsüber auf Ediths Bett und am Abend, wenn sie mal alleine in dem Zimmer waren erzählte sie ihm, was sie erlebt hatte. Dann tauchte Wolfgang auf und Karlchen musste ein Eckchen aus Ediths Herz abgeben. Immer öfter war er allein, denn nun gehörten Wolfgang Ediths freie Stunden. Als sie dann heirateten zog Karlchen zwar mit um, aber er kam in seine Kiste, denn Edith war erwachsen und schämte sich mit Puppen zu spielen. Dann bekam Edith selber Kinder, aber leider kein Mädchen und ihren drei Jungen wollte sie Karlchen nicht zum Spielen geben, er sollte nicht zu Schaden kommen. Edith war schon Oma, als sie umzog, das alte Haus im Wald kostete zu viel Kraft, es war abgelegen, hatte ein großes Grundstück und Edith sehnte sich nach etwas Ruhe. „Was ist denn das“, fragte Jörg, ihr Ältester, als er eine Kiste aus dem Schrank hervorzog? „Das, das ist Karlchen, er war meine erste und einzige Puppe.“ „Soll ich ihn für dich bei Ebay verkaufen“, wollte ihr Sohn wissen. Edith wollte nicht sentimental erscheinen und so willigte sie ein. Karlchen kam zu einer anderen Puppenmutti, bei der er viele Jahre in einer Vitrine saß.

Heute nun rief ich Edith an, denn du lieber Leser musst wissen, sie ist meine Tante. „Mein Puppenbaby ist da“, berichtete ich ihr, mein herrliches altes Puppenbaby, es sieht noch richtig gut aus“, ich konnte meine Tante nachsichtig lächeln sehen. „Ich hatte auch mal eins“, sagte sie, „es hieß Karlchen, ich habe ihn in einer schlimmen Bombennacht in die Ferse gebissen.“
„Ne oder? Moment Mal“, ich ließ den Hörer fallen und holte mein Baby, Tatsächlich, unverkennbar Bissspuren. „Edith“, sagte ich, „wenn du dein Karlchen wieder sehen willst, dann komm mich doch einfach besuchen.“ Fassungsloses Schweigen. Die schönsten Geschichten schreibt eben doch das Leben.
©By Gitte
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12 Kommentare
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 07.10.2016 | 06:51  
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Gitte Hedderich aus Herten | 07.10.2016 | 08:15  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 07.10.2016 | 08:50  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 07.10.2016 | 09:01  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 07.10.2016 | 09:47  
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Eckhard Schlaup aus Gladbeck | 10.10.2016 | 20:25  
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Gitte Hedderich aus Herten | 11.10.2016 | 05:58  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 28.10.2016 | 13:54  
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