Maria

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Maria!
Nomen est Omen sagt der Volksmund und bei Maria trifft das zu, denn sie ist sehr gläubig und katholisch. So ist es grauenvoll für sie, als einer ihrer Söhne, Theo, mit einer evangelischen Frau zu ihr kommt und ihren Segen erbittet. Niemals wird sie das tun. Waltraud ist ein nettes Mädchen und äußerst hübsch dazu, leider hat sie die falsche Konfession und ist auch nicht gewillt, diese aufzugeben. Geheiratet wird trotzdem, denn Waltraud ist schwanger und sitzen lassen, dass kommt für Theo nicht in Frage. Gemeinsam mit ihrem Vater hat sie Theo dazu gebracht zu konvertieren. Maria kann es nicht glauben. Die beiden sind Nachkriegskinder. Das Geld ist noch knapp in Deutschland und so wohnen die Zwei in einem Zimmer bei Theos Eltern, seiner Mutter Maria und seinem Vater Anton. Maria sieht das als Schicksal an, vielleicht gibt ihr der Herr so eine Möglichkeit Theo von Waltraud zu heilen.

Der Alltag gestattet es ihr, Waltraud unzählige kleine Wunden zuzufügen, Waltraud ist sensibel, vielleicht gibt sie ja auf. So versalzt Maria heimlich das Essen, dass zubereitete Rührei ist ungenießbar, doch Theo hält zu seiner Frau. „Sie lernt es schon noch“, sagt er seiner Mutter. Alles macht Waltraud in Marias Augen falsch, sie hängt die Wäsche verkehrt auf, putzen kann sie nicht richtig, kochen und Haushalten schon gar nicht. Theo jedoch verliert die Geduld nicht. Die Zeit verrinnt und die Geburt rückt immer näher.

Eines Morgens ist es dann soweit. Kaum hat Theo das Haus verlassen, bekommt sie Wehen. „Bitte Mutter ruf den Arzt“, bittet sie Maria. „Das hat Zeit, beim Ersten Kind dauert es sehr lange“, entgegnet diese. „Du wirst nicht erwarten, dass Doktor Behrend den ganzen Tag hier vertrödelt und ins Krankenhaus willst du doch wohl auch nicht? Meine Kinder sind alle hier geboren, dass sollte eine Frau schon aushalten können, die ihren Mann liebt.“ Waltraud beißt die Zähne zusammen. „Lenke dich ab“, rät Marias ihr. „Hier, schabe die Möhren.“ Sie beobachtet Waltraud genau, die Abstände zwischen den einzelnen Wehen vermindern sich rasch. Kleine Schweißperlen erscheinen auf Waltrauds Stirne und trotz aller Selbstdisziplin entrann ihr der eine, oder andere Seufzer. Kurz nach Mittag wurden die Wehen akut. Maria geleitete Waltraud ins Schlafzimmer. „Ruh dich aus, ich werde nun den Doktor holen.“ Angst erscheint in Waltrauds Augen. „Lass mich bitte nicht allein“, fleht sie. „Nun stell dich nicht so an, ich bin nur bei der Nachbarin telefonieren, was soll in dieser kurzen Zeit schon geschehen.“ Das Nachbarhaus ist etwa zwanzig Meter entfernt. „Du kommst doch gleich wieder“, fragt Waltraud angsterfüllt.“ „Aber sicher Kind, der Arzt muss doch Bescheid wissen“, beruhigt sie die Ängstliche. Dann verließ sie das Haus, dass heißt, sie tat eigentlich nur so, als verließe sie es, in Wirklichkeit saß sie im Hausflur und wartete. Die Schreie Waltrauds wurden immer lauter und steigerten sich mit der Zeit zu einem hysterischen Gebrüll. Nun war es an der Zeit nachzusehen, fand Maria. Waltraud lag mit weit aufgerissenen Augen in einem letzten Krampf. Schnell griff Maria zu und hielt ein Neugeborenes Mädchen in Händen. Waltraud hatte bei der letzten Presswehe das Bewusstsein verloren. Maria wickelte das Kind in ein bereitliegendes Tuch und verließ das Haus.


Sie hatte auf der so genannten Margeriten Wiese die Scheune des Bauern vorbereitet, die seit Jahren nicht benutzt wurde. Das Grundstück war einfach zu weit vom Hof entfernt gewesen. Gut das es Sommer war. Maria legte das Kind in ein bereitstehendes Bettchen. „Heute Abend komme ich wieder, vielleicht bist du bis dahin krepiert, du Bastard“, flüsterte sie hasserfüllt. Dann eilte sie heim versorgte ihre Schwiegertochter notdürftig. „Wo ist das Kind“, war Waltrauds erste Frage nach dem Erwachen, im gleichen Moment kam auch Theo von der Arbeit nach Hause. Mit vor Schreck geweiteten Augen eilte er zu seiner Frau und nahm sie in den Arm, beide blickten auf Maria, die schüttelte nur stumm und traurig den Kopf. Waltraud und Theo weinten. „Wo ist denn unser Kind“, fragte Theo noch einmal nach. „Das habe ich im Garten begraben“, gab Maria Auskunft, „es war behindert und ich wollte euch den Anblick ersparen, es war unerträglich anzusehen.“ Maria hatte im Garten ein Beet abgeteilt und auf dieses setzt Theo ein von ihm geschnitztes Holzkreuz. Er legte seine ganze Trauer dort hinein, gemeinsam mit Waltraud stellten sie es nach einigen Tagen auf das vermeintliche Grab ihres Kindes.

Dieses Kind lag nun in der Hütte, Täglich zweimal besuchte Maria es und gab ihm Milch zu trinken, immer schon hatte sie um sechs Uhr die Frühmesse besucht, es fiel also nicht auf, wenn sie weiterhin zu dieser Zeit das Haus verließ, am Abend war es das Gleiche. Maria hatte es bei sich Helene genannt, hatte ihr Wilhelm Buschs Geschichte der frommen Helene doch so gut gefallen. Helene starb nicht, sie vegetierte in ihrem Gefängnis dahin.

Derweil war ihre Mutter, Waltraud wieder schwanger. Das Jahr schritt voran und es wurde kalt. Maria war dazu übergegangen die Hütte am Morgen und am Abend ein wenig zu heizen, warm wurde es nicht, aber es war auch nicht bitterkalt. So verging die Zeit und Helene wuchs heran. Als der Frühling kam, war Waltraud im siebten Monat. Etwas musste geschehen, dass nächste Kind sollte nicht zu Welt kommen, nicht wenn Maria es verhindern konnte. Sie zermarterte ihr Hirn tagelang und dann hatte sie eine Idee. Ein Unfall musste es sein. „Montag habe ich große Wäsche, hilfst du mir ein wenig Mutter“, wollte Waltraud wissen. „Aber sicher mein Kind“, gab Maria zurück. Da war sie ihre Chance. Montagmorgen bohnerte sie den Flur und die Treppen, wie lange nicht mehr. Als Waltraud nach ihr rief, damit sie ihr den Wäschekorb in den Keller trage, gab sie keine Antwort und wartete gespannt darauf, was geschah. Richtig, Waltraud nahm seufzend den Korb hoch, was ihr einige Mühe bereitete und machte sich auf den Weg in den Keller. Schon auf der zweiten Stufe glitt sie aus und fiel die Treppe hinab. Maria eilte zu ihr. „Was machst du denn Kind“, rief sie scheinbar besorgt, betrachtete aber zufrieden die Blutlache, die sich zwischen Waltrauds Beinen schnell ausbreitete. „Ich hole einen Arzt“, informierte sie die Wimmernde und lief zur Nachbarin. Das Kind würde geboren werden und bis der Arzt kam, würde es unversorgt sterben. Marias Plan ging auf, nach dem Telefonat meinte sie zu Ihrer Freundin und Nachbarin, „Gib mir einen Kaffee Emmi, diese Aufregung, meine Beine tragen mich nicht heim.“ So vergingen weitere Minuten. Als sie dann nach Hause kam, lag die bewusstlose Waltraud und das tote Kind zwischen ihren Beinen immer noch am Fuße er Treppe. Als der Arzt eintraf, blieb ihm nichts zu tun, als Waltraud ins Bett zu schaffen und für das Kind den Totenschein auszustellen. Wieder war es ein Mädchen gewesen

Maria versuchte nun in Theos Herz Wut auf seine Frau zu säen. Es ist schon traurig, dass es ihr nicht gelingt ein Kind zur Welt zu bringen, ich habe ja sechs Gesunde geboren, vielleicht ist sie zu dünn. Theo sah seine Mutter nur traurig an. Maria würde weiter sticheln und eines Tages würde sich Theo von Waltraud abwenden, hoffte sie. Als die Freundin ihrer Tochter Beate schwanger war und das Kind geboren wurde lud sie die junge Mutter mit dem Säugling oft ein und freute sich, wenn Waltraud mit Schmerzverzerrter Mine in ihr Zimmer ging. Eines Tages jedoch blieb sie und strahlte. Was konnte das bedeuten. Waltraud nahm Maria in den Arm. „Ach Mutter, ich bin so glücklich, ich bin wieder schwanger“, verkündete sie freudestrahlend.

Helene war nun anderthalb Jahre alt und als Maria sie zu Boden setzte, begann sie zu krabbeln und sich nach einiger Zeit an der Wand hinauf zu ziehen, sie lief unbeholfen, aber sie lief. Nun würde ihr sicher bald ein Unglück zustoßen, Kleine Kinder verletzen sich so leicht, hoffte Maria. Die Zeit verging, Helene wuchs mit jedem Tag und Waltrauds dritte Schwangerschaft schritt fort.

Wieder ein Unglück zu manipulieren wagte Maria nicht und so sehr sie sich auch ihren Kopf zerbrach, es fiel ihr nichts ein. So kam der Tag der Geburt heran und dieses Mal war es ein Sonntag. Theo war daheim und bestand darauf, seine Waltraud in ein Krankenhaus zu bringen. Fürsorglich begleitete er sie und als er am Abend heim kam, konnte er die Geburt eines gesunden Töchterchens bekannt geben. Gitte war geboren und Theo machte sich auf der Suche nach einer Wohnung für seine kleine Familie. Als die drei ausgezogen waren, hatte Maria viel Zeit.

Nun beschäftigte sie sich mehr mit Helene und als sie eines Tages zur Hütte kam, stand die Türe auf und das Kind saß auf der Sonnen beschienenen Margeriten Wiese. Es war ein zauberhafter Anblick, dem sich auch Marias verhärtetes Herz nicht entziehen konnte. Helene zerrupfte die Blüten nicht, wie Kinder es oft aus unerklärlichem Zerstörungstrieb machen, sondern sie strich über die feinen Blätter und sah sie bewundernd an. Es war das erste Mal, dass sie die Welt außerhalb der Hütte sah und sie konnte sich gar nicht satt sehen, an der Helle und Weite. Als sie Maria erblickte, streckte sie ihre kleinen Ärmchen verlangend nach ihr aus. „Du bist ein gutes Kind“, glaubte Maria nun zu wissen, nahm Helene auf den Arm und trug sie heim.

„Wo in aller Welt hast du das Kind her“, wollte Anton wissen, als er am Abend heimkam, denn er jagte und verbrachte seine Tage im Wald. „Das habe ich gefunden, es muss jemand ausgesetzt haben“, meinte Maria. „Wie heißt du und woher kommst du“, wendete Anton sich nun an das Kind. „Helene“, gab es zur Antwort, aber mehr war nicht aus ihr heraus zu bekommen. Anton beauftragte die Polizei mit Nachforschungen, aber keiner vermisste ein Kind, so konnte Helene erst einmal bleiben. Als Theo und Waltraud kurz darauf zu Besuch kamen, fühlte sich Helene gleich zu ihnen hingezogen, sie kletterte auf Theos Schoss und streichelte die kleine Gitte sanft. Die Beiden betrachteten sie nachdenklich. „Vielleicht bilde ich mit das ein, aber das Kind sieht genau aus, wie du, als du klein warst“, bemerkte Theo zuerst. Waltraud erbleichte, sie verstummten und schienen zu rechnen. Nachdenklich blieb beider Blick an Maria hängen, die sich nun abwendete und hektisch am Herd zu werkeln begann. „Mutter, setz dich einmal zu uns“, bat Theo und Maria kam seiner Bitte mit rotem Kopfe nach. Bei Theos forschendem Blick liefen ihr die Tränen über die Wangen. „Du hast es fertig gebracht uns glauben zu lassen, unser Kind sei tot? Du, die selbst mehrfache Mutter ist?“ Fassungslos hingen alle Augen an Maria. Wortlos nahm Theo seine Familie und ging. Maria sah sie nie wieder. Einsichtig wurde sie allerdings nie, für sie war die verfluchte Evangelische Schuld, dass sie einen Sohn und dessen Familie verloren hatte.

© By Gitte
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9 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 23.06.2017 | 07:10  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 23.06.2017 | 07:16  
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Gitte Hedderich aus Herten | 23.06.2017 | 07:41  
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Hans-Dieter Letschert aus Dortmund-Ost | 23.06.2017 | 07:43  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 23.06.2017 | 11:01  
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Gitte Hedderich aus Herten | 23.06.2017 | 12:00  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 23.06.2017 | 16:29  
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Gitte Hedderich aus Herten | 23.06.2017 | 20:23  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 26.06.2017 | 10:43  
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