Mein Spiegelbild!

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Mein Spiegelbild!
Es war ein schleichender Prozess und ich merkte es erst nach langer Zeit. Sicher kennt ihr das alle, ihr betrachtet euch jahrelang im Spiegel und plötzlich kommt der Gedanke, bin ich das überhaupt. Dann beruhigt man sich und denkt, na ja, das ist das Alter, aber ist es wirklich immer so einfach?

Mein Spiegelbild veränderte sich mit der Zeit, einst war mein Gesicht schmal und plötzlich rundete es sich, die Augenbrauen wurden lichter und einige Fältchen zeigten sich, ich versuchte mit Cremes und Kosmetika den unaufhaltsamen Prozess zu verlangsamen, aber ich veränderte mich. Seltsam war auch, das sich gleichermaßen meine Mimik veränderte, gut mein Leben war nicht immer leicht, aber mein angeborener Optimismus und der Humor hatten immer dafür gesorgt, das mein Gesicht Lachfältchen aufwies, nun wirkte es eher griesgrämig. Das passte nicht zu mir, ich begann mich besser zu beobachten und was ich sah, erschreckte mich.

Zugleich bemerkte ich, dass mein Mann mich öfter sinnend betrachtete. „Stimmt etwas nicht“, wollte ich wissen. „Doch doch, es ist nur……..“ „Was“, hakte ich nach? „Du bist so anders, so……so frech in der letzten Zeit.“ „Das ist mein Selbstbewusstsein“, flachste ich, aber mir war mulmig zu Mute. Hatte nicht auch meine Freundin schon einige Male gefragt, ob ich mit dem falschen Fuß aufgestanden sei? Was war nur los mit mir, ich kannte mich selbst nicht mehr.

Nach einer Weile trat eine neue Merkwürdigkeit auf, ich reagierte verzögert. Wenn ich lachte, dauerte es einige Sekunden, bevor auch mein Gesicht im Spiegel lachte, ich wurde zusehends nervöser und zerbrach mir den Kopf, was der Auslöser dieser Seltsamkeit sein könnte.

Um mich abzulenken, beschloss ich wieder einmal meine Puppen umzukleiden. Dabei kam mir eine Idee. Auf dem Dachboden musste sich noch ein Koffer mit meinen eigenen Babysachen befinden. Beim Tode meiner Mutter hatte ich alles hinein gestopft und die Sachen schleunigst auf den Dachboden verbannt, weil mich ihr Anblick traurig machte. Nun waren einige Jahre vergangen und ich würde nun nachsehen, was sich in dem Koffer befand, ich säuberte den Koffer oberflächlich und schleppte ihn in die Wohnung. Als ich ihn öffnete stieß ich einen Ruf des Entzückens aus. Wunderschöne, liebevoll zusammen gestellte Babywäsche fand ich darin. Aber was war das? Fast alles gab es in doppelter Ausführung. Sicher, Baby Jäckchen braucht man viele und es kann sein, das sie sich gleichen, aber Strampler, Mützchen und Ausfahr Garnituren kauft man doch nicht im Doppelpack? Alles befand sich in doppelter Ausführung in dem Koffer, ich war ins Grübeln versunken und merkte erst nach einiger Zeit, dass ich weinte. Ströme von Tränen bedeckten mein Gesicht, was hatte das nun wieder zu bedeuten? Verstört schloss ich den Koffer wieder und schob ihn erst einmal unter das Bett. Eigentlich hatte ich mich ablenken wollen, nun war ich nachdenklicher denn je.

Nach einer Weile des Grübelns fiel mit Tante Sophie ein, sie würde ich fragen, vielleicht kannte sie die Antwort auf diese Merkwürdigkeiten. Sofort griff ich zum Telefon und rief bei ihr an, ich hatte Glück, sie war daheim. Zuerst sprach ich über dies und jenes, eine seltsame Scheu hielt mich davon ab, gleich das Gespräch auf den Grund meines Anrufes zu bringen. Nachdem wir den Familien Tratsch beklönt hatten, fragte ich so nebenbei: „Sag mal, ich habe meine alten Kindersachen ausgepackt und wollte einmal nachsehen, ob etwas für meine Puppen darunter ist, die Sachen sind fast alle doppelt vorhanden, warum hat meine Mutter alles zweifach besorgt?“ Eine Weile war es still in der Leitung. Tante Sophie schien sich zu besinnen, wie sie mir die Antwort beibringen konnte. Dann begann sie zu erzählen. „Weißt du“, sagte sie, „deine Mutter nahm damals sehr schnell an Gewicht zu, Ultraschall gab es noch nicht und der Arzt glaubte zwei Herztöne zu hören. Wir vermuteten alle, dass deine Mutter Zwillinge bekommen würde, aber dann wurdest du geboren und du warst ein sehr großes Baby. Entweder hat sich der Arzt geirrt, oder……….“ „Was oder“, hakte ich nach. Tante Sophie druckste herum. „Ob es das wirklich gibt, weiß ich nicht, aber ich habe mir mal sagen lassen, dass es vorkommt, sehr selten vorkommt, dass ein Zwilling den anderen im Mutterleib absorbiert.“ Entsetzen sprang mich an. „Dann wäre ich ja……“, der Gedanke ließ mich verstummen. „Dann wäre ich ja die Mörderin meiner Schwester“, sprach ich das ungeheure nun doch aus. Eine Weile schwiegen wir und hingen unseren Gedanken nach. Danach wechselten wir noch einige belanglose Worte und dann beendeten wir das Gespräch.


Die Gedanken kreisten im meinem Kopf, als sei dort ein Bienenschwarm zu Hause, ich hätte also eine Schwester gehabt, eine Schwester, die ich mir als Einzelkind immer gewünscht hatte. Zugleich fühlte ich mich entsetzlich schuldig, es war völliger Blödsinn, denn ich hatte meine Schwester ja nicht mit Absicht vernichtet, dass Leben gestohlen, oder wie sollte man es ausdrücken? Grübelnd betrachtete ich mich im Spiegel. „Bist du hier“, fragte ich in mich hinein? Meine Augen blitzten auf. Meine Augen? Waren das auch ihre Augen? Du liebe Zeit, ich würde gerne mit jemandem darüber reden, aber dann würde ich schneller in der Klapse landen, als ich gucken konnte. Was machte ich überhaupt hier, ich versuchte tatsächlich mit meinem Spiegelbild zu reden. Nervös lachte ich auf und war gerade im Begriff mich umzuwenden, als ein zaghaftes Hallo mich zur Salzsäule erstarren ließ, ich schnellte herum und starrte mit weit aufgerissenen Augen in mein lächelndes Spiegelbild.

„Bist du tatsächlich meine Schwester, wie heißt du und warum meldest du dich erst jetzt“, wollte ich wissen? Mein Gesicht grinste mir stärker entgegen. „Unsere Mutter wollte mir den Namen Nora geben“, vernahm ich. Unsere Mutter? Ach ja, ich würde mich umgewöhnen müssen, nun war es nicht mehr nur meine Mutter, sondern unsere Mutter. Weißt du, ich habe wohl sehr lange geschlafen, erinnerst du dich an deine Operation im letzten Jahr? Bis dahin lag ich eingebettet in deinen Eingeweiden, als mich das Licht dann aufgeweckt hat, um mich dann wieder in die Dunkelheit versinken zu lassen, habe ich erst gemerkt, das es kein Leben ist, das ich führe, ich bin gefangen in dir. „Bist du deshalb oft gereizt, versuchte ich mir meine seltsamen Stimmungsschwankungen zu erklären?“ „Na ich möchte dich mal erleben, wenn du in meiner Hülle eingesperrt wärst“, entgegnete meine Schwester, nun eher traurig, als böse. Erstaunlich, wie schnell ich sie in mein Leben intrigiert hatte. Nachdenklich begab ich mich ins Wohnzimmer, meine Schwester war ja in mir, ich brauchte keinen Spiegel um mit ihr zu reden. „Was soll ich machen, was kann ich machen“, wollte ich wissen. Eine Weile war es still. „Nichts“, hörte ich dann, „ohne dich könnte ich nicht existieren, aber ich bin doch nun mal da, vielleicht kann ich dich beraten, wie….. wie eine unsichtbare Schwester eben, vielleicht kannst du mich ein wenig einbinden, in dein/unser Leben?“ „Den Versuch können wir gerne machen, mal sehen wie wir miteinander klar kommen“, erwiderte ich.

Die folgende Zeit gestaltete sich spannend für uns beide, Zwillinge sind sich ja ähnlich, aber eben nicht gleich und weil ich einen Körper besaß war ich entschieden im Vorteil, aber ich beschloss das nicht auszunutzen, sondern meiner Schwester einen gewissen Einfluss, ein Mitspracherecht einzuräumen. Das Experiment unseres gemeinsamen Lebens begann beim Puppen umkleiden. Die erste war umgestaltet. „Wie findest du sie“, wollte ich von Nora wissen? Sie prüfte eine Weile, dann gab sie mir zu bedenken, dass die Haarspangen in einer anderen Farbe besser harmonieren könnten und sie hatte Recht. Geschmacklich schwammen wir also schon mal auf einer Welle, das würde unser Verhältnis schon einmal nicht belasten.

Es sollte aber nicht so problemlos bleiben, unser Urlaub stand vor der Türe. „Klasse“, freute sich Nora, „endlich Zeit, wir können uns viel miteinander unterhalten.“ „Daraus wird leider nichts“, gab ich bedauernd zurück, „wie soll ich das meinem Mann erklären.“ Meine Mundwinkel zogen sich enttäuscht nach unten. „He lass“, das bat ich, „wenn du das öfter machst bekommen wir irgendwann Probleme. Schließlich ist Urlaub eine freudige Sache, wenn auch leider nicht für dich“, sagte ich bedauernd. „Entschuldige“ meinte Nora, „meine Gefühle drücken sich ja nun einmal in deinem Gesicht aus und da wir nur das eine haben…….“ Es war wirklich nicht einfach.

Nach einigen Tagen hatten wir uns aneinander gewöhnt, doch dann trat ein neues Problem auf. Es war Samstag, mein Mann und ich genossen das Wochenende, wir hörten romantische Musik, Kerzen brannten, wir tranken eine Flasche Wein und er begann mich zu streicheln. Mir wurde heiß und kalt, wie sollte ich das auf Dauer erklären? Etwa so? Schatz, ich kann nicht, ich trage meinen eigenen Spanner in mir, oder Spannerin? Explosionsartiges Gelächter schüttelte mich, Nora und ich lachten gemeinsam. Mein Mann sah mich entgeistert an. „Kannst du mir erklären, was so lustig ist“, wollte er ein wenig frustriert wissen. Es wurde Zeit Farbe zu bekennen, denn wir hatten sonst nie Geheimnisse voreinander. „Weißt du, wir führen gewissermaßen eine Ehe zu dritt“, begann ich. „Nein, nicht“, stöhnte Nora. „Es geht nicht anders“, erwiderte ich. Die Augen meines Mannes weiteten sich immer mehr. „Das ist jetzt nicht dein Ernst“, bemerkte er. „Leider doch, aber es ist mit Sicherheit anders, als du denkst“, entgegnete ich und berichtete ihm diese ganze unglaubliche Geschichte. Ja, das ist nun unser „Familien-Geheimnis, heißt es nicht jede Familie habe eines? Immer noch feilen wir an dem reibungslosen Miteinander, aber es wird täglich besser.
© By Gitte
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21 Kommentare
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 25.03.2016 | 08:48  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 25.03.2016 | 09:25  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 25.03.2016 | 11:01  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 25.03.2016 | 11:02  
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 25.03.2016 | 11:04  
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Gitte Hedderich aus Herten | 25.03.2016 | 12:27  
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Elisabeth Jagusch aus Schermbeck | 25.03.2016 | 12:28  
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Gitte Hedderich aus Herten | 25.03.2016 | 15:12  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 25.03.2016 | 15:52  
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Gitte Hedderich aus Herten | 25.03.2016 | 15:58  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 25.03.2016 | 16:08  
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Gitte Hedderich aus Herten | 25.03.2016 | 16:30  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 25.03.2016 | 16:48  
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Gitte Hedderich aus Herten | 25.03.2016 | 17:58  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 25.03.2016 | 18:29  
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Thorsten Ottofrickenstein aus Menden (Sauerland) | 26.03.2016 | 16:57  
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Gitte Hedderich aus Herten | 27.03.2016 | 07:50  
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Thorsten Ottofrickenstein aus Menden (Sauerland) | 27.03.2016 | 12:38  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 27.03.2016 | 12:49  
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Gitte Hedderich aus Herten | 27.03.2016 | 12:50  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 27.03.2016 | 12:53  
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