Nachts, wenn alle schlafen!

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Nachts, wenn alle schlafen!


Vivian ist ein äußerst ungewöhnliches Mädchen. Andere Kinder wachen am Morgen fröhlich auf und freuen sich auf den neuen Tag. Nicht so Vivian. Ihre Mutter hat reichlich Mühe, sie am Morgen wach zu bekommen und am Tage, wenn alle Kinder spielen, rennen und balgen, döst sie träge vor sich hin. Oft beobachtet ihre Mutter sie und fragt sich, was mit ihr los ist. Warum fehlt gerade ihrem Kind jeglicher Antrieb.

Aber der Tag ist nicht Vivians Zeit, denn das ist die Nacht.


Alles begann damit, dass Vivian in einer Vollmondnacht schlafwandelte. Sie war bis vor die Haustüre gekommen, als sie jemand ansprach. Nun ist ja bekannt, dass man Schlafwandler nicht ansprechen soll, weil sie dann erschrecken und verunglücken können. Der, der Vivian ansprach, wusste das nicht, denn er war kein Mensch, sondern ein Hund. Ein riesiger schwarzer, als äußerst bösartig verschriener Schäferhund, um genau zu sein.
Attila bewohnte den Zwinger vor dem Haus, in dem Vivian wohnte.

„He!“ knurrte er sie in jener Nacht an. „He! Wo willst Du denn um diese Zeit hin?“
Vivian zuckte zusammen. Irritiert schaute sie sich um, wer hatte da zu ihr gesprochen?
„Wo willst du hin?“ fragte Attila erneut.
Vivian setzte sich vor Schreck auf die Stufen vor der Haustüre. „Wieso kannst du reden?“ wollte sie nun von Attila wissen.
„Das kann jeder Hund, aber nur in der Zeit von Mitternacht bis Ein Uhr“ grummelte Attila.
„Das ist ja ein Ding!“ staunte Vivian. „Es gibt so vieles, was ich Dich schon immer fragen wollte!“
„Leg los.“ meinte Attila. „Was möchtest Du wissen?“


„Warum hast du Frau Bellenberg gebissen, als sie spät am Abend nach Hause kam?“
„Also so ein Blödsinn!“ regte Attila sich auf. „Die hatte mal wieder aus lauter Eitelkeit ihre Brille nicht auf. Und da ich hier der Wachhund bin, habe ich eben gebellt, um ihre Ankunft anzumelden. Das ist schließlich mein Job. Sie hat sich dann furchtbar erschrocken und ist gestürzt. Das konnte sie natürlich nicht zugeben, weil sie sonst alle ausgelacht hätten, also musste ich herhalten. Manchmal verstehe ich die Menschen nicht!“

„Und dein Frauchen, was war damit? Hast Du Dein Frauchen angefallen?“
„ Angefallen!“ knurrte Attila bitter. „Die hat Angst vor mir und hält die Futterschüssel hoch über dem Kopf, wenn sie sie hinein bringt, also habe ich geknurrt, denn ich bekomme nur einmal an Tag zu Fressen und hatte großen Hunger. Es war übrigens sehr nett, dass du mir kürzlich ein Stück Fleischwurst gebracht hast.“
„Du hast so traurig ausgesehen“ sagte Vivian.
„Das bin ich meist auch, denn ich bin sehr einsam, immer werde ich hier eingesperrt.“
Vivian trat an den Zaun und steckte drei Finger hindurch um Attilas Kopf zu streicheln. Wenn das einer sehen könnte, ….. sie kicherte. Alle würden vor Schreck in Ohnmacht fallen und sofort nachsehen, ob meine Finger noch dran sind. Attila jaulte leise vor Wonne, in der Ferne schlug die Kirchturmuhr eins.
„Morgen komme ich wieder und bringe Dir etwas zu essen mit“ versprach sie.
Attila legte sich nieder, die Zeit seiner Sprache war für heute vorbei, aber er war glücklich. Er hatte eine Freundin gefunden, die ihn verstand.
Und Vivian? Sie hatte die Nacht für sich entdeckt! An Schlaf war natürlich lange Zeit nicht mehr zu denken, zu aufregend waren die Erlebnisse und so war sie am anderen Morgen wie gerädert.



Am nächsten Abend konnte sie lange nicht einschlafen.
„ Ich muss um Mitternacht wach sein,“ sagte sie sich immer wieder. Es klappte. Als sie erwachte und auf die Uhr schaute, war es 10 Minuten vor zwölf. Sie kleidete sich an und wollte gerade zum Kühlschrank gehen, um für Attila etwas mitzunehmen, als sie leise Stimmen hörte.
„Seht, sie schlafwandelt schon wieder!“ piepste ein feines Stimmchen. Vivian blieb stehen, was war das nun schon wieder? „Glaub ich nicht!“ wisperte eine andere Stimme. „Sie geht nicht geradeaus, sondern läuft durch die Wohnung. Psssst, wenn sie uns hört….“
„Schon passiert“ flüsterte Vivian. „Wer spricht da?“
„Ich, Aquamarina!“ hörte sie.

Aquamarina war Vivians Puppe. Als Vivian noch ein kleines Kind gewesen war, hatte ihr der Vater einen Ring mit einem Aquamarin als Schmuckstein geschenkt.
Als sie dann später eine Puppe mit wunderschönen blauen Augen bekam, benannte sie diese nach diesem Edelstein.

Nun unterhielt sich diese Puppe mit Petra, einer anderen Puppe, die Vivian gehörte.
„Ja, könnt Ihr etwa auch in der Nacht zwischen Mitternacht und ein Uhr reden?“ wollte sie nun wissen.
„Wer hat dir das gesagt?“ fragte Aquamarina zurück.
„Attila hat es mir erzählt.“ entgegnete Vivian. „Das ist ja ein Ding, also können alle Tiere und Puppen in der Nacht reden. Aber Blumen, Bäume, Elfen und Kobolde sind doch auch Geschöpfe der Nacht. Worüber unterhaltet Ihr Euch denn so?“ erkundigte sich Vivian neugierig.
„Oooch, über alles, worüber Mädels halt so reden…“ sprach Aquamarina. „Auch darüber, dass Du mir letztens dieses furchtbar kurze Kleid angezogen hast und Teddy den ganzen Tag auf meinen Po glotzte.“
„Und dass Du mir beim Kämmen entsetzlich viele Haare ausgerissen hast, der Kopf schmerzt immer noch“,…“ beschwerte sich nun Petra.
„Und über diese dumme, eingebildete Pute mit Namen Karin, die Puppe deiner Freundin Renate. Die glaubt doch tatsächlich, sie sei was Besseres, nur weil sie ein Kleid aus reiner Seide trägt.“


Vivian schämte sich ein bisschen ihrer Rücksichtslosigkeit und entschuldigte sich bei den Puppen.
„Ich werde nie mehr so gedankenlos sein. Ehrenwort“, versprach sie. Aber nun muss ich los, Attila wartet sicher schon auf seine versprochene Futterration.“
„Oh je, hast du dir das gut überlegt?“ wollte Petra wissen. „Wenn das deine Mutter merkt…“
„Das ist Fleisch, das ich von meinem Mittagessen gebunkert habe“, entgegnete Vivian verschmitzt. „Das merkt keiner und nun Adieu!“
Damit stob sie davon.



Attila wartete schon ungeduldig auf sie. Gierig verschlang er die mitgebrachten Fleischbrocken; es hatte Gulasch zu Mittag gegeben.
„Was hast Du? Du bist so unruhig.“ sprach er Vivian an.
„Ach, die Puppen haben mir bestätigt, dass in dieser Nachtstunde auch die Blumen und Bäume reden können, ebenso die Elfen und Kobolde. Gibt es die denn überhaupt?“
„Aber ja“ bestätigte Attila. „Nimm Dich in Acht, nicht alle Kobolde sind den Menschen wohl gesonnen…“
„Das muss ich sehen, sei nicht böse, ich komme morgen wieder!“.
Schnell lief Vivian in den Garten hinter dem Haus.



Sie setzte sich auf die Wiese. Das war ein Geraune dort.
„Du bist so strahlend weiß!“ sprach die Butterblume zum Gänseblümchen.
„Und Du so herrlich sonnengelb!“ entgegnete diese.
„Wunderbar erfrischend dieser Tau.“ seufzte die Rose.
„Gib Acht, Du zertrittst meine Kinder!“ beschwerte sich der Klee.
Erschrocken zog sich Vivian auf den gepflasterten Weg zurück… so hatte sie das nie gesehen, dass auch die kleinsten Pflanzen lebten.



Doch halt! Was war das jetzt wieder?
Vivian horchte auf.
Weinte da nicht jemand?
Richtig!
Sie schaute sich um, im Schatten des Baumes entdeckte sie eine kleine Gestalt.
„Wer bist Du?“ fragte sie.
„Wenn ich Dir das sage, läufst du fort und ich bin so einsam,“ jammerte das Geschöpf.
Neugierig kam Vivian näher und blickte in zwei rote Augen.


„Mein Name ist Kasimir und ich bin ein Vampir, das heißt, ich werde erst einer. Meine Eltern leiten die hiesige Vampirkolonie, wir sind immer noch gefürchtet, obwohl wir uns schon seit Jahren von Blutkonserven und Plasma ernähren. Hast Du denn keine Angst vor mir?“ fragte Kasimir.
„Aber nein! Du siehst gar nicht böse aus, nur sehr, sehr traurig.“
Vorsichtig streichelte Vivian Kasimirs rabenschwarzen Haarschopf.
Der seufzte tief.
„Sag, willst Du meine Freundin werden?“ wollte er wissen.
Vivian nickte:
„Aber sehr gerne, wer hat schon einen Vampir zum Freund“ kicherte sie. „Aber hör mal, Du verlierst Deine Fähigkeiten doch nicht etwa auch um ein Uhr?“
Um sie herum herrschte plötzlich tiefe Stille.
„Oh nein, ich muss erst zurück, wenn die Sonne aufgeht, daran hat sich leider noch nichts geändert.“ erklärte ihr Kasimir. „Komm, wir fliegen eine Runde!“
Er nahm Vivian auf die Schultern, breitete seinen Mantel aus und huiiiii, los ging es in die Lüfte.
Von nun an war Kasimir nicht mehr einsam.
Attila wurde verträglicher, dank seiner nächtlichen Extraportion Futter und Vivians Puppen waren mit ihrer Mama sehr zufrieden.
Nur Vivian war tagsüber immer müde.
Ihr kennt ja jetzt den Grund.
Doch – pssssssssssst – verratet sie bitte nicht.

© By Gitte
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17 Kommentare
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 29.04.2016 | 06:54  
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Peter Gerber aus Menden (Sauerland) | 29.04.2016 | 06:57  
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Gitte Hedderich aus Herten | 29.04.2016 | 07:20  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 29.04.2016 | 07:59  
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 29.04.2016 | 08:16  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 29.04.2016 | 09:30  
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Gitte Hedderich aus Herten | 29.04.2016 | 12:47  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 30.04.2016 | 03:00  
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Gitte Hedderich aus Herten | 30.04.2016 | 07:44  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 30.04.2016 | 08:26  
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Gitte Hedderich aus Herten | 30.04.2016 | 10:51  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 30.04.2016 | 10:59  
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Gitte Hedderich aus Herten | 30.04.2016 | 12:34  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 30.04.2016 | 14:27  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 03.05.2016 | 05:10  
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