Saalbau Maas

Anzeige
Saalbau Maas!
In meinem Heimatdorf gab es für große Feiern ein herrliches Haus, den Saalbau Maas. Nach dem Krieg wieder aufgebaut, fanden hier die großen Feiern statt, Konzerte, Karnevals Sitzungen ect. Doch weil alles vergänglich ist, so stand auch eines Tages das große Haus leer. Bei meinem Schulweg konnte ich wählen, durch die Pittagsgasse, die Wigstraße hinunter, an der Bäckerei Nacke vorbei war der etwas belebtere Weg. Am alten Friedhof, die Dückerstraße hinunter am Saalbau Maas vorbei und die Heckerstraße entlang der Stille. Den wählte ich seltener, denn ich hatte immer ein wenig Angst dort. Still lag das große stattliche Gebäude mit einem Gürtel wild wuchernden Unkrauts darum und scheu betrachtete ich jedes Mal die großen dunklen Fenster.

In unserer Schule gab es keine Turnräume, diesen Unterricht bekamen wir immer in der Kellerschule, es war herrlich während der Stunde dorthin zu spazieren und wir genossen die Freiheit. Das änderte sich 1963, den Turnunterricht übernahm unsere alte Handarbeits- Lehrerin und er fand in dem alten Schulgebäude neben dem Saalbau Maas statt. Der Weg war wesentlich kürzer und die Lehrerin nicht sehr beliebt aber es half kein Protest.

In der ersten Pause lümmelten wir uns schlecht gelaunt auf dem Pausenhof. Mit einem Stock klapperte ich das rostige Gitter ab, das den Saalbau von unserem Schulhof trennte. Was war das? Erschrocken hielt ich inne. Das eingelassene Tor gab nach und sprang auf. Schnell blickten wir uns um, keiner hatte etwas bemerkt. Verschwörerisch legte ich den Finger auf die Lippe und bedeutete durch Winken meiner Hand meinen besten Freundinnen, die bei mir standen mir zu folgen. Schnell schlüpfte ich hinein, Angelika und Brigitte folgten mir. So leise es möglich war lehnten wir das Tor wieder an und begaben uns auf Entdeckungsreise. Das Gras wucherte kniehoch, hier konnten wir herrlich spielen und keiner würde uns finden. Aus Neugier fasste ich nach der Klinke der hohen Eisentüre und konnte es fast selbst nicht glauben, die Türe öffnete sich. Erschrocken hielt ich inne, aber schon hatten mich meine Freundinnen herein gedrängt, sie schoben mich in den dunklen, modrig riechenden Raum hinein. Als sich unsere Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, blickten wir uns staunend um. Von der hohen Decke hingen riesige Kristalllüster herab, die über und über mit Kristall Tropfen behangen waren, wie würden die im Lichterglanz funkeln und strahlen. Um die hohen, vor Schmutz halbblinden Bogenfenster waren dicke, dunkle Samt Portieren dekoriert. Langsam tasteten wir uns durch die Stuhlreihen zur Bühne. Sie war eine Handbreit höher als unsere Köpfe und eine Treppe mit einigen Stufen führte seitlich hinauf. Vorsichtig stiegen wir nach oben und standen auf den Brettern, die die Welt bedeuten sollen. Der Hintergrund war ebenfalls mit einem schweren Samtvorhang abgeteilt und in einer Ecke entdeckten wir eine Kiste. Als ich sie öffnete erblickte ich Kostüme. Obenauf lag ein hellblaues Samt Barett und darunter eine Uniformjacke aus dem gleichen Stoff mit vielen goldenen Litzen. Begeistert kamen meine Freundinnen herbei und begannen zu wühlen, sie berauschten sich förmlich an den knisternden Seidenstoffen und den zarten Tüll Stoffen. Von Ferne hörten wir gedämpftes Klingeln. Das galt uns, die Pause war zu Ende. „Schwört, das ihr niemandem etwas erzählt“, forderte ich meine Freundinnen auf und hastig legten wie alle einen Schwur ab. Dann beeilten wir uns ungesehen auf den Schulhof zu kommen und ließen uns im Strom der anderen Kinder in unsere Klasse treiben. Keiner von uns war in der Lage aufmerksam dem Unterricht zu folgen, immer wieder streiften unsere Gedanken zu unserem Abenteuer und wir kassierten manche Rüge an diesem Morgen.

Nach dem Unterricht hatte ich es eilig nach Hause zu kommen, in Windeseile erledigte ich meine Aufgaben und machte mich auf den Weg zu meiner besten Freundin Marion, die besuchte das Gymnasium und wir sahen uns nur am Nachmittag. Schließlich hatte ich die offene Türe entdeckt und es sollte mit keiner zuvor kommen mit der Erforschung dieser herrlichen Räume. Völlig außer Atem kam ich bei Marion an. Nach dem ungeduldigen Klingeln von mir, öffnete ihre Mutter. „Das tut mir aber leid, Marion ist zu Besuch bei ihrer Cousine“, sagte sie. „Wart ihr zwei verabredet?“ Traurig schüttelte ich den Kopf. „Wann kommt sie zurück“, wollte ich wissen? „Sie bleibt über Nacht, denn Morgen ist ja Samstag“, antwortete ihre Mutter mir. „Dann komme ich Morgen wieder“, entschied ich und wendete mich zum Gehen. Die Gedanken purzelten in meinem Kopf durcheinander. Bis Morgen warten? Oh nein, nachher verriet sich doch eine von uns, das Tor würde verschlossen werden und wir würden nie wieder einen Blick hinein werfen können in diese herrlichen Räume. Seufzend machte ich mich allein auf den Weg.

Mit klopfendem Herzen stand ich eine Weile später vor dem großen Tor, ich schritt hinein und legte es sorgfältig wieder an, damit ich als ungebetener Eindringling nicht gleich entdeckt wurde. Dann betrat ich das Gebäude. Nach kurzer Überlegung stellte ich einen Stuhl mit der Lehne unter den Türgriff, denn ich hatte Angst und wollte nicht von jemandem überrascht werden, der mir Böses wollte. So fühlte ich mich einigermaßen sicher. Zuerst war es mir sehr unbehaglich zu Mute, aber bald hatte mich der luxuriöse Raum in seinen Bann geschlagen und ich begab mich auf Entdeckungsreise. Wieder kraxelte ich auf die Bühne und dieses Mal schaute hinter den Samtvorhang. Zu meinem Entzücken entdeckte ich dort schöne farbige Bühnenbilder. Entschlossen begann ich den Vorhang zur Seite zu schieben und als sich der Staub gelegt hatte, fand ich mich in einem herrlichen Rosengarten wieder. Begeistert wühlte ich in der Kiste mit den Kostümen und zog ein wunderschönes rosafarbenes Seidenkleid heraus. Natürlich war es viel zu groß, aber was machte das schon, ich ließ es über meinen Kopf gleiten und als der Saum im großen Wellen um mich herum lag, fühlte ich mich als schöne Frau von Welt. Ob hier irgendwo einen Spiegel gab? Ganz sicher. So raffte ich den Rock zusammen und machte mich auf die Suche. Als ich den Vorhang erneut zur Seite schob, ließ ich den Rock fallen und bei dem Versuch einen Schritt nach hinten zu machen verhedderten sich meine Beine hoffnungslos in dem Stoff.

Hart schlug ich auf den Boden und merkte zu meinem Entsetzen, das der nachgab. Es gab ein hässliches Geräusch und ich stürzte in den Hohlraum unter der Bühne. Stöhnend wollte ich mich aufrappeln, als ein entsetzlicher Schmerz in meinem Bein mich wieder zusammen sinken ließ. Die Angst trieb mir nun den Schweiß auf die Stirne. Keiner wusste wo ich war und selbst wenn meine Freundinnen es ahnen sollten, die Türe war von mir verkeilt. Es musste mir einfach gelingen hier herauszukommen. Verzweifelt versuchte ich mich zu beruhigen. Panik brachte mich nicht weiter, nur ein überlegtes Vorgehen. Zuerst einmal musste ich feststellen was mir fehlte, dazu begann ich unter schlimmen Qualen meine Beine freizulegen. Nachdem ich den Stoff so vorsichtig wie möglich beiseite geschoben und gezogen hatte bemerkte ich einen Holzspan und Feuchtigkeit. Sehen konnte ich fast nichts, war der Raum über mir schon in Halbdunkel getaucht, hier hatte ich nur den kleinen Fleck, des gefilterten Lichtes, der durch das Loch herein fiel. Also verließ ich mich notgedrungen auf meine Tastsinn. Was ich dann bemerkte ließ allerdings die Panik wieder aufflackern. Es war kein Holzsplitter, den ich da ertastet hatte, es war ein Knochensplitter, der sich durch die Haut meines Beines geschoben hatte und die Feuchtigkeit war logischerweise Blut. Nur ruhig sprach ich mir selber Mut zu, an einem Beinbruch stirbt man nicht. Aber an dem Blutverlust hörte ich eine andere böse Stimme in meine Gedanken. Das wollte ich nicht hören und ich begann hektisch zu arbeiten. Zuerst einmal musste ich das Kleid in Streifen reißen und versuchen damit das Bein zusammen zu binden. Kaum hatte ich ein klein wenig Mut geschöpft, als ich etwas hörte, das augenblicklich mein Blut zu Eis erstarren ließ. Als ich vor Grausen den Atem anhielt, hörte ich es genau, leise Pfiffe und das Getrappel kleiner Pfötchen. Mit stellten sich buchstäblich die Haare auf. Na klar, das war ein altes unbewohntes Gebäude, Ratten fühlten sich hier wohl und der Blutgeruch hatte sie wohl endgültig angelockt. Verzweifelt, von Ekel und Grausen geschüttelt, versuchte ich mich aufzurichten. Sackte aber sogleich mit einem Schmerzensschrei wieder zusammen. Einen Moment lang herrschte Stille. Der Lärm hatte sie wohl vertrieben, aber sicher nicht für lange. Der Versuch mich Aufzurichten hatte eine Menge Kraft gekostet und ich rang nach Atem. Da bemerkte ich, wie etwas anfing an meinem gesunden Fuß zu zupfen, ich wusste nicht mehr was ich tat, außer mir vor Ekel trat ich nach diesen Biestern und mein zerschlagenes Bein nahm mir das sehr übel. Eine Weile war ich nicht mehr in der Lage mich zu bewegen. Die Tränen liefen mir vor Angst, Schmerz, Anstrengung und Erschöpfung über die Wangen. Plötzlich spürte ich am Zeh meines gesunden Beines einen stechenden Schmerz. Eines dieser Viecher hatte scheinbar zugebissen. Da war es mit meiner Beherrschung vorbei. Es konnte mich niemand hören, dennoch schrie ich, schrie meine Not und Verzweiflung hinaus und konnte nicht mehr aufhören. In dieser Zeit hatte ich meine Arme neben mir liegen. Meine linke Hand begann sich plötzlich zu bewegen und während ich noch darüber staunte, sah ich dass an ihr ein kleines graues Fellbündel hing, das sie hin und her zerrte. Dies war der Moment, indem mein Geist sich verabschiedete, das Schreien verstummte und meine Augen überzogen sich mit einem leeren Blick, während mein Geist davon glitt in eine andere Welt.

Einige Zeit später aß man im Hause Schubert zu Abend. „Wo ist denn unsere kleine Gitte“ erkundigte sich Vater Theo, der es nicht gewöhnt war, das seine Tochter nicht pünktlich am Tisch saß. Mutter Waltraud zuckte die Schultern. „Sie wollte zu ihrer Freundin Marion, sicher haben sie sich verplaudert und darüber die Zeit vergessen“, meinte sie nicht sonderlich besorgt. „Das ist aber noch nie passiert“, gab der Vater zu bedenken. „Sie ist zwölf und ein Teenager, besser zu gewöhnst dich Beizeiten daran“, lachte die Mutter. Als die Tagesschau um acht Uhr begann und Gitte immer noch nicht aufgetaucht war, begann sie allerdings auch sich zu sorgen. „Komm wir gehen zu Marions Eltern, vielleicht traut sie sich nicht heim wegen der Verspätung und wir begegnen ihr unterwegs“, schlug der Vater schließlich vor. Sie trafen bei Marions Eltern ein und erfuhren, das Gitte zwar da gewesen war, aber Marion nicht angetroffen hatte, was sie danach gemacht hatte wusste man leider auch nicht. Mittlerweile ziemlich beunruhigt gingen die Eltern wieder heim. Von dem Hauswirt, der ein Telefon besaß riefen sie Freunde und Bekannte an, aber Gitte war und blieb verschwunden. Außer sich vor Sorge verbrachten sie die Nacht auf dem Sofa und zermarterten ihre Köpfe wo ihre Tochter wohl stecken könne. Am nächsten Morgen schellte es ziemlich früh und erleichtert stürzten beide zur Türe, aber es war nicht ihr Kind, Marions Mutter war erschienen und hatte ihre Tochter mitgebracht. Marion erbot sich sogleich an allen Orten zu suchen, die ihre Lieblingsplätze gewesen waren, die alte Ruine an der Kellerstraße, die Trauerweise auf der Brehminsel. Unterdessen lief Mutter Waltraud alle Klassen Kolleginnen ihrer Tochter ab und befragte sie ob sie eine Ahnung hätten wo Gitte stecken könnte. So erfuhr sie vom Saalbau Maas. Mit den Mädchen ging sie dorthin um nachzusehen, leider hatte man inzwischen wohl bemerkt, das die Türe offen gewesen war und hatte sie verschlossen. Kurz und gut, Gitte war und blieb verschwunden.

Nach Jahren begann man damit den alten Saalbau Maas abzureißen. Als man gewaltsam in das Innere eindrang, denn einen Schlüssel hatte man nicht mehr finden können erschrak man vor dem widerlichen Geruch und danach machte man einen makaberen Fund. In einem Loch im Bühnenboden fand man das säuberlich abgenagte Skelett eines etwa zwölfjährigen Mädchens, welche Tragödie.
© By Gitte
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
3 Kommentare
18.877
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 05.08.2016 | 14:47  
2.403
Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 05.08.2016 | 17:24  
4.978
Gitte Hedderich aus Herten | 06.08.2016 | 08:12  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.