Scheidungskinder

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Scheidungskinder!
Das meine Eltern sich oft stritten hatte ich natürlich mitbekommen, aber das sie sich scheiden ließen, als ich gerade einmal sechs Jahre alt war hätte ich nie gedacht. Meine Einschulung war gerade einige Tage her, da war es soweit. Meine Großtante erklärte sich als Einzige bereit mich zu sich und meinem Großonkel zu nehmen.

Es war schlimm, um mir die Eingewöhnung zu erleichtern, bat sie sich aus das ich keinen Besuch bekommen sollte. Von da an lebte ich nicht mehr wirklich, ich funktionierte. Aufstehen, waschen, frühstücken, Schulbesuch, Hausaufgaben und das alles unter den strengen Blicken der Großtante. Nur die Nächte gehörten mir und meiner Einsamkeit. Jeden Abend, wenn ich allein auf meiner Couch lag, die mir zugewiesen war, weinte ich mir die Seele aus dem Leib. Sogar am Morgen war mein Kissen noch nass. Wenn die Tante dies bemerkt hatte, so verlor sie doch niemals ein Wort darüber, ich kam mir vor wie der Einsamste Mensch auf Gottes Erde. So vergingen einige Wochen, ich wurde immer stiller und zog mich immer mehr in mich selbst zurück.

Dann begannen die Träume. Eines Nachts, als ich wieder leise weinte berührte mich jemand an der Schulter. Im Glauben es sei meine Tante drehte ich mich unwillig zur Seite. „Schau mich doch einmal an bitte“, bat ein leises Stimmchen. Erstaunt blinzelte ich durch den Tränenschleier. Vor meinem Bett stand ein kleines Engelchen und schaute mitleidig auf mich herab. „Wer bist du“, wollte ich nun doch neugierig geworden wissen? „Dein Schutzengel bin ich, ich heiße Ettig“, antwortete es. „Das ist aber ein komischer Name“, fand ich. „Es ist dein Name, von hinten gelesen“, erklärte das Engelchen. „Und warum bist du hier“, wollte ich wissen? „Um dich mitzunehmen, in das Traumland“, gab es mir Bescheid. „Es gibt so vieles, was du wissen solltest und das möchte ich dir zeigen, magst du?“ Es schaute mich fragend an und streckte mir seine Hand entgegen. Nur einen Augenblick überlegte ich, schlimmer konnte es für mich ja kaum werden, also hatte ich nichts zu verlieren.

So nahm ich Ettigs Hand und sie öffnete das Fenster. Dann pfiff sie und herbei sauste ein geflügeltes weißes Pferdchen. Vor lauter Staunen bekam ich den Mund nicht zu. Ettig kicherte, „Pass nur auf, dass deine Milchzähne nicht sauer werden.“ Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte ich auch. Das klang so ungewohnt, dass ich gleich wieder inne hielt. „Nun komm schon“, forderte Ettig, schwang sich auf das Pferdchen und zog mich hinterher. Los ging es wie der Wind, hinauf in den blitzenden Sternenhimmel.

Auf einem dieser leuchtenden Sterne machten wir Halt. Dort, auf seiner Oberfläche war es heller Tag und staunend betrachtete ich diese wunderschöne fremdartige Welt. Der Himmel erinnerte mit seinen Farben an einen Regenbogen. Herrliche Blumen reckten ihm ihre großen farbigen Kelche entgegen. „Star, mein lieber Star“, jubelte ein Stimmchen. Staunend betrachtete ich das fröhliche Mädchen, das das geflügelte Pferdchen liebevoll umhalste. Fragend blickte ich zu Ettig. „Das ist Angelika, deine Schwester“, berichtete sie mir. „Aber ich habe keine Schwester, ich bin ganz allein auf der Welt“, entgegnete ich traurig. „Nicht alles ist so, wie es scheint“, fügte mein Schutzengelchen an. „Angelika wurde ein Jahr nach dir geboren, allerdings starb sie gleich darauf.“ „Dann habe ich eine Schwester, die ich mir immer so sehr gewünscht habe und doch keine“, begriff ich traurig.

„Sehe ich aus, als gäbe es mich nicht“, wollte das Mädchen nun wissen? Sie lachte fröhlich. „Ich kenne dich sehr gut, ich beobachte dich immer und als ich nun bemerkt habe, dass dein Kännchen im Zimmer der Tränen fast überläuft, habe ich dein Engelchen informiert und das hat dich nun hergebracht.“ „Was ist das, das Zimmer der Tränen“, wollte ich nun wissen? Die Beiden nahmen mich in die Mitte und führten mich zu einem großen Haus. Als wir hineingingen erblickte ich viele Zimmer, die von der großen Empfangshalle abgingen. Angelika sprang vor uns her. Vor der Türe mit der Aufschrift: „Mädchen 6-8 Jahre blieb sie stehen und öffnete sie schließlich. Die Wände des Zimmers waren komplett mit Regalen bestückt und auf denen standen zahllose kleine Kännchen und in manche flossen Tropfen, die aus dem Nichts zu kommen schienen. „Du musst herkommen“, forderte Angelika mich auf, “ hochheben kann ich dein Kännchen nicht mehr, sonst läuft es über, es passt keine Träne mehr hinein.“ „Was passiert, wenn das Kännchen überfließt“, fragte ich nach? Ettig gesellte sich zu mir. „Weißt du, alles im Leben hat seinen Gegensatz, es gibt Groß und Klein.“ „Arm und Reich“, ergänzte ich. „Richtig, ich sehe du verstehst“, lächelte Ettig. „Keins soll größer sein als das andere. So soll im Leben auch Trauer und Freude sich die Waage halten. Wenn ein Kind nur noch traurig ist und sein Tränenkännchen überläuft, dann hat sein Engelchen versagt und muss auf den dunklen Stern.“ „Hell und Dunkel“, sinnierte ich. „Richtig “, lobte Ettig. „Was passiert dann“, wollte ich wissen? „Wenn wir das Kind hier her holen, es aber die Lehre nicht annimmt, dann wird sein Engelchen immer blasser und löst sich vor Kummer auf. „Das will ich nicht“, antwortete ich erschüttert. „Dann ändere es, du hast die Macht dazu“, forderte sie mich auf. „Lebe dein Leben, erfülle die Aufgaben, die auf dich warten und ich helfe dir dabei, so gut ich kann“, versprach Ettig mir. Angelika umarmte mich. „Es wird Zeit, wir haben getan was wir konnten, nun ist es an dir zu zeigen das du des Lebens würdig bist, das du erhalten hast. Ettig küsste mich auf beide Augenlider und ich schlief ein.

Als meine Großtante mich am Morgen weckte schenkte ich ihr ein erstes zaghaftes Lächeln.
Gitte
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14 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 03.03.2017 | 08:24  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 03.03.2017 | 09:07  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 03.03.2017 | 12:43  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 03.03.2017 | 13:04  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 03.03.2017 | 14:05  
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Gitte Hedderich aus Herten | 03.03.2017 | 17:14  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 07.03.2017 | 05:31  
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Gitte Hedderich aus Herten | 07.03.2017 | 06:25  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 07.03.2017 | 17:23  
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Gitte Hedderich aus Herten | 08.03.2017 | 08:06  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 14.03.2017 | 06:05  
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Gitte Hedderich aus Herten | 14.03.2017 | 06:23  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 16.03.2017 | 06:18  
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Gitte Hedderich aus Herten | 16.03.2017 | 07:57  
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