Sternenkinder

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Sternen Kinder!
Erinnert ihr euch noch an die wilden 60ger?
Meinen ersten Freund hatte ich schon mit vierzehn Jahren 1966 kennen gelernt. Er war Grafiker und bald gehörte ich zu seiner Clique. Der harte Kern bestand aus vier Freunden. Da war zunächst mal mein Freund Reiner, er war schon zwanzig Jahre alt. Dann Clemens und Connie, ein Männerpärchen und zuletzt Renée, wegen seines Lasters mit dem Spitznamen Fußpilz versehen. Renées Freundin nannten wir wegen ihrer notorischen Eifersucht Ophelia, wir waren also drei Paare und wenn wir uns trafen ging es immer hoch her. Es wurde diskutiert und wir hatten jede Menge Spaß miteinander. Dann kam das schwarze Jahr 1968. Im Frühjahr waren die Männer bei einer Party, bei der immens viel getrunken wurde. Auf dem Heimweg gingen alle vier im Gänsemarsch hintereinander. Die Hauptstraße unseres Dorfes war mit einem weißen Geländer von der Fahrbahn abgetrennt. An diesem Geländer hangelten sie sich entlang. Leider achtete Clemens, der als Erster ging nicht darauf, das es am Marktplatz endete, er kippte auf die Straße und sein Freund Conny, der seine Arme auf seine Schultern gelegt hatte gleich mit. Das Auto, das die beide überrollte fuhr nicht einmal schnell, aber bremsen konnte der Fahrer auch nicht mehr, die zwei waren glatt vor seine Räder gekippt und wurden überrollt. Danach war nichts mehr wie früher und oft schlich sich ein wehmütiges „Weißt du noch“, in unsere Gespräche. Clemens war der Stillere gewesen, aber Connie hatte eine seltsame Eigenart gehabt. Der Bahnhof von Essen-Werden liegt gleich hinter der Ruhr Brücke und auf der herrschte oft Nebel. Connie war ein sehr großer, schlanker Mann, der sich immer Schwarz kleidete. An solchen Nebeltagen pflegte er den Kragen seines Trenchcoat hochzuschlagen, seinen schwarzen Hut in die Stirn zu ziehen, hinter den Menschen dicht herzugehen und ihnen seinen Atem ins Genick zu hauchen. Er konnte sich hinterher köstlich amüsieren, wie die armen Leute dann immer schneller wurden, bemüht sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen, dabei war er ein echt harmloser Zeitgenosse.

Nach einigen Monaten kehrte der Alltag wieder ein und im Hochsommer gingen Reiner und Renée wieder auf eine Party. Das Drama nahm seinen Lauf. Renée, wie immer einem kleinen Flirt nicht abgeneigt stand in der Küche und küsste eine andere, lag es am reichlich genossenen Alkohol, an der Sommerhitze, oder war das Maß bei ihr ganz einfach voll? Dieses Mal weinte Ophelia nicht, sie raste vor Wut, ergriff ein Messer und stach zu, immer und immer wieder, niemandem der entsetzen Gäste gelang es die Rasende zu bändigen. Renée erlag den zahlreichen Stichverletzungen und so waren Reiner und ich in wenigen Monaten unserer Freunde beraubt und allein.

Reiner war sehr still in der folgenden Zeit und als ich ihn in seinem Atelier besuchte, sah ich das er auf das Bild, das die vier Freunde zeigte jedem der drei dahin geschiedenen einen Stern auf die Hände geklebt hatte. „Schön sieht das aus“, bemerkte ich und das erste Mal seit langer Zeit lächelte er ein wenig. „Weißt du, ich denke wenn so ein strahlender, junger Mensch aus dem Leben gerissen wird, dann kann sein Strahlen nicht einfach erlöschen, ich glaube, wegen dieses Strahlens wird er ein Stern und leuchtet uns in der Nacht.“ „Ein schöner Gedanke“, fand ich „und wenn ein Stern bleich wird und klein, dann steht Connie neben ihm und pustet ihm ins Genick“, fügte ich an und wirklich, es gelang mir ihm ein kleines Lachen zu entlocken. Als ich noch einmal auf das Bild sah, bemerkte ich, dass auch Reiner einen Stern hielt. Erschrocken kniff ich die Augen zusammen und strich unwillkürlich über die Sterne. Drei waren aufgeklebt, man merkte es deutlich, aber der vierte, wo kam er her und was bedeutete er? Als ich den Kopf hoch, bemerkte ich, das Reiner mich besorgt ansah. „Alles in Ordnung mit dir“, wollte er wissen? So in Ordnung, wie man ist, es das Schicksal einem drei Freunde nimmt“, entgegnete ich leichthin. Als ich nochmals hinsah, war der Stern verschwunden.

In der folgenden Zeit wich ich kaum noch von Reiners Seite. Er wunderte sich zwar, schob es aber auf meine Gemütsverfassung das ich so klammerte. Es geschahen einige merkwürdige Dinge und zwar immer wenn ich zuvor den Stern sah. Einmal wäre er fast aus dem Fenster gefallen, als er es putzen wollte. Hatte er zuvor gelächelt, dass ich seine Beine festhielt, war er doch dankbar als er dann strauchelte. Ein anderes Mal raste ein betrunkener Autofahrer direkt auf ihn zu, hätte ich nicht so aufgepasst, wäre er das nächste Opfer gewesen. Ein drittes Mal hielt ich ihn davon ab sich in eine Schlägerei einzumischen und wir holten die Polizei, die das erledigte. Nach diesen drei Malen sah ich den Stern nicht wieder und ich denke, wir haben noch eine Chance bekommen. Seine Freunde werden noch auf ihn warten müssen.
© By Gitte
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 10.02.2017 | 08:55  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 10.02.2017 | 10:24  
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 10.02.2017 | 13:55  
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Hanni Borzel aus Arnsberg | 10.02.2017 | 20:45  
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Gitte Hedderich aus Herten | 11.02.2017 | 09:21  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 11.02.2017 | 17:49  
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Gitte Hedderich aus Herten | 12.02.2017 | 09:15  
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