Stimmen 1

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Stimmen 1!

Gina war ein hübscher Teenager, doch seit kurzem hatte sie Probleme. Die Stimmen setzen ihr sehr zu. Eigentlich hatte sie es immer genossen, anders zu sein, als die anderen Mädchen. Ginas Urgroßmutter, Tamara, konnte nämlich weissagen und war damals mit einem kleinen Zirkus durch das Land gereist.
Ginas Großmutter, Sophia, war im Wohnwagen aufgewachsen. In einem kleinen kaukasischen Dörfchen hatte sie dann Joschi kennen gelernt. Sie verliebte sich Hals über Kopf in diesen feurigen Burschen und seinetwegen trennte sie sich von ihren Leuten und wurde sesshaft. Die Kleine Marilena, Ginas Mutter, war ihre Tochter, die sie sehr liebten.


Urgroßmutter Tamaras Erbe, nämlich die Kunst, wahrsagen zu können, blieb den nachfolgenden Generationen erhalten. Die Menschen im Kaukasus gelten als ein sehr verschlossenes kleines Völkchen und so sprachen sie wenig über diese vererbte Gabe. Gina wuchs heran und wenn sie etwas suchte, hatte sie es sich angewöhnt, lautlos zu danach zu fragen. Vermisste sie zum Beispiel ihren Teddybären, so fragte sie in Gedanken … Brumm, wo bist Du? …. und ebenfalls in ihren Gedanken gaben die Stimmen ihr Antwort. Sie sagten zum Beispiel … Sieh am Brunnen nach, dort hast du ihn liegen lassen…
Oder ihre Puppe, Mascha. So fragte sie … wo ist Mascha … dann hörte sie … Du hast sie bei deiner Großmutter liegen lassen…
Flugs eilte sie dann in Sophias Haus und holte Mascha zurück.


Gina besaß nicht viele Freundinnen. Die Mädchen in der Schule hatten alle ein wenig Angst vor ihr. Wenn sie da so in Gedanken versunken stand und nach Innen lauschte, dann aber plötzlich ihre dunklen Augen blitzen und sie lächelte, weil sie eine Antwort bekommen hatte, sah sie zwar wunderschön, aber auch ein wenig unheimlich aus.
Allerdings fragte man sie oft nach diesem oder jenem und fast immer konnte sie nach einigem Nachdenken helfen; auch Hilfe bei Schularbeiten bekam man von ihr.

Langsam, aber zuerst unmerklich begannen die Stimmen, selbständig zu werden. Sie warteten also nicht mehr, bis Gina fragte, sondern meldeten sich von selbst.

…. Sieh nach Cora, Deiner Nachbarin … verlangten sie.
Gina ging ins Nachbarhaus hinüber und fand Cora weinend vor.
„Was ist geschehen?“ wollte sie wissen.
Doch Cora bedeckte das Gesicht mit ihren Händen und schluchzte weiter. Behutsam nahm Gina sie in den Arm und wiegte sie hin und her. Langsam beruhigte Cora sich, sie nahm die Hände vom Gesicht und Gina entdeckte die blauen Flecken von brutalen Schlägen. Wut kochte in ihr hoch. Coras Ehemann, Juri, hatte seine Frau wieder einmal geschlagen.


… Was kann man tun? … fragte sie in Gedanken ihre Helfer.
…. Setze eine Wanne mit Wasser auf die Feuerstelle, spanne im Eingang ein Seil, wenn er herein kommt, so stolpert er …. platziere die Wanne so, dass er kopfüber hineinfällt ….

Gina handelte und befolgte die Anweisungen der Stimmen genau. Sie war gerade mit den Vorbereitungen fertig, als sie draußen Juris laute Stimme hörte.


„Der habe ich es gezeigt, ich bin schließlich der Herr im Hause“, prahlte er. Stolz grinsend kam er ins Haus, stolperte und fiel mit Gesicht und den zur Abwehr ausgestreckten Händen in das kochende Wasser der bereitgestellten Wanne. Er brüllte entsetzlich. Gesicht und Arme schwollen krebsrot an, dicke Brandblasen bildeten sich in Sekundenschnelle. Die herbeigeeilten Freunde schleppten den immer noch brüllenden Juri zum Brunnen und überschütteten ihn mit kaltem Wasser.


Der Arzt wurde gerufen, er besah sich die Wunden, bestrich sie mit einer heilenden Paste und verband Juri. Sie brachten ihn nach Hause und legten den wimmernden Mann ins Bett. Mit weit aufgerissenen Augen hatte Cora zugesehen. Sie setzte sich zu ihm und übernahm die Krankenpflege und hoffte, er würde nun milder zu ihr sein.


Einige Tage vergingen, da meldeten sich die Stimmen wieder.
…Kümmere dich um Umberto … verlangten sie.
Umberto hatte sich einen Hautausschlag zugezogen und die Leute des Dorfes mieden ihn. Also begann Gina, sich um ihn zu kümmern.
„Du wirst dich anstecken“, warnte Marilena ihre Mutter besorgt. Doch Gina ließ sich nicht beirren, die Stimmen hatten es verlangt und bisher hatten sie immer gewusst, was gut war. Sie brachte ihm Essen, wusch seine Kleidung und mit der Zeit verging der Ausschlag, Umberto aber blieb ihr sein Leben lang dankbar.



Eine Weile später, man saß gerade beim Essen, erhob sich draußen großes Geheul, Adah, ein kleines Mädchen aus dem Dorf, war verschwunden. „Seid mal einen Moment still“, forderte Gina. Sie lauschte in sich hinein. Zielsicher lief sie dann zum am Rande des Dorfes gelegenen Bach und kam gerade noch rechtzeitig um das schon bewusstlose Mädchen vor dem Ertrinken zu retten.

Eigentlich hätten die Leute dankbar sein müssen, aber ihre Angst vor Gina wurde immer größer und sie mieden sie, wo sie nur konnten.


Wieder einige Wochen später kamen Fremde ins Dorf. Sie nannten sich Entwicklungshelfer. Unter den Fremden war ein deutscher Ingenieur, Gregor mit Namen.
Sofort faszinierten Gina seine blauen Augen – Gregor dagegen hatten es Ginas schwarze Augen angetan.
… Soll ich ihm folgen? …fragte Gina ihre Stimmen, die sie ein Leben lang begleitet hatten. Doch diese Entscheidung konnten oder wollten sie ihr nicht abnehmen.
Diese Stimmen begleiten Gina noch heute.
Aber sie schweigt darüber. In unserem zivilisierten Land würde ihr das ja keiner glauben. Oder doch?

© By Gitte
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7 Kommentare
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 17.02.2017 | 09:42  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 17.02.2017 | 10:41  
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Gitte Hedderich aus Herten | 17.02.2017 | 13:34  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 17.02.2017 | 17:16  
7.102
Gitte Hedderich aus Herten | 18.02.2017 | 08:13  
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Erika Barczewski aus Marl | 24.02.2017 | 17:03  
7.102
Gitte Hedderich aus Herten | 25.02.2017 | 11:47  
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