Tanzen war ihr Leben

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Tanzen war ihr Leben!
Meine Freundin Valerie wurde als Zwilling geboren, sie besaß eine Schwester mit Namen Vera. Sie waren ein entzückendes Pärchen, von allen geliebt und bewundert. Leider hatte ihre Mutter es sich in den Kopf gesetzt, aus ihnen berühmte Tänzerinnen zu machen. Eigentlich war es der Traum der Mutter gewesen, als sie mit den Jahren aber immer fetter wurde, war es aus mit der Ballettkarriere, so setzt sie nun ihre Hoffnungen ganz auf ihren Nachwuchs.


Valerie und Vera waren knapp vier Jahre alt, als sie zu einer ehemaligen Primaballerina in die Lehre kamen. Sie lernten die Grundbegriffe, machten gute Fortschritte und hatten Freude am Tanzen. Nach einiger Zeit kam nicht mehr viel Neues dazu und sie wurden auf eine Ballettschule geschickt. Die Jahre vergingen und das Training wurde immer härter. Es kann der erste öffentliche Auftritt. Valerie unterschied sich immer mehr von Vera, auch das Tanzen war nicht mehr so sehr ihre Passion, denn sie hatte vor jedem Auftritt ganz entsetzliches Lampenfieber, aber immer, wenn sie das Thema vorsichtig bei ihrer Mutter ansprach, blockte diese ab. Es kamen Sätze, wie: „Ihr seid doch Zwillinge, ihr müsst zusammen halten.“ Sie verstand einfach nicht, dass die Beiden zwei verschiedene Persönlichkeiten waren, mit eigenen Interessen. Während Vera viel lieber zeichnete, tanzte Valerie weiterhin für ihr Leben gerne. Sie hatte diese Vorliebe von ihrer Mutter geerbt, während Vera eher die künstlerischen Vorlieben ihres Vaters teilte.


Der Auftritt rückte immer näher, es sollte das Stück Karneval der Tiere getanzt werden. Valerie und Vera hatten die erste und zweite Rolle ergattert und ihre Mutter war maßlos stolz auf sie. Sie plusterte sich auf und erzählte es einfach jedem, ob er es nun hören wollte oder nicht. Bei den Proben umflatterte sie die Beiden, denen das gehörig auf die Nerven ging. Valerie verdreht nur die Augen, Vera hingegen beschwerte sich lautstark. „Wenn Du nicht endlich aufhörst uns zu Nerven, werde ich krank und tanze überhaupt nicht mit“, drohte sie ihrer Mutter. Die wurde kreidebleich im Gesicht. „ Das wirst du mir nicht antun“, zeterte sie los. „Das überlege ich mir noch, in Zukunft setze dich in die Kantine, oder bleibe noch besser zu Hause“, erklärte Vera mitleidslos. „Dabei bin ich so stolz auf Euch, ich will doch nur Euer Bestes“, jammerte ihre Mutter los. Vera konnte es nicht mehr hören. Sie hatte längst den Spaß am Tanzen verloren und wusste nicht, wie sie es beenden sollte. Ihre Nerven lagen blank, ihr war schlecht vor Nervosität. Ihre Schwester verstand sie überhaupt nicht, für sie bedeutete der Tanz alles. Längst hatte sich ihr einst so gemütliches Kinderzimmer in ein Ballettstudio verwandelt, mit Spiegelwand und Haltestange. Am liebsten wäre Vera fortgelaufen, doch wo sollte sie hin? Trotz Veras Angst und ihren zittrigen Knien wurde der Auftritt ein voller Erfolg. Valerie hatte die Hauptrolle und spielte den Löwen, Vera tanzte den Tiger, die Leute waren begeistert. Ihre Mutter auch, sie kam nach dem Auftritt mit zwei Sträußen Blumen, um sie zu Beglückwünschen. An diesem Abend versuchte Vera noch einmal mit ihrer Mutter zu reden, denn sie war sehr gut gelaunt. Kaum jedoch hatte sie dieses Thema angeschnitten änderte sich das. „Du bist ein undankbares Gör, was glaubst Du wie teuer deine Ausbildung ist, wenn ich allein überlege, was das neue Tütü kosten wird, dein Altes ist fast zu knapp, später wirst du mir dankbar sein.“


Vera kannte diese Tiraden in und auswendig. Sie ging in ihr Zimmer und zeichnete. Sie malte Valerie auf der Bühne. Am Abend besuchte der Vater sie in ihrem Zimmer. „Mutter meint das nicht so, sie will eben stolz auf ihre beiden Mädel sein“, versuchte er sie zu trösten. Dann fiel sein Blick auf Veras Zeichnung. Interessiert betrachte er das Bild. Staunend sah er seine Tochter daraufhin an, „Du hast Talent, mein Kind“, meinte er. „Die Proportionen stimmen und der Ausdruck ist hervorragend!“ Veras Vater musste es wissen, er leitete eine Galerie und malte selbst auch. „Kannst Du nicht mal mit Mutter reden?“ wollte Vera wissen. „Das wird nichts nutzen, in diesem Punkt hat sie ihre eigenen Ansichten, das weißt Du doch. Darf ich das Bild haben, ich möchte gerne noch andere Meinungen dazu hören, als Vater findet man ja alles prima, was die Töchter zaubern und ich will nicht voreingenommen sein.“ „Nimm es nur mit“, meinte Vera leichthin, „ich habe ja nur in Gedanken eine Skizze gezeichnet.“


Die Zeit verging und der nächste Auftritt nahte, dass Stück hieß Tanz der Puppen und wieder starb Vera zuvor tausend Tode. Beide Schwestern tanzten hervorragend, nur während bei Valerie das Herz dabei war, bedeutete es Vera nichts, ihr Lächeln hatte etwas Maskenhaftes, während Valerie von Innen heraus strahlte. Beide bekamen wunderbare Kritiken und eine andere Schule trat an sie heran und warb sie ab. Dort begannen gleich die Proben zu dem nächsten Stück, es hieß Peter und der Wolf.


In dieser Schule gab es auch einen Jungen und Robin war der Hahn im Korb bei den Mädels. Alle waren ein wenig verliebt in ihn, er aber sah nur Vera. Wann immer er eine Partnerin wählen musste, war sie es. Alle Mädchen waren neidisch, auch Valerie, die ebenfalls ein Auge auf Robin geworfen hatte. „Warum nimmt er immer nur Dich“, fragte sie oft. Auch der Lehrerin viel es auf. „Warum nimmst Du zum Üben nicht Greta, sie ist viel leichter als Vera“, fragte sie, denn Vera hatte sich in der letzten Zeit einige Pfunde an gefuttert, in der Hoffnung zu schwer zu werden. Aber Robin lächelte nur. „Ich komme mit Vera besser zurecht, unsere Bewegungen passen sich prima an“, entgegnete er. Er war immer um sie herum, wenn Steppen an der Reihe war, machte er es ihr vor und übte geduldig, wenn es nicht klappen wollte. Die anderen seufzten, langsam merkte man, dass Vera überhaupt keine Lust am Tanzen hatte. Auch Robin viel ihr zunehmend auf die Nerven. Als Valerie sich wieder einmal bitter beklagte, dass er nur Augen für sie hatte, schrie sie sie an, „Nimm ihn doch, ich schenke ihn dir.“ Valerie schwieg verblüfft, mit einer solchen herben Reaktion hatte sie nicht gerechnet. „Was ist denn los mit dir“, fragte sie und legte Vera den Arm um die Schulter. „Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr“, heulte sie los. Valerie überlegte, wie sie Vera helfen könnte. Nach einer Weile sagte sie, „Ich hab es, wir wechseln noch einmal die Schule, dann sind wir erst einmal Robin los, beim nächsten Auftritt stürzt du und holst dir eine schlimme Zerrung, wenn es vor Publikum geschieht, ist es viel dramatischer als bei den Proben.“ „Aber du magst Robin doch, dann siehst du ihn ja nicht mehr“. „Das werde ich verkraften, du bist meine Schwester und somit viel wichtiger als jeder Freund“. Dankbar sah Vera Valerie an, es gab doch einiges was sie verband und wenn es darauf ankam, hielten die Zwillinge zusammen.


Gesagt, getan. „Warum wollt ihr die Schule wechseln?“, wollte ihre Mutter wissen.
„Die neue Schule ist viel näher und bei den vielen Proben haben wir es dann nicht so weit“, erklärten die beiden ihr. Sie lebten sich schnell in der neuen Schule ein und bald schon kam der nächste Auftritt, ein modernes Märchen. Frau Holle mal ganz anders hieß es. Valerie tanzte mit den Mädels bei Frau Holle und Vera tanzte eine Waldfee. Die beiden hatten geplant, dass Vera beim Herumwirbeln auf der Bühne ausgleiten sollte und mit schmerzverzerrter Mine liegen bleiben sollte. Die Generalprobe kam und Vera tanzte wie sie nie getanzt hatte. Sie war brillant, sie wirbelte, sie sprang. Valerie freute sich, nun hat sie doch noch Spaß am Tanzen bekommen, dachte sie. Keiner ahnte was in Vera vor sich ging. Während des Tanzens hatte sie sich alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Wenn sie bei der Vorführung ausglitt, schleppte ihre Mutter sie zum Arzt, nicht nur, dass dann der Schwindel herauskam, sie war nicht weiter als zuvor und die ungeliebte Plackerei würde weiter gehen, sie würde endlos leiden, es gab keinen Ausweg für sie…



Der Schlussakkord erklang. Die Tänzerinnen stürmten noch einmal auf die Bühne, um sich zu verneigen. Vera riss sich los, drehte eine wunderschöne Pirouette, ihre Lehrerin klatschte begeistert, um kurz darauf die Augen entsetzt auf zu reißen. Vera sprang, sie federte hoch und sprang mitten in den leeren Zuschauersaal. Sie hatte gelernt, ihre Sprünge zu berechnen und Rechnen war Veras Stärke. Es knackte entsetzlich, als ihr Halswirbel auf die Stuhllehne krachte, eine letzte Drehung hatte das Vollbracht. Alle schrien entsetzt auf. Man rannte zu ihr, nur Valerie stand auf der Bühne und die Tränen rollten über ihre Wangen. „Warum hast Du das nur getan“, fragte sie und wusste die Antwort doch genau, Vera war unglücklich gewesen mit diesem Leben als Tänzerin. Als man sie auf die Bühne legte, verschönerte ein friedliches Lächeln ihr Gesicht, sie hatte ihren Frieden gefunden. Valerie tanzte weiter und hatte bald den Spitznamen die traurige Tänzerin. Ihre Eltern ließen sich scheiden, ihr Vater konnte der Mutter nicht verzeihen, sein Kind mit ihrem maßlosen Ehrgeiz in den Tod getrieben zu haben, die Skizze, die Vera gezeichnet hatte wurde durch die tragischen Umstände ihres Todes sehr wertvoll, alleine ihr Vater verkaufte sie nie, sie bekam einen Ehrenplatz in seiner Galerie mit einem Foto von Vera darunter, das mit einem Trauerflor geschmückt war.

© By Gitte
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4 Kommentare
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Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 24.06.2016 | 08:29  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 24.06.2016 | 09:30  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 24.06.2016 | 10:15  
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Gitte Hedderich aus Herten | 24.06.2016 | 11:48  
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