Therapeuticus

Anzeige
Therapeuticus!
Das war ein Schreck in der Morgenstunde. Immer hatte ich mich für unverwüstlich gehalten. Denkt nicht jeder so? Krebs, das haben immer nur andere, schlimm ja, aber heimlich im Inneren der Stoßseufzer, mich hat es nicht erwischt, noch einmal davon gekommen. Darum saß ich nun auch hier vor meinem Arzt, der mich ernst ansah und strahlte. Dann der Schock, was hatte er gesagt? Schlechte Werte? Leber Karzinom? Inoperabel? Das Lächeln gefror in meinem Gesicht. Das war ein schlechter Scherz, oder? Warum lachte er nun nicht? „Haben sie gehört was ich gesagt habe“, drang seine Stimme nun zu mir durch? Abwehrend hob ich meine Hände. Wie in Trance erhob ich mich und schüttelte den Kopf. Ich doch nicht. Meine Eltern hatten getrunken, SIE hatten einen Leberschaden, deshalb hatte ich bis auf einige Male immer harte Sachen gemieden und nun? Leberkrebs? Als Dank oder was? „Soll ich ihnen eine Beruhigungsspritze geben“, wollte der Doktor wissen? Wie erwachend sah ich ihn an. „Wozu“, ändert das was? „Ich weiß, es ist ein Schock, aber vielleicht gibt es eine Lösung“, meinte der Arzt. Lösung? Wollte er mich verarschen? Welche Lösung sollte es geben? Ah ja, er dachte sicher an eine Organ Transplantation? Ein leises Fünkchen Hoffnung blitzte in meinem Inneren auf. „Nehmen sie das“, mit diesen Worten schob er mir eine Tablette zu, die ich einnahm. „Kommen sie Morgen um 18.00 Uhr wieder.“ Wie durch Watte hörte ich seine Worte. 18.00 Uhr, die Sprechstunde schloss doch bereits um 17.00 Uhr. Aber warum darüber den Kopf zerbrechen, wie es aussah hatte ich andere Probleme. Still ging ich heim.

„Was sagt der Arzt, du bist so blass“, wollte mein Mann wissen. „Die Ergebnisse lagen noch nicht vor“, schwindelte ich. Nur Heute nicht über das Furchtbare reden, einfach ignorieren, einfach weiter Leben als wäre nichts geschehen, als gäbe es diesen Tumor nicht. „Man sagt in der letzten Zeit erstaunliche Dinge über Doktor F. Hast du noch nichts davon gehört?“ „So, was sagt man denn“ heuchelte ich Interesse?“ „Man sagt, er sei ein Wunderheiler, ihm sind wohl einige erstaunliche Dinge gelungen, bei Patienten, die die Schulmedizin schon aufgegeben hatte.“ „Ach“, nun war es ihm doch gelungen meine Aufmerksamkeit zu erringen. „Deshalb ist es nun immer so voll dort“, sinnierte ich. „Stimmt, die Patienten kommen mittlerweile von weit her zu ihm“, wusste mein Mann. In mir war es ruhig, die Tablette, die ich bekommen hatte ließ mich wie durch Watte schweben. Doch dann kam der nächste Tag und meine Ängste und Sorgen waren wieder da. Irgendwie brachte ich den Tag herum und dann war es soweit, ich saß dem Arzt gegenüber und wartete auf mein Wunder. Erwartungsvoll blickte ich ihn an.

„Bitte legen sie sich auf die Liege“, bat er mich. „Wozu, haben sie Angst ich kippe um“, zornig funkelte ich ihn an. „Bitte“, legte er nach und geleitete mich dorthin. Ich gab nach. „Was haben sie vor“, wollte ich wissen, nachdem ich lag. Unheimlich war es, keiner mehr da. Sonst hörte man immer Gesprächsfetzen, Arzthelferinnen liefen hin und her und nun, Totenstille. Der Gedanke ließ mich zusammenzucken. Totenstille würde ich bald genug haben, wenn er mir nicht helfen konnte. „Sie müssen sich entspannen, ich werde eine Therapie an ihnen versuchen, aber ob sie hilft, kann ich nicht versprechen. Dazu müssen sie völlig ruhig werden und weil das nun mit ihrem Wissen nicht möglich ist, werde ich sie hypnotisieren, voraus gesetzt, es ist ihnen Recht. Vertrauen sie mir?“ Ich horchte in mich hinein. Fast dreißig Jahre war ich nun seine Patientin. Langsam nickte ich. „Schließen sie die Augen“, bat er und dann merkte ich, wie seine Stimme begann mich einzulullen. Nein, ich will nicht, dachte ich in einem Anflug von Panik, nicht die Kontrolle verlieren. Mein Geist stemmte sich dagegen. Gleichzeitig schämte ich mich. Er würde denken ich vertraue ihm nicht und dann würde er mich sicher nicht behandeln. So lag ich ganz still und zwang mich ruhig zu atmen.

Es raschelte. Der Doktor war aufgestanden. Einen winzigen Spalt öffnete ich meine Lieder und sah durch die Wimpern hindurch, dass er zu einem kleinen Wandschrank ging. Dort nahm er eine kleine Statue heraus. Was sollte denn das werden? Zauberei? Hier in einer modernen Praxis? Er trat näher und stellte die kleine Figur auf meinen Bauch. Bei dem Kontakt mir begann sie zu Leuchten und strahlte Wärme aus. Dann bewegte sie sich. Sie streckte einen Arm aus und deutete auf mein Gesicht. Dabei bemerkte ich, dass der Finger anormal lang war. „Sie schläft nicht“ sagte der kleine Mann, denn um einen solchen handelte es sich, vorwurfsvoll. Der Arzt zuckte erschrocken zusammen und riss den kleinen Mann an sich. Langsam öffnete ich die Augen. „Sind sie die ganze Zeit wach gewesen“, wollte er bekümmert wissen? Ich nickte. „Bitte sagen sie mir was das zu bedeuten hat“, bat ich ihn. „Sie werden es nicht glauben, ich kann es ja selbst kaum glauben, obwohl ich es fast täglich sehe.“ Er ging zu seinem Schreibtisch und ich folgte ihm. Abwartend blickte ich ihn an und dann begann er zu erzählen.

Zuerst holte er den kleinen Mann wieder hervor und stellte ihn auf den Schreibtisch. „Darf ich ihn ansehen“, bat ich und er nickte. Er war etwas zehn Zentimeter groß und sah aus wie ein alter Herr. Allerdings strahlten seine Gesichtszüge eine Mischung aus Ruhe, Mitgefühl und Erbarmen aus. „Es ist ungefähr ein halbes Jahr her“, berichtete mein Arzt, „ich hatte die Abrechnung gemacht und musste wohl über den Unterlagen eingeschlafen sein. Als ich erwachte war es schon dunkel. Ein Lichtstrahl hatte mein Gesicht getroffen und ich sah aus dem Fenster woher er wohl gekommen war, denn eigentlich liegt der angrenzende Garten immer im Dunkeln, ich konnte nur Schemen erkennen und so öffnete ich die Balkontüre und ging hinaus. Es war eine Art Ufo, das dort im Garten lag, allerdings im Mini Format. Mein Freund hier“ damit deutete er auf den kleinen Mann, „verließ das Schiff und kam zu mir. „Hilf mir hinauf“, bat er mich und ich beugte mich hinab und reichte ihm meine Hand, auf der er Platz nahm. Du träumst, dachte ich aber der Kleine begann zu reden. Er käme vom Planeten Uranus und man bedauere uns dort, weil unsere Heilmethoden so begrenzt seien. Man habe zehn Mediziner beobachtet und die Wahl sei auf ihn gefallen. Nun habe ich Therapeuticus und wenn eine unheilbare Krankheit auftaucht, versetze ich den Patienten in Trance und er heilt ihn dann.“ Das musste ich erst einmal verdauen. „Er heilt ihn“, fragte ich ungläubig nach? Der Doktor nickte. „Er kann einfach alles, sein langer Finger lässt Tumore schrumpfen, Knochen zusammen wachsen, Wunden heilen.“ Das Gehörte musste ich erst einmal verdauen. „Dann war ich also ein unheilbarer Fall“, hakte ich nach? Der Doktor nickte. „Noch vor einem Jahr hätte ich ihnen nicht helfen können.“ Ein Schauder glitt über meine Rücken. „Und nun kann er mir helfen?“ Dabei deutete ich auf Therapeuticus.

„Legen sie sich wieder hin“, bat Doktor F. Er nahm Therapeuticus und setzte ihn erneut auf meinen Bauch. „Er aktiviert sich nur bei Bedarf“, erklärte er. Wieder begann er zu Strahlen. Seine Gesichtszüge belebten sich und sein langer Finger strich über meinen Bauch. Es kribbelte und erwärmte sich. Eine halbe Stunde lang setzte er die wohltuende Massage fort. Dann nahm der Arzt ihn, dankte ihm und wollte ihn wieder zurück in den Schrank stellen. „Bitte warten sie einen Moment“, bat ich ihn. Verlangend streckte ich meine Hände nach ihm aus und als der Arzt ihn mir gab, zog ich ihn behutsam an mein Gesicht, hauchte einen Kuss auf seine Wange und dankte ebenfalls, dann gab ich ihn zurück. Vielleicht hatte ich es mit eingebildet, aber ich hatte ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen. „Lassen sie sich Morgen röntgen“, bat mich der Arzt und ich versprach es. Meine Angst war wie weggeblasen, etwas hatte sich verändert, das spürte ich, Gelassenheit breitete sich in mir aus.

Am anderen Tag ging ich in die Klinik. Der Arzt verglich die alten Röntgen Aufnahmen mit den Neuen, wieder und wieder. Er schüttelte seinen Kopf, verglich die Namen. Am Ende trat er zu mir und gratulierte mir. „Ich verstehe das zwar nicht, aber sie sind gesund, haben sie etwas gemacht? Ihre Ernährung geändert, eine Therapie oder so was?“ „Ja, ich hatte eine Therapie“, antwortete ich lächelnd. „Welche“, wollte er wissen? „Handauflegen“, sagte ich und er schaute ungläubig. Mehr konnte ich ihm leider nicht erklären, da Therapeuticus noch lange unbehelligt wirken soll.
©By Gitte
6
Diesen Mitgliedern gefällt das:
11 Kommentare
8.469
Franz Firla aus Mülheim an der Ruhr | 16.06.2017 | 08:10  
56.533
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 16.06.2017 | 09:17  
10.407
Herbert Lödorf aus Gelsenkirchen | 16.06.2017 | 09:42  
27.613
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 16.06.2017 | 09:56  
6.174
Gitte Hedderich aus Herten | 16.06.2017 | 11:52  
7.079
Regine Hövel aus Dinslaken | 17.06.2017 | 23:37  
6.174
Gitte Hedderich aus Herten | 18.06.2017 | 06:24  
50.034
Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 18.06.2017 | 11:51  
6.174
Gitte Hedderich aus Herten | 18.06.2017 | 16:35  
478
Brigitta Wöstefeld aus Essen-Werden | 20.06.2017 | 09:45  
6.174
Gitte Hedderich aus Herten | 21.06.2017 | 10:58  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.