Verflucht!

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Verflucht!
Es geschah am ersten Weihnachtstag 1957 und ich weiß es noch wie heute, denn es war das aufregendste Weihnachtsfest, das ich je erlebte. Nachdem wir den Heiligen Abend feierlich bei meinen Großeltern verbracht hatten, schliefen meine Eltern länger. Nachdem sie endlich aufgestanden waren, hörte Vati seine heiß geliebten Opernplatten und Mutti stand in der Küche um das aufwendige Festmenü vorzubereiten. Mir war langweilig, ich zog meinen neuen Mantel an und bat meine Eltern erneut zu den Großeltern zu dürfen. Vielleicht traf ich ja jemanden, der mich bewunderte und Opa hatte immer so herrliche Einfälle, die Oma in den meisten Fällen jedoch weniger begeisterten, uns Kinder dafür um so mehr. Meinen Opa liebte ich heiß und innig, er war für mich der Inbegriff von Humor, gepaart mit Gerechtigkeit und Klugheit, eine äußerst seltene Mischung. Heute nun, am zweiten Weihnachtstag 2006, neunundvierzig Jahre später kommt mir plötzlich wieder alles in den Sinn als sei es gestern gewesen und ich will euch davon berichten.

Durchgefroren langte ich trotz schnellen Laufens bei den Großeltern an. Meine Großeltern wohnten im dritten Stock, vierundachtzig Stufen hoch und fünfzehn Meter über der Erde. Schnell war ich hinauf gehastet und japste nun nach Luft. Auch Oma stand am Herd und brutzelte das Mittagessen. Opa saß in seinem blütenweißen Hemd und Krawatte auf dem Sofa, er lächelte mir zu und seine Augen blitzten, sicher hatte er wieder eine tolle Idee, diesen für mich nach dem aufregenden Weihnachtsfest so tristen Tag aufzuheitern. Nachdem ich mich aus meinem Mantel geschält hatte, kuschelte ich mich neben ihn. Oma warf uns eine Weile misstrauische Blicke zu, wendete sich dann aber wieder ihren Töpfen zu.

„Na, wie geht es meiner Lieblingsenkelin“, fragte er mich und schlug sich sogleich mit der Hand auf den Mund. Ein strafender Blick Omas traf ihn gleichzeitig. „Vergiss das schnell wieder“, meinte Opa „natürlich habe ich alle meine Enkel gleich lieb.“ „Weiß ich doch“, winkte ich ab. „Aber ich bin die Älteste, mit mir kannst du am meisten anfangen, denn die anderen haben ja noch keinen Verstand.“ Opa schmunzelte, weil ich mir der Überlegenheit meiner sechs Jahre so sehr bewusst war. Scheinbar kam ihm da diese Idee, die uns das Ganze einbrockte.

Eine Weile unterhielten wir uns über Belangloses, aber ich merkte, dass Opa etwas im Schilde führte, denn er schaute immer wieder zu Oma. Erst als er sicher war, dass sie sich auf die Zubereitung des Essens konzentrierte, bemerkte er beiläufig: „Es gibt da ein neues Gewürz, das macht Fleisch unglaublich zart, aber Pssssssssst.“ Meine Neugier war geweckt. Nach einer Weile verließ Oma das Zimmer, denn Onkel und Tante schliefen mit meinem Cousin Dieter bei ihnen und die standen gerade auf und verlangten nach ihr. Zuvor betrachtete sie uns noch mit einem forschenden Blick, aber wir guckten betont harmlos zurück, dann ging sie seufzend in die anderen Zimmer hinüber. Opa begann nun hektisch in seiner Hosentasche zu kramen und förderte triumphierend eine kleine Papiertüte zu Tage. „Hier, schnell ich habe ein wenig davon aufgetrieben, es ist unglaublich teuer, gib es an das Gulasch, Oma wird vielleicht staunen.“ Blitzschnell eilte ich zum Topf und ließ die kleinen schwarzen Stückchen hineingleiten. Opa stand neben mir und rührte um. Schnell stülpte er wieder den Deckel darauf, dann flitzten wir an unseren Platz zurück und schauten betont harmlos, als Oma mit Onkel Fritz, Tante Anni und Dieter wieder die Küche betrat. Danach plauderten wir alle eine Weile und lachten sehr viel, Onkel Fritz stammte aus Schlesien und konnte mit seinem Akzent drollig berichten. Viele Ausdrücke waren mir völlig unbekannt, Pantoffel zum Beispiel waren bei ihm Puschen, ich fand diese Bezeichnung sehr viel treffender. Nach einer Weile deckte ich mit Tante Anni den Tisch und Oma trug das Essen auf. Nachdem Opa das Tischgebet gesprochen hatte, wollte ich schnell das Gulasch probieren, Opa legte seine Hand auf meinen Arm und sein Blick veranlasste mich so die Anwesenden zu beobachten. Oma nahm erst eine Gabel voll Kartoffenstücken, während Onkel Fritz eine Gabel voller Fleischstückchen in seinen Mund schob, glaubte er zumindest. Er kaute, schaute dann ungläubig und zog einen kleinen schwarzen Streifen aus seinem Mund, den er ungläubig betrachtete. Er legte ihn beiseite. Nun nahm Oma von dem Fleisch. Sie kaute und erstarrte. Gleich wie Onkel Fritz zog sie einen schwarzen Streifen aus ihrem Mund. Mein Blick ging hin und her, ich verstand nicht was da vor sich ging, ich sah nur, dass Opa sich das Lachen verbiss. Da ging Oma ein Licht auf. „Willy“ ächzte sie hochrot im Gesicht. „Was ist das?“ „Ein neues Gewürz“, plapperte ich stolz drauf los, das hat Opa besorgt, es ist sehr teuer.“ „Oh ja“, meinte Oma, „teuer wird es, aber für ihn, das sind die Lederreste, vom Schuhe besohlen, hab ich Recht“, fragte Oma mühsam die Beherrschung wahrend? „Letztens hast du Frau Valentin gesagt, das du aus Fleisch, das zäh wie Leder ist die schmackhaftesten Gerichte zaubern kannst und das wollte ich mal ausprobieren“, erwiderte Opa und nun brüllten wir alle los vor Lachen, nur Oma nicht. Mit ergrimmter Miene betrachtete sie uns und brüllte:
„Hol euch der Teufel.“ Der ließ sich das nicht zweimal sagen, die Erde bebte und Angst breitete sich auf allen Gesichtern aus. Opa fasste nach meiner Hand und ich klammerte mich an ihm fest. Eine stinkende Wolke die aus dem Nichts zu kommen schien breitete sich aus und in ihrer Mitte stand ein elegant gekleideter Mann. „Zu Diensten“, sagte er, ergriff Opa und mich und die Umgebung verschwand vor unseren Augen.

Eine Art Wirbelwind trug uns davon und als der verschwand, standen wir in einer unbekannten Umgebung. Der Teufel lachte und ließ uns los. „Hier ist euer neues Zuhause, herzlich Willkommen“, grinste er uns an und machte eine ironische Verbeugung. „Was starrst du mich so an“, wollte er von mir wissen. „Du bist also wirklich der Teufel“, fragte ich ihn? „Du hast doch gehört, wie deinen Großmutter mich gerufen hat, wer sollte sonst darauf reagieren“, meinte er erstaunt. „Du siehst aber nicht aus wie der Teufel“, antwortete ich. „Und wie sieht der Teufel deiner Meinung nach aus“, fragte er sichtlich belustigt zurück? „Na jeder weiß, das er zwei Hörner hat und einen Bockfuß, er ist schwarz im Gesicht und trägt einen Schwanz.“ Dabei baute ich mich vor ihm auf und verschränkte stolz auf mein Wissen die Arme. „Du bist nicht der Teufel, du gibst nur an.“ Nun lachte er brüllend los. „Du bist ja ein ganz schlaues Mädchen und wo glaubst du seit ihr hier“, fragte er zurück? Nun war es an mir verdutzt zu Schauen, das hatte ich im Eifer des Gefechts völlig außer Acht gelassen. „Aber das Feuer“, startete ich einen neuen Versuch, „Wo ist das Fegefeuer, das in der Hölle brennt?“ Wieder glaubte ich Oberwasser zu haben, doch erneut brach der Teufel in Gelächter aus. „Du scheinst ein helles Köpfchen zu sein, deshalb will ich es dir erklären. Es gibt kein Fegefeuer, hier werden die Seelen mit Langeweile bestraft. Du bist noch ein Kind und kennst an ehesten das Gefühl. Langeweile ist die schlimmste Strafe für Menschen, hast du mal gehört, wenn jemand sagte, mir ist tödlich langweilig? Das erträgt auf Dauer keiner.“ Nun blickte ich meinen Großvater an, na der Teufel würde sich wundern, wenn jemand Rezepte gegen Langeweile hatte dann er, ich sah auch schon wieder das bekannte Funkeln in seinen Augen. Der Teufel merkte nichts von alle dem, er brüstet sich weiter. „Weil jeder, der sich wenig bewegt schnell friert, ist es hier sehr warm und wenn dann eine dieser gequälten Seelen seinen Lieben im Traum erscheint, bringt er diese Wärme mit, so ist das Märchen von dem Fegefeuer wohl entstanden.

„Sag mal“, schaltete sich nun Großvater ein, „wann ist denn unsere Verhandlung?“ „Welche Verhandlung“, wollte der Teufel verblüfft wissen? „Na unsere“, entgegnete Großvater. „Du musst doch auch die guten Werke berücksichtigen und erst, wenn die Bösen überwiegen gehört man hierher. Du hältst doch wohl nicht alle die Unglücklichen hier ohne eine ordentliche Verhandlung fest, das wäre ja allerhand.“ „Man hat euch verflucht, ihr gehört mir“, erwiderte der Teufel wütend. „Was zu beweisen wäre“, meinte Großvater dazu, „ich jedenfalls verlange für meine Enkelin und mich ein ordentliches Urteil, ich werde mich bei Gott beschweren“, mit diesen Worten kniete er nieder, zog mich neben sich und wir falteten die Hände. „Lieber Vater im Himmel“, begann Großvater und der Teufel würde ganz bleich und wand sich in Qualen. „Hör schon auf“, schrie er, „ihr sollt eure Verhandlung haben.“ Damit rauschte er wütend von dannen. „Das ist sein Archillisferse“, grinste Opa. „Was ist das“, wollte ich wissen und Opa stöhnte. „Bitte nicht diese Frage, nicht jetzt, ich muss nachdenken.“ Das verstand ich zwar nicht, immer sagten die Großen frage, dann lernst du was, aber bei der hundertsten Frage stöhnten sie dann. Aber sicher hatte Opa Recht, erst einmal mussten wir hier raus.

Wir erforschten nun die Umgebung und immer wenn wir jemanden trafen stellten wir uns vor, aber außer einem mürrischen Gemurmel ernteten wir keine Antworten. „Nimm es ihnen nicht übel, wer weiß, wie wir werden, wenn wir erst einmal einige Jahre hier sind. Das war ein Scherz“, ergänzte Großvater, als er mein entsetztes Gesicht bemerkte, „dich erträgt er nie so lange.“ Er grinste zwar dabei und ich wusste mal wieder nicht so richtig, ob er es Ernst meinte. Plötzlich ertönte eine Glocke und alle schlurften in eine bestimmte Richtung. Wir folgten ihnen und gelangten in einen Speisesaal. Nachdem wir alle saßen, faltete Opa die Hände und sprach das Tischgebet. Alle erstarrten. Die Höllenbediensteten rasten laut schreiend davon, einige Mittagsgäste schauten verblüfft und manche fielen wohl aus der Erinnerung heraus aus ein und beteten mit, einige weinten gar. Nachdem er geendet hatte, dauerte es eine Weile, bevor das Essen gereicht wurde. Angewidert betrachteten wir die graue undefinierbare Masse. „Was soll denn das sein“, fragte Opa den Kellner, wobei er ihn an seinem grauen Kittel festhielt. „Wir feiern das Weihnachtsfest, Jesus Geburt und du servierst uns so etwas?“ Bei seinen Worten begann die Höllen Kreatur wieder zu heulen. Allmählich ging mir das auf die Nerven, sicher hatten sie nichts zu lachen hier, aber das dauernde Geheul musste doch nun auch nicht sein. Der Tumult lockte schließlich den Teufel herbei, wütend fuhr er mitten unter uns. „Was ist denn hier los“, wollte er wissen. Der Kellner unterrichtete ihn und er wendete sich wutschnaubend an uns. „Ihr schon wieder“, kreischte er. „Nicht dieser Ton“, wies Opa ihn zurecht und vor Verblüffung blieb des Teufels Mund offen stehen und entblößte einige schadhafte Zähne. Interessiert sah Opa hin. „Du solltest mal zum Zahnarzt gehen“, bemerkte er. „Ich habe Angst“, rutschte es dem Teufel spontan heraus, was ihn gleich wieder ärgerte, wie man an seiner Mine deutlich sah und was uns wieder lächeln ließ. Dann fing er sich wieder. „Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt und wer nicht will, der lässt es bleiben“, fuhr er uns an. „Da war ja Gustes Leder Gulasch besser und wegen dem sitzen wir schließlich hier“, sagte Opa.

„Ach ja und wann bekommen wir unsere Verhandlung“, hakte er noch einmal nach? „Einen Richter habe ich gefunden, einen Staatsanwalt auch, aber noch keinen Verteidiger“, berichtete der Teufel. „Kein Wunder, du musst einen von Oben holen“, klärte Opa ihn auf. „Von Oben, wie von Oben“, der Teufel schaute begriffsstutzig. „Na aus dem Himmel natürlich“, meinte Opa, worauf der Teufel wieder schmerzhaft zusammen zuckte. „Aus dem Himmel, von Himmel, von Gott“, fügte ich an, denn es machte Spaß ihn ein wenig zu piesacken. „Lass das“, meinte Opa, „das ist böse jemanden zu quälen, sonst gehörst du am Ende hierher. „Aber du sagst das doch auch immerzu“, merkte ich an. „Nur da, wo es sein muss, aber nicht aus Übermut“, fügte er an, worauf der Teufel ihn dankbar anblickte. „Du musst einen Engel, oder einen Heiligen holen, der unsere guten Taten gegen die Schlechten stellt“, erklärte Opa dem Teufel. Der rieb sich das Kinn. „Wenn ich es recht bedenke, was ist schon so ein kleiner Fluch? Eigentlich nichts, ich glaube du hast Recht, wozu sollen wir viel Zeit und Geld für eine Verhandlung investieren, wegen einer Bagatelle, ich denke ich bringe euch zurück und das ihr recht viel Gutes tut“, grinste er. „Du meinst, du willst uns nach unserem Erdenleben nicht wieder hier haben“, grinste Opa. „So kann man es auch sehen“, gab der Teufel zu. Er umfasste uns und wusch ging die Reise zurück und wir standen wieder in der Küche der Großeltern, wo alle um uns weinten. „Oh Willy“, schluchzte Oma und umhalste ihren Mann. In der folgenden Zeit durften wir ungestraft alles Mögliche an Blödsinn verzapfen, ohne Schimpfe zu kassieren, allmählich jedoch war wieder alles beim Alten.
© By Gitte
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4 Kommentare
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Luzie Schröter aus Fröndenberg/Ruhr | 30.12.2015 | 10:00  
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Gitte Hedderich aus Herten | 30.12.2015 | 12:40  
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Peter Gerber aus Menden (Sauerland) | 30.12.2015 | 15:09  
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Gitte Hedderich aus Herten | 30.12.2015 | 16:22  
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