"Goldene Ehrenblotsche" an "Flüchtlingshilfe Mettmann"

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    Laudatio zur Verleihung der Goldenen Ehrenblotsche 2015

Stellen Sie sich vor bei Ihnen vor der Haustür fallen Bomben. Ihr Nachbar wird erschossen, sein Haus gesprengt. Oder so ein Szenario wie vor wenigen Wochen in Paris. Menschen werden erschossen, während sie fröhlich und friedlich in einem Café sitzen.

Was tun Sie?

Sie bringen erst Ihre Kinder in Sicherheit, dann Ihre Frau. Erst zu Verwandten in der Nähe, später dann zu Bekannten irgendwo weiter weg.
Aber nirgendwo ist mehr Sicherheit.
Die Angst um Ihre Familie raubt Ihnen schier den Verstand.

Was tun Sie?

Sie verkaufen, was sich zu Geld machen lässt.
Das Haus will keiner. Bekleidung, Schmuck, das Auto.
Lösen das Konto auf.
Packen eine kleine Tasche.
Handy und Ladekabel.

Was tun Sie?

Sie wissen, dass die Menschen in Europa in Frieden leben.
Sehen Bilder im Fernsehen.
Menschen heißen Menschen willkommen.
Haben gehört der Weg dahin sei machbar.
Flugtickets?Visa?
Gibt es nicht.
Geld?
Wieviel?
Ein Flug von Beirut nach Kairo würde 130 € kosten.
Für die Überfahrt von der ägyptischen Mittelmeerküste nach Italien verlangen Schlepper 3000-4000€.
Vom Libanon aus kostet es das Doppelte.
Pro Person.
Was ist ein Leben wert?

Was tun Sie?

Europa ist weit.
Der Weg gefährlich.
Nicht jeder kommt an.

Was tun Sie?

Sie gehen los.
Vielleicht zu Fuß, bei Nacht.
Vielleicht ganz offen, mit dem Bus.
Nutzen jede Transportmöglichkeit.
Wo es heute sicher ist, kann es morgen tödlich sein.
Nur weg hier.
Nach Europa.
Und holen dann Ihre Frau und die Kinder nach.

Aber der Weg ist weit. So weit. Irgendwann zählen Sie die Kontrollen nicht mehr, die geschlossenen Grenzübergänge, die aufgehaltenen Hände. 30€ hier. 50€ da.
Der Weg über den Libanon, Zypern, Griechenland, Italien, Österreich nach Deutschland ist lang.
Haben Sie schon mal in einem winzigen Schlauchboot, voll gequetscht mit Menschen im Winter das Mittelmeer überquert? Wenn das Salzwasser in den Augen brennt und Sie Ihre Hände vor Kälte nicht mehr spüren? Und Sie sind müde. So müde. Aber einzuschlafen wäre Ihr sicherer Tod.
Die kleine Tasche mussten Sie am letzten Grenzübergang abgeben. Die Soldaten haben sich einen Spaß daraus gemacht. Damit sind die letzten Fotos Ihrer Kinder weg. Die kleine Wasserflasche. Die Notration Kekse. Nur das Handy, das Ladekabel und der Rest des Geldes sind Ihre Begleiter auf dem Weg nach Europa.

Da!
Ein Schiff!
Die Küstenwache!
Land!
Land!
Bleibt sitzen!
Nicht aufstehen!
Vorsicht!
Wir kentern!
HILFE!


Irgendwann stehen Sie wie paralysiert an einem Bahnhof.
Fremde Gerüche.
Fremde Sprache.
Fremdes Land.
Geschafft.


Sommer 2015: Die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge in Mettmann übersteigt sprunghaft das bisherige Durchschnittsmaß. Erstaufnahmestellen in Turnhallen werden aus dem Boden gestampft. Die Menschen auf der Flucht brauchen ein Dach über dem Kopf. Bekleidung. Hygieneartikel. Spielsachen für die Kinder. Sprachkurse. Wohnungen. Arbeitsstellen. Alles.

In dem sozialen Netzwerk „Facebook“ fanden sich schnell viele Mettmanner, die vor dem Hintergrund der rasch steigenden Zahl ankommender Flüchtlinge Hilfe leisten und spenden wollten. So viele und so schnell, dass sich in vielen Mettmanner Gruppen schon Unmut breit machte. Kurzentschlossen gründete Gaby Hoberg am 28.Juli 2015 die Facebook-Gruppe „Flüchtlingshilfe Mettmann“, um eine eigene Plattform für all die Hilfsangebote zu schaffen.

Diese Gruppe ist das Infoportal für alle Themen, dient der Vernetzung der Helfer untereinander, Projekte können eingestellt und Mitstreiter gesucht werden, Links informieren über die Arbeit anderer Organisationen oder Hilfsmittel, hier werden Veranstaltungsinfos gepostet und Verbindungen zu den Kooperationspartnern hergestellt.
Schon nach wenigen Tagen hatte diese Gruppe die ersten 100 Mitglieder. Einen Monat später waren es fast 400.

Nach dem der konkrete Bedarf der ankommenden Menschen auf der Flucht unter der Leitung von Halit Efetürk ermittelt wurde erfolgte der Startschuss zu einer ersten über Facebook privat organisierten Sammelaktion. Die Garage von Maike Wachendorf platzte schier aus allen Nähten, so viele Spenden waren angeliefert worden.
Vier Tage später dann der erneute Aufruf zu Sachspenden. Die Menge war doppelt so groß wie beim ersten Mal, viele weitere konnten ihr Spenden gar nicht erst abgeben, und es wurde klar: der Bedarf der Flüchtlinge einerseits und die Spendenbereitschaft der Mettmanner andererseits waren riesig - lediglich eine ausreichend große Lagermöglichkeit fehlte, um beides zueinander zu bringen.

In unglaublichem Engagement wurden von Mitgliedern der Facebookgruppe „Flüchtlingshilfe Mettmann“ unter Hochdruck Treffen vereinbart, Telefonate und persönliche Gespräche geführt. Und VIER Tage später konnten die Kleiderspenden in die Halle des ehemaligen „Weyermann“-Firmengebäudes an der Bollenhöhe umziehen.
Ein Wettlauf gegen die Zeit, denn am gleichen Tag installierte der Kreis Mettmann an der Flustrasse eine Notunterkunft.
Die Zahl und Geschwindigkeit, mit der neue Flüchtlinge nach Mettmann kamen stieg rapide.
Die Mitglieder der Facebookgruppe reagierten mit einer Notfallbetreuung, 24-Stunden-Rufbereitschaft eingeschlossen.

Lassen Sie mich noch einmal darauf hinweisen, dass es sich hier um einen lockeren Zusammenschluss von Freiwilligen handelt!
K E I N E R dieser Menschen war dazu verpflichtet, sich Tage und Nächte um die Ohren zu schlagen, Kleider- und Sachspenden anzunehmen, zu sortieren, Erstversorgungspakete zu packen und diese mit dem privaten PKW zur Notunterkunft zu fahren - um 3 Uhr morgens!!

Keine dieser Belastungen hielten irgendwen von irgendwas ab - die Facebookgruppe wuchs und wuchs! Am 17.September 2015, keine 2 Monate nach deren Gründung hatte sie bereits 700 Mitglieder!
Die Annahme der Spenden aus der Bevölkerung konnte jetzt bereits an 4 festen Tagen in der Woche gewährleistet werden, ein täglich besser funktionierendes Helfernetzwerk nahm weiter Gestalt an. Die neue Kleiderkammer an der Bollenhöhe entwickelte sich, es wurde gewerkelt, geschraubt und gesägt, während parallel dazu weiter Spenden angenommen und ankommende Flüchtlinge ausgestattet wurden.

Heute, keine 5 Monate nach Gründung der Facebook-Gruppe ist das ehrenamtliche Engagement dieser Plattform breit aufgestellt, viele Bereiche werden abgedeckt.

Angefangen von der allerersten Ausstattung der ankommenden Menschen auf der Flucht, Hilfestellung bei Behördengängen und dem Ausfüllen der Anträge, Sammeln, Aufarbeiten und Verteilen von Fahrrädern über kreatives Arbeiten mit den Flüchtlingen als Mittel zur Traumabewältigung, Sprachkurse, Kinderaktionen (150 Flüchtlinge sind unter 18), „Weihnachten im Schuhkarton“, Kochkurse bis hin zu Ausflügen, z.B. zur Essener Motorshow oder zu einem Fortunaspiel.

Nach und nach ziehen jetzt die ersten Flüchtlinge in ihre eigenen Wohnungen ein, auch hierbei bekommen sie Unterstützung der verschiedensten Organisationen und Einzelpersonen. Die Vernetzung zwischen Ehrenamtlern und offiziellen Stellen, Vereinen und Verbänden klappt gut.
Vorrangig sind hier zu nennen die Caritas, die Diakonie, die evangelisch-freikirchliche Gemeinde Bahnstraße, der Verein „Mettmann gegen rechts e.V.“ und viele weitere Vereine, Firmen, Institutionen und Privatpersonen.

Wirklich alle aufzuzählen würde nicht nur den zeitlichen Rahmen jeglicher Veranstaltung sprengen, sondern ist schlicht unmöglich. Denn jeder Einzelne, der Sach- oder Geldspenden bereitstellt, Zeit investiert oder schlicht Augen und Ohren offen hält ist ein Unterstützer der Flüchtlinge in Mettmann.




Daher kann eine Aufzählung immer nur ein kleiner Ausschnitt sein, und ich bitte Sie sehr: sollten Sie sich engagieren, ich Ihren Namen aber hier heute nicht erwähnen - Bitte machen Sie weiter! Sie alle hier leisten Großartiges!

Es tut gut zu sehen, wie Mettmanns Bürger sich engagieren, wie sie Anteil nehmen und auch teilweise keine Mühen scheuen, während in anderen Städten oder Landesteilen die Stimmung den Flüchtlingen gegenüber zu kippen scheint. Das was Sie alle hier leisten ist gelebte Willkommenskultur!
Jeder von Ihnen guckt über seinen persönlichen Tellerrand, und das bringt die Menschen und diese Stadt voran. In einer Zeit, in der manch einer nicht mal weiß wie sein direkter Nachbar heißt ist das gelebte Nächstenliebe – man muß kein Sozialarbeiter dafür sein. Und es macht Spaß in einer Stadt zu leben und/oder zu arbeiten, in der die soziale Komponente einen festen Platz hat!

Stellvertretend für die Facebook-Plattform „Flüchtlingshilfe Mettmann“ und dem unvorstellbaren ehrenamtlichen, privaten und autark organisierten Engagement ihrer Mitglieder im Bereich der Flüchtlingsarbeit verleihe ich im Namen von Mettmann Impulse die goldene Ehrenblotsche 2015 an Silke Schriever-Bodora.
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1 Kommentar
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Inga Mehner aus Hilden | 14.12.2015 | 19:12  
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