Als die Apfelsine die Krönung war: Erinnerungen an Weihnachten nach dem Krieg

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Ilse Meurer erzählt, wie Weihnachten früher gefeiert wurde – und wie es kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war. (Foto: Stephan Köhlen)

Weihnachten – kaum ein anderes Fest lebt so von Traditionen und Bräuchen, von kleinen und größeren Dingen, die in der Familie schon immer so waren. Vor fast 70 Jahren lief vieles nicht in seinen gewohnten Bahnen ab. Ilse Meurer, Bewohnerin im Seniorenzentrum „Stadt Hilden“, erinnert sich an Weihnachten nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Das erste Weihnachtsfest nach dem Krieg war sehr traurig“, fängt Ilse Meurer an zu erzählen. „Mein Mann war aus der Kriegsgefangenschaft laufen gegangen, zwischen Nacht und Nebel.“ Bis nach Düsseldorf-Derendorf habe er sich durchgeschlagen. Doch der Gedanke an die anderen Gefangenen habe ihn auch zuhause nicht losgelassen: „Es hieß, für jeden, der flieht, wird einer erschossen“, erzählt die 90-Jährige. Ob es sich um die Wahrheit oder um eine leere Drohung handelte, hätten sie nie erfahren.

„Jeder hatte wenig und damit gleichviel.“


Ansonsten erinnert sich Ilse Meurer gerne an Weihnachten 1945: „Das Schönste war der Zusammenhalt. Jeder hatte wenig und damit gleichviel.“ Wurde ein Lot Kaffee – also eine kleine Menge – gekauft, sei es zwischen den Nachbarn geteilt worden.
Gut in Erinnerung ist Ilse Meurer die Sache mit der Apfelsine geblieben: „Zum Fest gab es pro Person über die Lebensmittelkarten eine Apfelsine. Eine Bekannte hatte keine erhalten. Also haben wir unsere Apfelsinen geschält, je ein Stück herausgelöst und zu einer neuen Apfelsine zusammengesetzt – damit sie auch eine hatte.“

Einen Weihnachtsbaum gab es 1945 nicht – erst später wurde er heimlich aus dem Aper Wald organisiert. Kerzen waren teuer, aus Silber- und Goldpapier wurden Engel gebastelt. Überhaupt wurde viel improvisiert, getauscht, geholfen: Marzipanersatz entstand aus braunem Rohrzucker und Mandelaroma, Ilse Meurer organisierte über ihren Mann, der inzwischen beim Spiegel-Verlag arbeitete, Zeitschriften, tauschte diese gegen Stoffe und ließ sich bei der Schneiderin Kleider anfertigen. Sommer- oder Winterkleider? – „Na das, was der Stoff hergab.“ Einen groben Zuckersack der Alliierten habe sie selbst aufgeribbelt, die Fäden gebleicht und daraus einen Pullover gestrickt.

Getauscht, ersetzt, improvisiert


Hemdkragen seien umgedreht wieder angenäht worden, anstatt neue Hemden zu kaufen. Für den Kartoffelsalat zu Heiligabend kamen die Knollen nach dem Krieg aus dem eigenen Schrebergarten, auf Mayonnaise musste verzichtet werden. Trotzdem: „Ich möchte die Zeit nicht missen“, sagt die Seniorin energisch. Der Zusammenhalt, von dem sie viel erzählt, ist vielleicht auch durch die vielen Nächte zusammen mit den Nachbarn im Luftschutzkeller entstanden: „Wir sind um 10 Uhr abends runtergegangen. Nicht, weil Alarm war. Sondern weil wir wussten, dass die Bomben ohnehin irgendwann kommen würden.“

Nach der Bescherung und dem gemeinsamen Essen ging es stets zur Mitternachtsmesse in die St. Josef-Kirche, die den Bombenhagel unbeschadet überstanden hatte. „Die Mitternachtsmesse war so voll wie das ganze Jahr über nicht – das war auch damals schon so“, sagt die Seniorin. Ein Jahr nach dem Krieg kam ihr Sohn zur Welt, Jahre später machte Ilse Meurer eine Ausbildung als Kosmetikerin. Heute komplettiert ein Enkelsohn die Familie, sie alle wohnen in Hilden.

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