Laudatio zur Verleihung der "Goldenen Ehrenblotsche" an die ehem. Vorsitzende der IG "Leben und Wohnen mit Demenz e.V.", Roswitha Klähn

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Mettmann: Stadtgeschichtshaus |

Verliehen durch die Werbegemeinschaft "Mettmann Impulse e.V." im Dezember 2011


Hatten Sie auch ein unerfreuliches Gespräch mit Ihrer Mutter, gestern Abend zur Abendessenszeit? Zum wiederholten Mal hat Ihre Mutter behauptet, Sie hätten sich doch letzte Woche dies oder das von ihr geliehen-und wie immer nicht zurückgebracht? Sie wüsste es doch schließlich ganz genau!
Oder die hässliche Diskussion mit Ihrem Schwiegervater am letzten Donnerstag? Als der behauptete, der Helmut Röder aus dem Verein hätte beim Abschlussangeln am letzten Oktoberwochenende den größten Barsch herausgezogen? Helmut Röder ist seit dem Frühjahr schon tot, haben Sie geantwortet. „Quatsch, das weiß ich doch ganz genau, dass der den größten Barsch geangelt hat neulich, ich war doch dabei!!

„Das weiß ich ganz genau!“ haben beide gesagt. Sie waren ärgerlich, haben miteinander diskutiert, wie immer ohne Erfolg. Ihre Mutter hat letztendlich geweint und Ihr Schwiegervater hat die Tür zum Flur hinter sich zugeworfen.

„Das weiß ich ganz genau!“.

Es tut mir wirklich leid, aber Ihre Mutter und Ihr Schwiegervater wissen es wirklich genau. In DIESEM Moment wissen sie es genau. In einer Stunde oder morgen kann die Sache ganz anders aussehen, aber JETZT wissen sie genau, das Sie sich letzte Woche bei Ihrer Mutter die Topflappen geliehen und nicht wiedergebracht haben, und das Helmut Röder beim letzten Abschlussangeln den größten Barsch geangelt hat.

Das ist für beide gerade der aktuelle Stand der Dinge. Weder Ihre Mutter noch Ihr Schwiegervater wollen Sie ärgern, kränken oder für dumm verkaufen. Es ist lediglich ihrer beider Realität in diesem Moment, nehmen Sie es nicht persönlich.

Eher im Gegenteil, lassen Sie sich auf die aktuelle Situation der beiden ein. Lassen Sie sich von Ihrer Mutter noch mal genau das Muster der vermissten Topflappen beschreiben und versprechen Sie, zuhause sofort nachzusehen. Und Ihrem Schwiegervater pflichten Sie bei, das Helmut Röder den größten Barsch geangelt hat.

Die Situation wird sich zügig entspannen und Sie können noch einen schönen Tag miteinander verleben.

Sie sind der Meinung, Sie könnten Ihre Mutter doch nicht anlügen?
Sie haben ja nicht gelogen. Sie haben versprochen zu gucken. Was ist daran gelogen? Und Helmut Röder hat doch tatsächlich den größten Barsch geangelt. Zwar nicht in diesem Jahr, aber das ist in dieser Situation völlig egal.

Wie Sie ja schon selbst festgestellt haben, bringt diskutieren in diesen Situationen gar nichts - außer Ärger. Diskutieren und ein in-die-reale-Situation-zurückbringen-wollen-um-jeden-Preis stürzen Ihre Mutter in ein emotionales Chaos. Sie müssen Ihre Mutter in ihrer Realität begleiten.
Denn stellen Sie sich doch die Situation doch mal umgekehrt vor: Sie sitzen heute hier und ich behaupte mit Vehemenz , Ihr Jackett wäre gar nicht schwarz, wie Sie bislang geglaubt haben. Wie würden Sie sich denn fühlen?

Denn sowohl der oben genannte Schwiegervater als auch die Mutter gehören zu den Menschen mit Demenz.
Am Anfang nur gelegentlich, später immer häufiger, ist unser realer Alltag nicht mehr der ihre. Manche Erinnerungen bleiben lange erhalten, andere verschwinden nach ganz kurzer Zeit.
Sie müssen sich das vorstellen wie in einer Bibliothek: In einer Reihe von Büchern fällt immer das letzte zuerst um-das Kurzzeitgedächtnis leidet. Auch dünne Bücher und Broschüren haben nicht die Standfestigkeit dicker Wälzer-prägende Ereignisse haften deutlich länger im Gedächtnis als Alltagssituationen.

Die Krankheit hat, gerade für Angehörige, viele erschreckende und unschöne Seiten. Oftmals wird der Zustand der Eltern, Schwiegereltern oder des Partners verheimlicht, die Demenz wird geleugnet, als „altersbedingte Normalität“ abgetan, bis es nicht mehr zu verstecken geht.

Aus diesen und ähnlichen Situationen heraus wurde 2004 in Mettmann der Verein „IG Leben & Wohnen mit Demenz e.V.“ gegründet. Zu Beginn mit gerade mal 9 Mitgliedern, heute schon mit 106. Die Aufgaben des Vereins sind vielfältig, ganz kleine und ganz große Dinge werden dort bewältigt.
Und zwei der größten Dinge sind die nie endende Aufklärungsarbeit zum Thema „Menschen mit Demenz“ und die beiden bereits vorhandenen Wohngruppen in Mettmann.


In zwei Gruppen mit jeweils sechs Bewohnern leben Menschen mit Demenz ihren Alltag. Alle Bewohner haben Aufgaben, soweit dies noch möglich ist, helfen im Haushalt, falten Wäsche, räumen die Spülmaschine aus oder fegen mal den Flur.
Denn Alltag wird ganz großgeschrieben im Leben eines Menschen mit Demenz: Das Gerüst der Mahlzeiten und der immer wiederkehrenden Rituale des täglichen Lebens in der Wohngruppe geben diesen Menschen Halt in einer Welt, die ihnen zunehmend entgleitet. Jeder von ihnen hat eine feste Aufgabe, jeder wird „gebraucht“.

Ich könnte Ihnen noch so viele Details aus dem Alltag unserer diesjährigen Preisträgerin und ihrem großen Engagement erzählen, Situationen aus den Wohngruppen, Erläuterndes zum Thema „Demenz“ und weiteres über die „Qualifizierung zur Betreuung von Menschen mit Demenz“. Doch dafür sind unsere diesjährige Preisträgerin und alle Ehrenamtlichen der „IG Leben & Wohnen mit Demenz e.V.“ deutlich besser geeignet. Schauen Sie doch auf www.iglebenmitdemenz.de mal vorbei oder rufen Sie an, wenn Sie Fragen haben.

Aber eins möchte ich abschließend sagen: der Jahresmitgliedsbeitrag im Verein „IG Leben & Wohnen mit Demenz e.V.“ beginnt bei 10,-€, eine Summe, die viele von uns an einem Tag mal eben fürs Mittagessen ausgeben.




Mettmann Impulse verleiht in diesem Jahr die Goldene Ehrenblotsche 2011 aufgrund ihres großen persönlichen Engagements und stellvertretend für alle ehrenamtlich arbeitenden Mitarbeiter der „IG Leben & Wohnen mit Demenz e.V.“ an die 1. Vorsitzende des Vereins, Frau Roswitha Klähn .

Inga M. Mehner

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