Wie ein Hildener Jude in Frankreich versteckt wurde

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Präsentieren das Buch "Leo Meyer aus Hilden": Historikerin Barbara Suchy und Stadtarchiv-Leiter Dr. Wolfgang Antweiler. (Foto: Michael de Clerque)

Leo Meyer, ein Hildener, floh vor den Nationalsozialisten zunächst nach Belgien. Wie er in einem französischen Dorf versteckt wurde und so die Kriegszeit überlebte, zeichnet Historikerin Barbara Suchy in ihrem neuen Buch nach.

„Manchmal hätte ich am liebsten einen Roman geschrieben“, gesteht Barbara Suchy. „Um die Lücken zu füllen.“

Suchy hat zahlreiche Briefe und die wenigen verbliebenen Fotos gesichtet, ist unter anderem nach Frankreich gefahren, um mit den Überlebenden zu sprechen. Und doch lässt sich Leo Meyers Leben nicht lückenlos darstellen.

Zum Beispiel, wie die Entscheidung über die Flucht vor den Nazis getroffen wurde. Meyer hat sich alleine, ohne seine Familie, sogenannten „Judenschmugglern“ anvertraut. Beim vierten Versuch klappte der Übergang über die belgische Grenze, insgesamt war er so rund 10.000 Reichsmark leichter - und quasi mittellos.

Zurück in Deutschland ließ Meyer seine Frau und seine Adoptivtochter Hannelore, an denen er sehr hing. Seine Familie, auch seine Schwester, hat es nicht geschafft. Von Düsseldorf aus wurden sie nach Minsk deportiert. Ob sie dort starben oder in der Umgebung ermordet wurden, ist nicht bekannt.

„Besonders berührt haben mich die Briefe der kleinen Hannelore. In ungelenken Buchstaben hat sie ihrem Vater geschrieben“, sagt Suchy.

Diese und weitere Briefe, die Leo Meyer besonders wichtig waren, hat er auf seiner Flucht sorgsam verwahrt. Einmal wurden die Papiere sogar verbuddelt - vom Bürgermeister im französischen Saint-Martial-le-Mont, der so Meyer half, sich zu verstecken.

„Die Geschichte von Leo Meyer ist furchtbar traurig. Aber gleichzeitig handelt sie von vielen mutigen Menschen, die ihm hier in Hilden und später in der kleinen Stadt in Frankreich geholfen haben“, so Suchy.

"Der gute Deutsche"

Im Frühsommer 1939 klopfte Meyer an das Tor eines Klosters im belgischen Oostmalle und bittet um Zuflucht. Der Flüchtling ist kein Unbekannter: Die Oberin erkennt ihn - im ersten Weltkrieg hatte Meyer sich um hungernde Flüchtlinge in dem Ort gekümmert. Sein Vater hatte Geld geschickt, mit dem die Nonnen Nahrungsmittel besorgen konnten. Sein Ruf „der gute Deutsche“ zu sein, half ihm in der kommenden Zeit: Als Deutschland Belgien im Mai 1940 überfällt, wird Leo Meyer wie tausende weitere Menschen verhaftet und mit dem Zug in ein Internierungslager in den Teil Frankreichs gebracht, der nicht von Deutschland besetzt war.

„Dort ging es ihm hundsmiserabel. Er wäre wohl auch verhungert, wenn die Oberin nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt hätte, um ihn da herauszubekommen“, fasst Suchy zusammen. 30 Kilogramm hatte Meyer verloren, als er von Müller Joseph Briquet, dem Bruder der Oberin, in Saint-Martial-le-Mont aufgenommen wurde.

Zunächst nur zur Erholung, doch es gab Verlängerungen. Die Familie des Müllers, ja das gesamte Dorf hielt zusammen, damit Meyer nicht entdeckt wurde. „Als der Müller gefragt wurde, warum er sich für den Deutschen einsetzt, antwortete er: ‚Ich tue das als guter Franzose - und als guter Katholik‘. Das war alles andere als selbstverständlich. Denn nach dem ersten und im zweiten Weltkrieg war die Stimmung dort anti-deutsch. Und auch antisemitisch.“

Als auch das Dorf besetzt wurde, musste sich Meyer „in Erdlöchern“ verstecken. Anhand der Lebensmittelkarten wären ihm die Behörden fast auf die Spur gekommen. Das Dorf wurde auf den Kopf gestellt, sogar der dreijährige Sohn des Müllers befragt. Der flunkerte, er habe Meyer schon lange nicht mehr gesehen...

„Barbara Suchy hat unheimlich viel Zeit - und nicht nur Zeit - in dieses Projekt investiert. So ist ein Buch entstanden, das eine unglaubliche Geschichte erzählt. Und übrigens trotz der Fußnoten leicht zu lesen ist“, sagt Dr. Wolfgang Antweiler, Leiter des Hildener Stadtarchivs.

Der Name Leo Meyer war schon vor dem Erscheinen des Buches - nicht nur in Historikerkreisen - bekannt: Meyer hatte nach der Pogromnacht seinen schwerverletzten Vater ins Marienhospital gebracht, wo dieser wenig später starb. Auch Meyer selbst wurde von den Nazis in dieser Nacht übel zugerichtet. Suchy hat unter anderem seinen Bericht über dieses dunkle Kapitel der Hildener Geschichte mit ins Buch aufgenommen.

Heute erinnern Stolpersteine vor den Häusern Nr. 189/191 an der Gerresheimer Straße an Meyers Vater, seine Schwester, seine Ehefrau und seine Tochter.

Das Buch „Leo Meyer aus Hilden. Eine dokumentarische Erzählung“ ist mit der Unterstützung der Stadt Hilden, des Förderkreises der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Fritz Ressle, des Lions Club Hilden und des Rotary Club Hilden-Haan im Droste Verlag erschienen, es ist für 16,90 Euro im Handel und im Stadtarchiv, Gerresheimer Straße 20a, erhältlich.
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