„Das Land war schon weg“ - So steht es um das Flüchtlingscamp Massen

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Zurzeit werden in Unna-Massen etwa 300 Betroffene mit den wichtigsten Gütern vom Deutschen Roten Kreuz versorgt und untergebracht.
 
Zurzeit werden in Unna-Massen etwa 300 Betroffene mit den wichtigsten Gütern vom Deutschen Roten Kreuz versorgt und untergebracht. Bilder: St. Reimet
Die Bilder dürften vielen Bürgern noch vor Augen sein, als Flüchtlingsfamilien in den 90er Jahren aus Osteuropa in der Landesstelle Massen eine erste Bleibe in Deutschland fanden. Kleider- und Spielzeugsammelaktionen für Krisengebiete wie Bosnien oder Kossovo brachten die Garagen fast zum Bersten. Fast zehn Jahre wurde die Siedlung kaum genutzt, in Verwaltungsgebäude zogen eine Hochschule für Management und Gesundheit sowie eine Medienfirma ein. Die Landesstelle fiel in weiten Teilen in einen Dornröschenschlaf. Jetzt sind einige der Wohnhäuser zur Auffangstation für Flüchtlinge geworden. Zwischen 200 und knapp 400 Asylanten aus Syrien, Mazedonien und Bosnien finden in Massen kurzzeitig Unterkunft, bis Unterbringungsmöglichkeiten in anderen Kommunen bestehen. Zurzeit werden in Unna-Massen etwa 300 Betroffene mit den wichtigsten Gütern vom Deutschen Roten Kreuz versorgt und untergebracht. Das Aufnahmelager wurde in Teilbereichen wieder aktiviert. Mit Hilfe des DRK konnten Hygiene, Wasser- und Lebensmittelversorgung aufgebaut werden. Dazu sind etwa 50 Einsatzkräfte rund um die Uhr vor Ort. Neben der Identitäts- und Statusfeststellung werden Sprachkurse sowie Beratungen zu Bildung und Beruf durchgeführt. Siegfried Pogadl, ehem. Leiter der Einrichtung: „Die Stelle ist ein Puffer für die Aufnahme.“
In einer TV-Dokumentation des WDR blickte er zurück: „Manche Kommune sträubte sich damals gegen die Aufnahme, oft kamen die Busse mit Asylanten wieder zurück.“ Eine ähnliche Entwicklung wünscht er sich diesmal nicht.
Indes bremst die kurzfristige Reaktivierung die Pläne der Stadt Unna aus, die auf der Fläche ihr Planungsrecht ausüben möchte. Pressesprecher Oliver Böer: „Das Land hatte damals mitgeteilt „Wir sind weg.“ Die Flächen seien formal aufgegeben worden. Auf dem ehemaligen Landesanteil sind jetzt Flüchtlinge untergebracht. In der Zwischenzeit hat die Stadt Unna die Bauleitplanung für die Erweiterung als Hochschulstandort in die Hand genommen. Böer: „Geplant sind hochschulnahes Kleingewerbe leistungsstarke Einrichtungen die einen Entwicklung der Uni vom semi-virtuellen Angebot zur Präsenzhochschule ermöglichen.“ Derzeit verbringen die immatrikulierten Studenten nur wenig Zeit in Vorlesungen in Massen. Der größte Teil wird online vermittelt. Zunehmend möchte die Hochschule auch Studenten aus dem Ausland an den Standort holen, plant zusätzlich den Erwerb der Gerhardt-Hauptmann Schule an der Buderusstraße. Mit Blick auf den Hochschulcampus sei es schwierig, eine Entwicklung als Flüchtlingslager über fünf oder mehr Jahre zu haben.

Hintergrund: Aufnahmelager Massen

Anfang der 50er Jahre richteten die britischen Alliierten Notunterkünfte für 1500 Menschen ein, in den 60er Jahren wurde die Landesstelle für DDR-Flüchtlinge erweitert, in den 80er Jahren für die Aufnahme der Boatpeople aus Uganda. Für Verfolgte aus Nordosteuropa kamen maßgebliche Neubauten am Rande der Einrichtung in den 90er Jahren hinzu. 2009 wurde das Lager als Landestelle aufgegeben, 50% waren im Bundesbesitz, 50% im Eigentum des Landes NRW. Die Stadt Unna hat daraufhin Folgenutzungen für die insg. 220 Tsd. qm große Fläche entwickelt. Eine private Hochschule erwarb 60Tsd. qm und ein Medienunternehmen siedelte sich in jüngster Vergangenheit an. Ein Bebauungsplan soll auch Wohnen und Leben für Studenten und Angehörige der Hochschule ermöglichen. Im Okt. 2012 informierte die Bezirksregierung die Stadt Unna, dass aus einer Notlage heraus die Häuser gebraucht werden, da in Dortmund keine Möglichkeit mehr bestehe, zunächst für einige Wochen. Nach einigen Monaten beabsichtigte das Land, dauerhaft eine Einrichtung dort zu unterhalten. Die Perspektive für das Ausweichnotquartier für Erstaufnahme liegt nach letztem Stand bei zwei Jahren. Zeitgleich plant die Hochschule die Erweiterung zur Präsenzuniversität, mit erweitertem Platzbedarf auch für Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen auf dem Campus.
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