Andreas Staier beim Klavier-Festival Ruhr 2013

Wann? 21.06.2013 20:00 Uhr

Wo? Schloß Gartrop, Schloßallee 4, 46569 Hünxe DE
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Andreas Staier beim Klavierfestival Ruhr 2013 am 21. Juni, um 20 Uhr im Schloß Gartop. Foto: Veranstalter
Hünxe: Schloß Gartrop | (Termin: Fr. 21. Juni, 20 Uhr, Alte Rentei, Schloss Gartrop, Hünxe)

Programm:
Wolfgang Amadeus Mozart |Fantasie c-Moll KV 475
Joseph Haydn |Sonate in Es-Dur Hob. XVI:49
Ludwig van Beethoven |Sechs Bagatellen für Klavier op. 126
Franz Schubert |Sonate in G-Dur op. 78 D 894

„Wenn man ein Doppelkreuz schreibt und danach denselben Ton mit einem einfachen Kreuz setzt, muss man danach zwei Auflösungszeichen, ein Auflösungszeichen oder ein Kreuz setzen?“ – mit solchen und anderen Fragen hat der junge Klavierschüler Andreas Staier einst seine Klavierlehrerin zur Verzweiflung gebracht. Der Wille, musikalischen Phänomenen auf den Grund zu gehen, ist bis heute geblieben.

Ein intensives Quellenstudium zu Fragen der Aufführungspraxis, zu Phrasierung und Verzierung, zu Interpretation und Improvisation untermauert bei Andreas Staier die Praxis des Musizierens. Seine profunde Kenntnis über technische Parameter von Hammerklavieren ist überwältigend. Doch in erster Linie ist Andreas Staier ein Vollblutpianist respektive -cembalist. In Hannover und Amsterdam studierte er Klavier und Cembalo und begann seine Karriere in den Achtzigerjahren als Cembalist des Ensembles Musica Antiqua Köln, fast zehn Jahre lang war er Professor für historische Tasteninstrumente an der Schola Cantorum Basiliensis. Für seine rund fünfzig CD-Einspielungen erntete Andreas Staier zahlreiche internationale Schallplattenpreise. Sein Repertoire reicht vom Barock bis zur Romantik, doch auch zeitgenössische Komponisten schreiben gern für den versierten Fortepianospieler. Immer wieder reflektiert er über seine Interpretationen und macht sich Gedanken über die akustischen Gegebenheiten der Räume, in denen er spielt. Seine Zuhörer sind einfach nur eingeladen zu lauschen: „Über Klang kann man nicht sprechen“, sagt Andreas Staier, „man muss ihn einfach hören.“

Programmheft-Text:
Wolfgang Amadeus Mozart publizierte seine große c-Moll-Fantasie KV 475 zusammen mit seiner gut ein halbes Jahr früher komponierten c-Moll-Sonate (KV 457) unter dem Titel „Fantasie et Sonate pour le Forte-Piano“. Sie erschienen im Dezember 1785 im Druck und sind Therese von Trattner gewidmet, die Schülerin Mozarts und zugleich Gattin des reichen Buchdruckers von Trattner war, in dessen prächtigem Haus die Familie Mozart zeitweilig wohnte. Durch ihre Ausdruckstiefe, ihre neuartige Formgestaltung und einen großen Modulationsreichtum hat diese Fantasie einen Sonderstatus. Sie beginnt mit einem „tief resignierten, schicksalsschweren Unisono-Motiv, dem sofort zwei schmerzliche Seufzer folgen“ – so formulierte es der Mozart-Forscher Hermann Abert. In der damaligen Tonartencharakteristik kam c-Moll der Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung zu.

Doch wie so oft bei Mozart erscheint bei dieser Fantasie in der größten Verzweiflung plötzlich ein Hoffnungsschimmer. Einerseits wirkt die Fantasie wie frei improvisiert, andererseits hat sie eine klare Form und gliedert sich in sechs Teile, die sich in Tempo, Tonart und Duktus unterscheiden. Am Ende kehrt sie zu ihrem düsteren c-Moll-Beginn zurück und wirkt so zyklisch abgerundet.
Wahrscheinlich hat Joseph Haydn bereits Mitte der 1780er-Jahre ein Hammerklavier besessen. 1788 rühmte er die Vorzüge seines neuen, von dem Wiener Klavierbauer Wenzel Schanz gefertigten Instruments, für das er die 1790 entstandene Sonate in Es-Dur Hob. XVI:49 komponierte. Er widmete das Werk der Frau des Arztes von Fürst Esterhazy, Maria Anna von Genzinger, die eine talentierte Klavierspielerin war. Im Juni 1790 schrieb Haydn an Frau von Genzinger: „Diese Sonate war schon voriges Jahr für Ihre Gnaden von mir aus bestimmt, nur das Adagio [den zweiten Satz] habe ich erst ganz neu dazu verfertigt, welches ich aber Euer Gnaden auf das allerbeste anempfehle. Es hat sehr vieles zu bedeuten, was ich Euer Gnaden bei Gelegenheit zergliedern werde. Es ist etwas mühsam, hat aber viel Empfindung.“ Die Sonate gilt als ein Werk von klassisch-klarer Ausgewogenheit, von Heiterkeit und stellenweise auch von großem Ernst. Voll Einfallsreichtum ist der erste Satz, dessen Ideen alle aus dem Hauptthema entwickelt sind.

Es gibt eine umfangreiche Durchführung, die in eine düster-gespenstisch wirkende Moll-Episode mündet. Hier ist ein viernotiges Klopfmotiv verarbeitet, das vielfach als Vorwegnahme von Beethovens Schicksalsmotiv (etwa im ersten Satz der „Appassionata“ und der 5. Sinfonie) gedeutet wurde. Eine sanft fließende Hauptmelodie hat das Adagio cantabile mit dem Formschema ABA. Leidenschaftlich bewegt ist der Mittelteil in Moll, auf den die verkürzte Wiederholung des Anfangsteils folgt. Das Menuett-Finale hat eine freie Rondoform und spiegelt in seiner Grazie den Geist des Rokoko. Am 11. Juli 1790 schrieb Frau von Genzinger an Haydn, die Sonate gefalle ihr überaus gut, jedoch das Übersetzen der Hände im Adagio sei sie nicht gewohnt, und sie wünsche eine entsprechende Änderung. Heute empfinden Interpret und Zuhörer gerade diese Passage sicher als besonders reizvoll.

Die Sechs Bagatellen op. 126 sind das letzte Werk für Klavier aus der Feder von Ludwig van Beethoven. Insgesamt hat Beethoven 24 Klavierstücke unter der Bezeichnung „Bagatelle“ veröffentlicht, die in unterschiedlichen Schaffensperioden entstanden und zu drei Werkgruppen zusammengefasst wurden. Der Begriff „Bagatelle“ bezieht sich auf die kleine Form, nicht aber auf den musikalischen Gehalt der Stücke, „Kleinodien“ sind sie eher als „Kleinigkeiten“. Gerade bei den späten Bagatellen op. 126 findet eine Verdichtung des musikalischen Gedankenguts statt. So wie der Zyklus dieser sechs Stücke angelegt ist, kontrastieren sie konsequent in ihrer Stimmung: Auf Heiterkeit folgt jeweils gedämpfte, traurige oder düstere Stimmung. Die erste der Bagatellen ist ein friedvolles Andante in G-Dur mit einer dreiteiligen Liedform, darauf folgt ein eigenwilliges Allegro in g-Moll. Im wiegenden 3/8-Takt kommt das dritte Stück als Andante cantabile e grazioso daher. Auffällig ist der Kontrast zwischen Polyphonie und Einstimmigkeit in der vierten Bagatelle, rhythmisch reizvoll sind die „jazzartigen“ Synkopen. Fast naiv wirkt das fünfte Stück in seiner Einfachheit. Bei der letzten der Bagatellen folgt auf ein wütendes Presto ein zartes Andante amabile. Durch Beethoven erlangte die Gattung Bagatelle ein neues Niveau – „auch vermeintlich kleine Kunst kann großes Theater sein“, schrieb dazu der Musikwissenschaftler Sven Hiemke.
Franz Schuberts Komposition mit der Opuszahl 78 wird als Sonate G-Dur D 894 gezählt, veröffentlicht wurde sie aber, auf Betreiben des Verlegers Tobias Haslinger, als Folge einzelner Stücke, als „Impromptus“. Da Schubert das Werk aber eindeutig als Sonate vorgesehen hatte, notierte Haslinger als Kopftitel über dem Beginn des ersten Satzes „Fantasie oder Sonate“. Dieser erste Satz ist nun allerdings ungewöhnlich für eine Sonate: Nicht das übliche Allegro erwartet den Zuhörer, sondern ein lyrisches Musikstück, das nicht nur in mäßigem Tempo – molto moderato –, sondern auch „cantabile“, sanglich vorzutragen ist. Das Hauptthema scheint in sich zu ruhen, es ist, als ob die Zeit stehen bliebe. Das Seitenthema erscheint als gefühlvolle Melodie mit sanft wiegender Begleitung, ein drittes Thema besteht aus nur vier Noten. Die für die Sonatenform typische Kontrastwirkung der Themen tritt kaum zutage, es gibt aber eine Durchführung, die es in sich hat und durchaus dramatisch ist: Hier findet sich ein unerwarteter Aufschrei im dreifachen Forte. Schlicht und liedhaft ist das Thema des Andantes, das von schroffen, wie trotzig aufbegehrenden Akkordschlägen unterbrochen wird. Das Menuett lebt vom Spiel mit dynamischen Kontrasten und hat ein ländlerartiges Trio. Als Finalsatz erscheint ein freies Rondo, das reich ist an Kontrasten und unterschiedlichen Charakteren und im Mittelteil eine ergreifende Kantilene erklingen lässt.

Dorle Ellmers
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