Jahrgangsübergreifendes Konzept der Bartholomäus-Schule

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  Text und Fotos von Julia Steiner:

Der Unterricht an der Bartholomäus-Grundschule in Oestrich ist anders als an anderen Grundschulen. Hier wird jahrgangsübergreifend gelernt, das heißt: Kinder vom ersten bis vierten Schuljahr werden gemeinsam in einer Klasse unterrichtet. Was auf den ersten Blick für viele den Charakter einer ehemaligen Dorfschule hat, ist tatsächlich aber eine kooperative und komplexe Lernform, die für Kinder wie auch für Lehrer viele Vorteile bringt. „Wir sind eine ganz normale Grundschule mit denselben Lehrplänen wie andere Grundschulen“, bekräftigt Rektorin Barbara Metzger die Lernziele. „Die Kinder lernen bei uns nicht mehr und auch nicht weniger. Aber sie lernen anders“, fügt Konrektorin Verena Heintz hinzu.
Seit diesem Schuljahr wird an der Bartholomäus-Grundschule in allen Klassen jahrgangsübergreifend unterrichtet. In den vorangegangenen Jahren gab es zunächst Unterricht der Klassen 1 und 2 gemeinsam. Letztes Jahr dann bereits für die Klassen 1 bis 3. „Es war ein Entwicklungsprozess auch für das Lehrerkollegium“, erinnert sich Verena Heintz. „Jahrgangsübergreifender Unterricht, kurz JüL, ist entlastend für die Kollegen. Das Kollegium wächst enger zusammen, weil man sich viel mehr berät und unterstützt, auch was den Lernstoff betrifft. Den müssen wir ja nun für alle vier Klassen immer parallel im Kopf haben.“
Die Lehrerrolle hat sich durch das System verändert. Es gibt zum Beispiel den klassischen Mathematikunterricht für jede Jahrgangsstufe nicht mehr, denn nicht nur das Alter der Schülerinnen und Schüler ist gemischt, auch der Stoff, der gelehrt und gelernt wird. Unterrichtet wird jahrgangs- und fächerübergreifend. Die Schüler arbeiten in kleinen Gruppen, erarbeiten sich das Lehrmaterial selbst, der Lehrer ist dabei mehr wie zum Berater der Kinder geworden. Die Kinder nehmen das Lernen in die eigene Hand. Konkret heißt das: da arbeiten zum Beispiel Erstklässler mit Drittklässlern an den eigenen Matheaufgaben, während andere Kinder schreiben oder zeichnen. Alles zur selben Unterrichtsstunde.
„Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kinder sehr viel voneinander lernen. Sie verstehen sich untereinander besser und verstehen auch die Probleme oft besser als ein Erwachsener“, kennt Verena Heintz Vorteile. In jahrgangsübergreifenden Klassen sind es die großen Kinder, die Verantwortung für die Kleinen übernehmen, die wiederum von den Großen lernen. „Ganz oft ist es auch so, dass die Kleinen den Großen etwas erklären“, beschreibt die Konrektorin. „Das soziale Lernen ist ein ganz anderes. Die hohe soziale Kompetenz ist eine große Chance. Das jahrgangsübergreifende Lernen ist fast wie eine Familienstruktur.“
In kleinen Gruppen arbeiten bedeutet nicht nur das starre Sitzen auf den Plätzen. Die Kinder wählen sich ihren Platz zum Arbeiten selbst.
Manchmal gehen sie auch in kleinen Gruppen aus dem Klassenraum und lernen in aller Ruhe im Flur. Mal auf dem Boden im Liegen, mal auf einer Bank, mal am Tisch. Haltungsänderungen fördern die Konzentration. „Das Kind sucht sich die bequemste Haltung zum Lernen aus“, erklärt Verena Heintz. „Oft ist es bei uns im Unterricht viel ruhiger als in einer altershomogenen Klasse, weil jedes Kind eine Aufgabe ist und weiß, was es zu tun hat“, räumt die Konrektorin mit dem Gedanken an großes Durcheinander und Chaos auf.
Diese Art des Lernens funktioniert. „Als Lehrer haben wir einen viel besseren Überblick über den Wissensstand des einzelnen Kindes. Wir bekommen pro Schuljahr etwa 6 bis 7 neue Kinder in die Klasse. Die geringe Anzahl an Erstklässlern habe ich viel schneller im Blick als bei einer großen neuen Klasse von vielleicht 27 Schülern.“ Das System bietet für Verena Heintz und ihre Kollegen die Chance, ganz schnell zu sehen, welches Kind den Stoff verstanden hat. „Das macht das Unterrichten auch für uns Lehrer einfacher.“
Überprüft wird der Lernstand der Kinder natürlich genau so wie an anderen Grundschulen. Lernstandskontrollen stellen sicher, was die Kinder können müssen. „Zusätzlich wird für jedes Kind in einem Portfolio, einem sogenannten Lerntagebuch, dokumentiert, was das Kind gelernt hat“, beschreibt Rektorin Barbara Metzger. Für die zehn jahrgangsübergreifenden Klassen hat die Bartholomäus-Grundschule einen ganz normalen Personalschlüssel. Jede Klasse hat ihren Klassenlehrer. Zusätzlich gibt es Sonderpädagogen, die stundenweise die Besetzung ergänzen, denn die Bartholomäus-Grundschule arbeitet integrativ.  „Wir haben 30 integrative Kinder bei uns“, nennt die Konrektorin Zahlen. Auch für Integrativkinder bietet das JüL enorme Vorteile. An einer traditionellen Grundschule ist ein Kind mit geistiger Behinderung immer das lernschwächste Kind. An der Oestricher Grundschule fällt das viel weniger auf, weil hier nicht einer anders ist, sondern alle unterschiedlich. „Andersherum ist es genauso. Die klassischen Einser-Schüler fallen bei uns nicht so sehr aus dem Rahmen“, weiß Verena Heintz, dass jahrgangsübergreifendes Lernen also auch das Selbstbewusstsein der Kinder enorm stärkt.
Viele Eltern melden ihre Kinder bewusst wegen des Konzept an der Schule an. Es kommen sogar Kinder aus Hemer oder Hohenlimburg. Gerade auch für begabte oder lernschwächere Kinder bietet das System eine große Chance. „Hier können Erstklässler, die besonders gut in Rechnen sind, bereits den Mathe-Stoff der Zweitklässler lernen, die anderen Fächer aber altersgemäß für die erste Klasse erarbeiten. Für lernschwächere Kinder ist das natürlich genau umgekehrt.“ Die Lehrer, die jahrgangsübergreifend unterrichten, können die Schüler genau da abholen, wo sie lernstandsmäßig stehen und so individuell fördern. Es ist eben ein anderes Lernsystem, das Vorteile für Lehrer und besonders für die Kinder bietet, die weit über die Grundschulzeit hinaus prägend sind.
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