Petrus zurück nach Hanselaer

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(Foto: Lioba Rochell)
Der Apostel Paulus oben links im Hochaltar der ausstattungsreichen gotischen Kirche hat nun endlich sein Gegenüber zurück: Die beiden Apostel werden gern in mittelalterlichen Altären einander gegenüber gestellt, weil es in der Kirche beides braucht: Das Amt der Leitung (Petrus-Amt)und das Amt der Neuaufbrüche und der Missionierung (Paulus). Mit großer Freude konnte der Kirchenvorstand von Heilig Geist Kalkar, der Verein der Freunde Kalkars und der Förderverein St. Nicolai nun aus der Hand von Guido de Werd die ca. 28 cm messende Petrusfigur zurück erhalten. Die kleine, versteckte Dorfkirche St. Antonius Abbas in Kalkar-Hanselaer ist nun in ihrer einzigartig farblichen mittelalterlichen Ausstattung ein klein wenig weiter bereichert. Wer den Ort besucht, taucht ein in eine andere Welt. Für die umliegenden Bewohner, die noch mit der Schüppe für verstorbene Nachbarn das Grab ausheben, ist das von anderen erstaunt beobachtete Ambiente das Selbstverständlichste von der Welt. Es ist ja seit 500 Jahren unverändert.
Guido de Werd hatte sich wieder einmal als Kunstentdecker gezeigt wie damals in Uedem oder wie in St. Nicolai beim Christus auf dem kalten Stein. Dort bekam die Figur die ausdrucksvolle, damals vom Pfarrer als unschön bezeichnete und von Ferdinand Langenberg abgesägte Schmerzenshand wieder zurück. Die Figur war im Sommer eines der Hauptstücke bei der Dominikanerausstellung. Weder Dr. Karrenbrock vom Bistum Münster noch andere Kenner hätten bei der weltgrößten Kunstmesse in Maastricht das kleine Petrus-Figürchen beachtet, das er selbst ohne das schon gleich zu äußern als Schnitzerei (aus der Werkstatt) des Kalkarer Arnt van Tricht deutete. Zum Glück gibt es ein historisches Fotoarchiv, in dem de Werd nach langem Suchen fündig wurde, um zu wissen, in welchen Altar die kleine Kostbarkeit gehört. Da er mit der Kalkarer Geschichte überaus vertraut ist, konnte er die Zuordnung nach Hanselaer leicht nachvollziehen, was anderen Fachleuten so nicht gelingt. Und – so klein die Figur auch ist – in Faltenwurf und Gesichtsausdruck und besonders in der Gestik ist dies ein großer Schatz. Allein vom Kopf mit dem reichen Haar und dem üppigen Bart erkennen Kenner sofort Petrus, den Apostel. Selten ist auf so kleinem Raum so viel an Deutung ablesbar: Leider ist die linke Hand abhandengekommen, die die Schlüssel hielt: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben“, also zum Binden und zum Lösen der Sünden je ein Schlüssel. Kostbarer aber ist die Darstellung dessen, was unter dem Gewand verborgenen von der rechten Hand gehalten wird, die dort einen Gegenstand schützt. Wenn man weiß, wie kostbar ein Buch um die Zeit der Entstehung des Buchdrucks war, wird man die Schutzmaßnahme für die Bibel in seiner Hand verstehen. In historischen Darstellungen zeigen Heilige die Bibel oft, indem sie die eigenen Hände mit einem Teil ihres Gewandes verhüllen und so die verehrenswürdige Botschaft präsentieren. In einem Buchbeutel oder nur mit einem Tuch umhüllt wurde so auch der inhaltliche Wert des Evangeliums Jesu Christi dargestellt.
Küster Roland van Weegen stellte mit Freude die kleine Figur in die linke untere Hohlkehle. Neun weitere solcher Plätze im Schnitzwerk des Hanselaerer Altars sind noch offen. Niemand weiß, ob sie alle gefüllt waren, als dieser kostbare Altar in die kleine gotische Dorfkirche kam. Guido de Werd vermutet, dass der aus einer der abgebrochenen Kalkarer Klosterkirchen kam. Nun aber passt der kleine Petrus haargenau in die Lücke und ergänzt das Figurenprogramm, das u.a. auch den Täufer Johannes und den Apostel Paulus zeigt. Gleichzeitig präsentierte Küster Roland van Weegen aus den Relikten des Kalkarer Tresors eine kleine farbig original gefasste Figur ähnlicher Größe, die Guido de Werd als Verkündigungsengel identifizierte und die auch genau zu der Triumphkreuzgruppe und den großen Altarfiguren passt. Leider fehlen der Figur einerseits die Flügel und ferner vor allen Dingen das wichtige Gegenüber: Maria, die ihr Ja zur Menschwerdung Gottes in Jesus Christus sagt.
Karl Ludwig van Dornick, Otto Andrae, Lioba Rochell und Norbert Hos vom Förderverein und vom Verein der Freunde Kalkars hatten ihre Gremien davon überzeugen können mitzufinanzieren, als klar wurde, dass das Bistum Münster durch Dr. Reinhard Karrenbrock die Hälfte der Kosten des Rückkaufs der im zweiten Weltkrieg gestohlenen Figur bereitstellen konnte. Der Vorsitzende und frühere Bürgermeister wies zufrieden darauf hin, dass nach den Kriegswirren die Figur nun auf friedlichem Wege ohne Prozess und Streit zurückkehren konnte. Bei künftigen Führungen wird man nun davon berichten können, welchen Weg der kleine Petrus hinter sich hat und welchen Schatz er unter seinem Gewand verbirgt.


Text: Alois van Doornick
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