Hans-Jürgen Schumann: Ein Soldat in zwei Armeen geht nach Hause

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Ein Stück deutsch-deutscher Geschichte: Oberstleutnant Hans-Jürgen Schumann mit dem Bild, das um die Welt ging, und heute seinen Platz im Haus der deutschen Geschichte hat (Foto: Klaus Sattler)
 
Die erste Berührung des NVA-Offiziers Schumann (vordere Reihe links) mit Soldaten der Bundeswehr im September 1990. (Foto: Privat)

Ein Stück deutsch-deutscher Geschichte geht in den Ruhestand. Oberstleutnant Hans-Jürgen Schumann (59) verlässt in diesem Sommer die Bundeswehr – kurz vor Ablauf seiner Dienstzeit erhielt er jetzt die Urkunde für sein 40jähriges Dienstjubiläum.

Das, was diesen Offizier, den viele Kameraden in Kalkar einfach nur „Schu“ rufen, so besonders macht, ist sein Weg durch zwei Armeen. Denn: Oberstleutnant Schumann trat 1975 als Offiziersschüler in die damalige Nationale Volksarmee (NVA) ein.
Als gelernter Werkzeugmacher lag die Ausbildung zum Technischen Offizier in der Luftfahrzeugwartung nahe. Eingesetzt wurde er in Brandenburg-Briest, wo er nach den Anfangsjahren später auch Chef der Wach- und Ausbildungskompanie des in Briest stationierten Hubschraubergeschwaders wurde. Bis zum Major stieg der Offizier bei den Luftstreitkräften in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) auf. Dann kam der Glücksfall – wie Oberstleutnant Schumann es selber nennt: Der Fall der Mauer, das Ende der deutschen Teilung. „Das war ein einschneidender Teil meines Lebens“, so Schumann, für den diese Tage aber auch einen durchaus sorgenvollen Blick in die Zukunft bedeuteten: „Man wusste als Offizier der Nationalen Volksarmee ja nicht, wie es mit uns weitergeht.“
Die Wendezeit erlebte der 59jährige mit gemischten Gefühlen. „Die Armee war in voller Bereitschaft in den Kasernen“, so Schumann. Es wurde viel diskutiert über das was da auf den Straße passierte, aber: „Niemand in der NVA war bereit die Waffe gegen das eigene Volk zu heben.“ Das habe zu keiner Zeit zur Debatte gestanden. Später, nach dem Fall der Mauer, so führt der Offizier weiter aus, habe man die vielen neuen Freiheiten genossen. Westfernsehen in den Kasernen, offene und kritische Diskussionen auch unter den Soldaten. „Da war sehr viel Euphorie“, so Schumann, „aber dass die Veränderung so weit geht, und in der Wiedervereinigung mündet, damit hat niemand von uns gerechnet.“
Die erste Berührung mit der Bundeswehr hatte Hans-Jürgen Schumann im September 1990, also noch vor der Wiedervereinigung. „Genosse Schumann, Sie fahren nach Fürstenfeldbruck“, so lautete der knappe Befehl für den Offizier. Auf dem bayerischen Fliegerhorst, Heimat der Offiziersschule der Luftwaffe, wurden in einem mehrtägigen Seminar Offiziere der Nationalen Volksarmee in die Grundsätze der Inneren Führung eingewiesen. “Das war schon ein mulmiges Gefühl“, erinnert sich Schumann an diese Zeit. Auf einmal befand man sich beim Klassenfeind. Doch von Ablehnung oder gar Feindseligkeit war nichts zu spüren. „Wir sind sehr offen und herzlich empfangen worden“, so Schumann, der sich lachend daran erinnert, dass man am ersten Abend die Bar des Offizierskasinos in Fürstenfeldbruck leer getrunken habe.
Zwei Tage nach Beginn des Seminars war Hans-Jürgen Schumann dann auf den Titelseiten der Zeitungen dieser Welt. „Ein Journalist der Deutschen Presse Agentur hatte im Hörsaal fotografiert“, erinnert sich Schumann. Symbolisch für die bevorstehende Wiedervereinigung ging dann ein Bild um die Welt, dass Schumann in Uniform der NVA mit dem deutschen Grundgesetz in der Hand zeigt. Bis heute hängt dieses Foto, dass unter anderem in Zeitungen wie der „FAZ“, der „Süddeutschen“ oder der „Welt“ veröffentlicht wurde, in seinem Büro. Lebendige Erinnerungen hat der Offizier auch an das Studium des Grundgesetzes. „Als ich den Artikel 26, der das Verbot eines Angriffskrieges regelt, gelesen habe“, so Schumann, „war ich wirklich erschüttert.“ In diesem Moment sei ihm klar geworden, wie viele Lügen ihm als Soldat der NVA jahrelang aufgetischt worden waren.
Hans-Jürgen Schumann entschied sich 1990, auch unter dem Gesichtspunkt der sozialen Absicherung seiner Familie, dafür, Soldat zu bleiben. Er wurde als Hauptmann in die Bundeswehr übernommen, zunächst für zwei Jahre, und wurde 1993 schließlich zum Berufssoldaten ernannt. Vier Jahre später folgte die Versetzung nach Kalkar. Am Niederrhein ist der gebürtige Harzer mittlerweile heimisch geworden. Mit seiner Frau lebt er heute in Pfalzdorf. Einen Sohn und eine Tochter hat das Ehepaar, und zwei Enkelkinder halten sie mittlerweile gut auf Trab.
In diesem Sommer gilt es für den Offizier sein Leben erneut neu auszurichten, denn nach 40 Jahren als Soldat mit Leib und Seele beginnt im August die Zeit als Pensionär. Zurück bleiben viele Erinnerungen an eine bewegte Dienstzeit in zwei Armeen. Da war der Auslandseinsatz 2004 in Kabul. „Ich war der erste Soldat aus Kalkar, der in Afghanistan im Einsatz war“, erinnert sich Schumann. Da waren drei Kriegsgräbereinsätze in Rumänien und in der Ukraine, und da war das Erleben von Kameradschaft. Hans-Jürgen Schumann ist heute zufrieden, versteht seinen Beruf als Berufung. „Wenn ich noch einmal 19 wäre, mit dem Wissen von heute, dann würde ich wieder Soldat werden“, so Schumann.
Ansonsten nimmt Schumann das berühmte Bild aus seinem Büro mit, nicht ohne zu erzählen, dass dieses unter anderem auch im Haus der deutschen Geschichte in Bonn hängt. „Wer“, so Schumann lachend, „hat schon zu Lebzeiten einen Platz im Haus der deutschen Geschichte?“ Er, der Soldat in zwei Ameen – ein Stück deutsch-deutscher Geschichte eben.
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