Vier Fragen an .... heute: Dr. Felix Genn, Bischof von Münster

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Dr. Felix Genn, Bischof von Münster (Foto: Dank an das Bistum Münster)
Münster: Bistum | Dr. Felix Genn ist auch der Bischof für viele Leserinnen, Leser, Gläubige und katholische Christen am Niederrhein. Bis zum Jahre 2009 war er Ruhrbischof von Essen. Er kennt sich bestens aus mit den Problemen der Menschen in der heutigen Zeit wie Arbeitslosigkeit, wachsendes soziales Ungleichgewicht, Strukturwandel und stetig ansteigende Armut. Der bodenständige und realistisch denkende und handelnde Bischof war gern bereit, meine vier Fragen zu beantworten.


1. Vielen Menschen im Land geht es immer schlechter, reale Arbeitslosigkeit, Minijobs und menschenunwürdige Beschäftigungen bestimmen weite Teile der Arbeitswelt. Nimmt die Kirche hier eindeutige Positionen für die Betroffenen ein?

Was Sie beschreiben, ist ein Teil der Wirklichkeit in unserem Land, die mir Sorge macht. Man muss auf der anderen Seite aber auch sehen, dass es uns in Deutschland insgesamt und auch im internationalen, ja selbst im europäischen, Vergleich sehr gut geht. Denken Sie etwa nur an die sehr hohen Arbeitslosenzahlen auch in vielen südeuropäischen Ländern. Besonders bedrückend ist dort die Jugendarbeitslosigkeit.
Gleichwohl haben Sie insofern Recht, als die Schere in Deutschland zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Es ist problematisch, wenn etwa Väter oder Mütter sich und ihre Familien heute oft mit nur einer Arbeit nicht mehr ernähren können, sondern gleich mehrere „Jobs“ brauchen. Oder denken Sie etwa auch an die Werkverträge, die mit Leiharbeiten in manchen Branchen abgeschlossen werden. Da werden oft keine Mindestlöhne gezahlt, sondern es handelt sich teilweise um moderne Formen der Ausbeutung. Das dürfen wir als Kirche nicht akzeptieren: der Markt darf in der Sozialen Marktwirtschaft nicht das alleinige Sagen auf Kosten der Menschen haben.


2. Unsere christliche Lehre sagt uns, dass wir ein offenes Herz und offene Türen für Flüchtlinge haben sollten. Dies ist gut so. Sehen auch Sie eine große Hilfsbereitschaft der Menschen im Land?

„Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“, heißt es im Matthäusevangelium. Ich erlebe auch in unserem Bistum, dass unzählige Menschen sich diese Aussage zu eigen gemacht haben und für die Flüchtlinge da sind. Die Hilfsbereitschaft von Ehrenamtlichen, aber auch von vielen Hauptamtlichen ist riesengroß. Und ich erlebe Gott sei Dank auch, dass die Menschen nicht müde werden in ihrer Hilfsbereitschaft. Denn, auch wenn die Zahlen der Menschen, die auf ihrer Flucht nach Deutschland kommen, aktuell deutlich geringer ist als im vergangenen Jahr, so sind weder die Probleme geringer geworden noch braucht es weniger Unterstützung. Gerade die Integration der Flüchtlinge wird nicht gelingen, ohne dass ganz viele Menschen dabei mithelfen. Ich bin jedem einzelnen, der sich hier engagiert, sehr dankbar für den Einsatz und auch für das Glaubenszeugnis, das viele damit ganz bewusst geben.


3. Wir finden viele unterschiedliche Glaubensrichtungen und Religionen bei den Menschen im Land. Ich glaube an ein friedliches Miteinander aller Kulturen und Religionen auf Basis hoher Toleranz, sehen Sie dies ähnlich?

Die Religionsfreiheit gehört zu den universalen Menschenrechten. Das Grundgesetz ist in Artikel 4 eindeutig: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich“, heißt es hier. Zur Religionsfreiheit und auch zu einem friedlichen Miteinander der Religionen und Kulturen gibt es keine Alternative. Wichtig ist dabei, dass das wirklich von allen gewollt wird und dass Toleranz nicht heißen kann, dass man auf seine je eigene Glaubensüberzeugung verzichtet. Und: Wo Gewalt angeblich im Namen einer Religion ausgeübt wurde und wird, da handelte und handelt es sich immer um eine Pervertierung dieser Religion.


4. Kirche im Wandel - sehen Sie Unterschiede zwischen der reinen Lehre Jesu und der Praxis in den heutigen Amtskirchen?

Jede Christin und jeder Christen sollte sich die Frage stellen, was die Botschaft Jesu für sie und ihn bedeutet. Wie kann ich heute und in unserer Zeit Jesu Christus glaubwürdig nachfolgen? Wie kann ich ein überzeugender Zeuge seiner Frohen Botschaft sein? Das gilt für Menschen mit besonderen Ämtern in dieser Kirche ebenso wie für Christen ohne solche Ämter. Durch die Taufe sind wir alle gleich berufen, jede und jeder bringt ein besonderes Charisma mit. Als Priester, Diakone oder als Menschen mit anderen Ämtern in unserer Kirche müssen wir uns natürlich auch immer wieder selbst hinterfragen. Das tun wir aber auch. Und in unserer Zeit, in der jeder Einzelne aus freien Stücken entscheidet, ob er Teil dieser Kirche sein will oder nicht, wollen wir vor allem versuchen, eine Kirche zu sein, die die Menschen einlädt, die Beziehung stiftet, die für die Menschen da ist. Wir wollen uns von dem leiten lassen, was Papst Franziskus sagt: „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist." (Evangelii Gaudium, Nr. 49)


Ich bedanke mich bei Dr. Felix Genn für die Teilnahme an dieser Serie und wünsche ihm alles erdenklich Gute und Gottes Segen für die Zukunft.
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 17.10.2016 | 14:06  
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Christian Tiemeßen aus Emmerich am Rhein | 17.10.2016 | 18:59  
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 19.10.2016 | 18:17  
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