Vier Fragen an .... heute: Michael Bay, Basisdemokrat, praktizierender Grüner, Politiker .... Teil II

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Michael Bay (rechts) als Gast beim 20jährigen Bestehen der Mühle Keeken als Pflegeheim für Demenzkranke im Sommer 2015, zusammen mit Dr. Artur Leenders.
Michael Bay antwortet ausführlich, nimmt alle Fragen sehr ernst, schaut in Vergangenheit und Zukunft .... hier nun die Frage Nr. 3 mit der umfangreichen, sehr lesenswerten Antwort von Michael. Seine Antwort(en) mach(t)(en) nachdenklich und auch kritisch ....


3. Viele Menschen, auch Wissenschaftler, vertreten die Meinung: es ist in der Klimapolitik bereits "Fünf Minuten nach 12", siehst du das ähnlich?


Lieber Willi, ich bin, was die Klimapolitik angeht, eher optimistisch. Man erinnere sich: Der Club of Rome mit Meadows und anderen stieß bereits mit seinem Bericht „Grenzen des Wachstums, the limits to growth" von 1972 die notwendige Diskussion an. Es dauert zwar immer noch ein wenig Zeit, aber immerhin konnte Paris die Geschichte eines langes Prozess des Scheiterns beenden.

Der Widerstand gegen ein Umweltschutzabkommen war immer da, wenngleich auch in mitunter seltsamen Allianzen. Die Vereinbarungen von Kyoto 1997 wurden von den USA torpediert, Australien stieg nicht in das Abkommen ein, Kanada stieg 2011 wieder aus. Die USA und das prosperierende China blockierten über Jahre die weitere Entwicklung. Schon vor Paris war also klar, dass die USA und China, ebenso wie die aufstrebenden Schwellenländer wieder mit ins Boot geholt werden mussten. 2014 begann dann der Marsch nach Paris über den Gipfel in Lima und den Vorverhandlungen in den Hinterzimmern während diverser Treffen in Bonn oder bei den Treffen der G7 und G20.

Am Ende stehen -immer erst einmal- Kompromisse: So werden die Industrieländer die größten Aufgaben schultern (im Sinne von Finanzierung der Projekte etwa in den Entwicklungsländern), die Schwellenländer werden sich aber immer mehr zu den Kosten und zur Unterstützung herangezogen. Natürlich wird es immer wieder Bremser wie die Ölproduzenten etwa Venezuela und Saudi Arabien geben, die den Begriff „Dekarbonisierung“ aus den Pariser Verträgen heraushalten und stattdessen die „Klimaneutralität“ bis Ende des Jahrhunderts ins Spiel bringen. Aber- man muss sich von diesen Bremsern nicht entmutigen lassen. Indien etwa besteht auf dem Bau von Hunderten von Kohlekraftwerken, Staaten wie Ecuador und Bolivien, sehen den Kapitalismus als Ursache und fordern, diesen erst abzuschaffen, bevor man aktiv wird. Russland nahm bei den Verhandlungen in Paris eine eher nonchalante Haltung ein, würde es doch vom Klimawandel profitieren. Russland reklamiert eine eisfreie Arktis mit riesigen Bodenschätzen für sich.
Dass Paris erfolgreich war, das steht fest: Nach guten Wahlen sind die Regierungen Australiens und Kanadas in den Kreis der Vernünftigen zurückgekehrt; die USA und China haben den Gipfel, in ihrem Rahmen, ebenfalls unterstützt.
Gut, in Europa weigert sich Polen weiterhin, sich umweltpolitisch neu zu orientieren und setzt voller Beharrlichkeit auf Kohle, Großbritannien wiederum bevorzugt den Bau neuer Nuklearzentren. (Na, und die AfD, die ist immer noch trotzig zugedröhnt und erklärt den Klimawandel zur Phantasterei.)
„Panta rhei“ kann man getrost mit Heraklit sagen. Für alle Ebenen, denn Kyoto und Paris müssen natürlich im Kreis und der Kommune Kleve umgesetzt werden.
Kleve hat da mit dem KLIKER Programm schon einiges an Vorbereitung geleistet. Aber: Wir investieren in unsere Zukunft und erhalten das vielfältige Leben auf diesem Planeten.
Aber, trotz aller Ängste und Befürchtungen: niemand soll eingeschränkt werden. Nur, wie ändern wir unser Handeln?
Es wird sicherlich schwer werden, über die Änderung der persönlichen Mobilität nachzudenken und diese auch umzusetzen.
Wie müssen Individualverkehr und Massenverkehr grundsätzlich neu geregelt werden?
Unsere Städte sind nicht mehr nach menschlichen Bedürfnissen entworfen und geordnet, sondern nach den Bedürfnissen des (Auto) Verkehrs.
Ist es sinnvoll, tonnenschwere Autos, die von (zu Ende gehenden) fossilen Brennstoffen angetrieben werden, zur Fortbewegung zu nutzen, oder gibt es andere Möglichkeiten? Was ist mit dem in anderen Städten längst betriebenen Teilen von Autos (car sharing), was mit Elektroautos für Fortbewegung im Umkreis von 150 Kilometern?
Sind Brennstoffzellen in Fahrzeugen eine vernünftige Alternative?
Klimapolitik ist demnach auch Städte- und Verkehrsplanung.
Natürlich fällt es schwer, die Folgen der Tatsache zu begreifen, dass wir in den Industriestaaten seit Beginn der industriellen Revolution so viel (fossile) Energie verbraucht haben wie die gesamte Menschheit, seit Lucy den aufrechten Gang anwandte, vorher zusammen. Dass daraus die unmittelbare Notwendigkeit erwächst, mehr und mehr erneuerbare Energien zu erschließen und zu nutzen, weniger Energie und weniger Planet zu verbrauchen, das läßt sich vom Verstand her schnell erfassen, unser alltägliches Handeln hinkt noch hinterher.
Optimismus ist trotzdem angezeigt:
Jeder kann durch einfache Maßnahmen den Verbrauch von Energie und fossilen Energieträgern mindern. Optimistisch macht mich, dass beginnend in den Großstädten, das Auto allmählich den Wert als Statussymbol verliert und rationale Alternativen gewählt werden.
Nicht nur beim Hausbau oder im Straßenverkehr, schon beim alltäglichen Einkauf, im alltäglichen Leben kann man damit anfangen, weniger Planet zu verbrauchen.
Man muss sich nur ein paar Gedanken machen. So kann man Geld sparen und dennoch gut und genussvoll leben.
Weniger Rohstoffverbrauch, indem man Netz oder Einkaufstasche mitnimmt; indem man regionale Waren, den Jahreszeiten entsprechend kauft, weniger Wasser verbraucht…
Die Landwirte müssen mit ins Boot geholt werden. Bei der Energieerzeugung mittels Photovoltaik und Biogasanlagen sind das schon viele. Was die Biogasanlagen angeht muss man schon sagen, zu viele.
Das System, in dem heute Landwirtschaft betrieben wird, ist falsch und muss dringend wieder für Natur und Menschen nutzbar gemacht werden. Artgerechte Viehhaltung (Kühe gehören auf die Weide) ist dabei genauso vonnöten und auch möglich, wie Aussaat und Ernte von Nutzpflanzen und Gemüsen, die nicht genmanipuliert sind, also keine Produkte von Konzernen wie Monsanto, Syngenta usw…
Es ist Unsinn, niederrheinische Landwirte für den Weltmarkt produzieren zu lassen. Diese Haltung ist Umwelt- und menschenschädigend.
Es ist doch auffällig, dass sich die Nitratbelastung der Böden und des Wassers seit Jahren verstärkt, obwohl Unterstützungsprogramme gegen die intensive Landwirtschaft aufgestellt wurden. In den Regierungsbezirk Düsseldorf landen 49,1% des Importes von Wirtschaftsdüngers aus den Niederlanden.
Es ist auffällig und beunruhigend, wenn der Kreis Kleve mit 239085 Tonnen (16,8% von insgesamt 49,1%) klar an der Spitze der Importeure in NRW steht; was den Stickstoff angeht, so reden wir von 1957799 kg, was 15,64 % entspricht; bei den Phosphaten sind es 1274869 kg oder 15,16 %.
Es gibt also viel miteinander zu besprechen.
Lieber Willi, ich bin deshalb optimistisch, weil auf der kommunalen und regionalen Ebene immer mehr Menschen begreifen, dass ein gutes Leben gerade dann möglich ist, wenn wir die grundlegenden Spielregeln des Zusammenlebens miteinander akzeptieren. Dazu gehört auch die Diskussion um Lebensmittel von hoher Qualität zu angemessenen Preise. Und eine gesunde Lebenswelt, in der wir und unsereKinder leben können, die ist nicht zu teuer. Kürzlich schrieb mir eine chinesische Bekannte, die ihre Eltern etwa 1000 km Entfernung von Peking besucht hatte, dass sie trotz eines Schutztuches vor Nase und Mund kaum hatte atmen können, weil die Luft so schmutzig gewesen wäre. Das, finde ich, ist teuer bezahlt.
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2 Kommentare
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Elisabeth Jagusch aus Schermbeck | 03.02.2016 | 19:23  
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Heinz Goertz aus Kleve | 03.02.2016 | 19:45  
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