Vier Fragen an .... heute: Peter W. Wahl, Vorstandsvorsitzender der Europa-Union Bocholt e.V.

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Peter W. Wahl, Vorstandsvorsitzender der Europa-Union Bocholt e. V. (Foto: Foto erhalten von Herrn Wahl)
 
Hier mit Martin Schulz, aktueller Präsident des Europaparlaments und Wolfram Kuschke, Staatsminister a.D. in NRW (Foto: Foto von Herrn Wahl erhalten)
 
.... und hier mit Simone Veil, von 1979 bis 1982 Präsidentin des Europäischen Parlaments und ehem. französische Außenministerin (Foto: Foto von Herrn Wahl erhalten)
Bocholt: Europa-Union | Peter W. Wahl lernte ich heute kennen, ein aufgeschlossener, intelligenter und toleranter Mitmensch und überzeugter sowie praktizierender Europäer, der seit langer Zeit "für Europa im Einsatz" ist, in verschiedenen Ämtern, Mitglied im Kreisverband, geschäftsführender Vorstand, aktuell führt er den Vorstand der Europa-Union Bocholt als Vorsitzender .... u.v.m. Er sagte heute sofort zu, meine Fragen zu beantworten und in meiner Serie "Vier Fragen an ...." mitzumachen.


1. Europa-Union, kommt diese überparteiliche Vereinigung kurz- oder
mittelfristig ihren gestellten Zielen näher?

Wir setzen uns für ein Europa der Bürger - einen Europäischen Bundesstaat ein.
Bei regelmäßigen Abfragen in der Bürgerschaft, zum Beispiel “Fühlen Sie sich als Europäer?“ oder “Sollte Europa solidarisch (mit GRE) bleiben?“ stellen wir seit Jahren einen leichten Abfall in der bürgerschaftlichen Zustimmung fest.
Da wir der älteste durchgehend bestehende Verband der Europa-Union in NRW sind und uns in Verantwortung fühlen, dürfen wir damit nicht zufrieden sein!
Aber gute Stimmung zu vermitteln für die richtigen und werthaltigen, politischen
Entscheidungen könnte besser durch die Unterstützung der Medien geschehen und in größerer Reichweite transportiert werden.
In der Vergangenheit haben wir aber oft erlebt, dass unser Thema Europa, von
Vielen als nicht (mehr) so wichtig angesehen wurde - faktisch sei ja schon alles erreicht. Wir erkennen aber - Frieden, Freiheit, Demokratie und Zusammenhalt in Europa muss jeden Tag neu erkämpft und verteidigt werden (siehe die jüngsten Terror-Anschläge auf unsere Werte).


2. Sehen Sie bei den Rechtspopulisten eine reale Gefahr für eine dauerhafte europäische Einigung?

Wir können erkennen, dass in ganz Europa etwa 20% der Bürger unzufrieden sind mit der Darstellung alles wäre alternativlos. Vielen Menschen wird der politische Entscheidungsprozess nicht deutlich genug vermittelt, oft fehlen die Kenntnisse über deren Funktionsweisen.
Aber es fehlt auch die Einsicht, dass man heutzutage strittige Positionen länderübergreifend am Verhandlungstisch vorträgt und in Parlamenten berät, um sich bestenfalls auf einen (faulen) Kompromiss zu einigen.
Noch vor 70 Jahren wären bei derartigen Interessensunterschieden zwischen den Nationen junge Männer bewaffnet an die Grenzen geschickt worden.
Aktuell sammeln die Populisten Stimmen derjenigen Bürger ein, die dies wohl schon vergessen haben.
Und es geht nicht nur um Krieg und Frieden sondern auch um Freiheit, Verantwortung und Solidarität.

Wenn sich alle Staaten von Europa trennen würden, wäre nichts besser aber vieles schlechter.
Ich glaube aber das sich manche politischen Kräfte auch in den Parlamenten entzaubern lassen, wenn sie ihren Wählern eben nicht das liefern können, was sie vor den Wahlen versprechen. Einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte taugen meist nicht (viel), weil leicht etwas übersehen wird!



3. Wo werden zukünftig die Eckpfeiler ihrer Arbeit - der Arbeit der Europa-Union (Bocholt) liegen?

Wir vermitteln seit ca. 65 Jahren Kenntnisse über die Kulturen und politischen Verhältnisse in den europäischen Staaten - Beitrittskandidaten wie Mitgliedstaaten. Diese Informationsarbeit wird bleiben.
Ebenso sehen wir uns als Schnittstelle der Europäischen Institutionen (EU Kommission, Rat der EU Staaten, Europarat und Europa-Parlament - letzteres muss gestärkt werden - als Vertretung von uns Bürgern). Deshalb werden wir mit Straßenaktionen (Europa-mitbestimmen und Befragungen der Bürger)
und Informationsveranstaltungen auf die reichen Kulturen in Europa und auch auf die Mentalitäts-Unterschiede hinweisen.
Dazu dienen auch Begegnungen und Reisen zu Minderheiten (in diesem Jahr fahren wir nach Schleswig-Holstein und über die Grenze zu Dänemark, um dieses dort abzufragen, im nächsten Jahr möglicherweise nach Polen). Ein kulinarisches Angebot wird es in diesem Jahr auch geben
- wir feiern Weihnachten in .... und (neu) eine europäische Lesestunde (Büchervorstellung).
Aber der Kreisverband ist im Herbst sehr eingebunden in die Vorbereitung und Durchführung der 71. Landesversammlung, mit Wahlen zum Vorstand, die in diesem Jahr wieder einmal in Bocholt stattfinden wird.
2017 sind viele politische Veranstaltungen zum Abfragen des europäischen Profils der Kandidaten und Kandidatinnen zum Landtag NRW und dem Bundestag vorgesehen. Wir haben dazu das spannende Konzept der Europa-Wahl-Arena entwickelt.


4. Wo gibt es die größten Hindernisse für ein weiteres Zusammenwachsen der Staaten in Europa?

Die 47 Mitgliedstaaten des Europa-Rates (angeschlossen z.B. Europäischer Gerichtshof) zeigen die ungefähre Grenze der Anzahl auf, in welche Größe sich Europa entwickeln könnte. Aber die unterschiedlichen zur Zeit 28 Staaten der Europäischen Union haben mit dem Beitrittschub 2004, nach dem Fall des eisernen Vorhangs, möglicherweise überzogen - politisch notwendig, aber auch überhastete. Viele Staaten waren noch nicht so weit und sind es auch heute noch nicht vollständig.
Die Nivellierung der Unterschiede in Europa kann aber nicht wie bei uns in Deutschland mit einer Art Länderfinanzausgleich geschehen, da die Staaten immer noch eigenverantwortlich für ihre Kultur (Lehre und Ausbildung) ihr Finanzsystem, aber vor allem für ihre Sozialabsicherungen sind - und bleiben wollen.
Wollte man das vereinheitlichen, müssten wir uns fragen lassen, welches System wollen wir - das von Bulgarien oder das der Niederlande oder das unsrige in Deutschland. Letzteres - angefangen mit der Höhe des Mindestlohnes, über Steuersätze und -Ansatz, bis hin zum Gesundheitssystem - wäre für die meisten Länder in Europa nicht umzusetzen und unfinanzierbar.
Natürlich müssen wir uns an unsere bereits beschlossenen Verträge halten und bleiben daher eine Art Staatengemeinschaft, die von einem faktischen Bundesstaat noch weit entfernt ist. Schade das es noch keine gemeinsame Europäische Verfassung (Lissabon-Vertrag) gibt.
Trotzdem zeigt sich doch schon jetzt unsere Stärke mit über 500 Millionen Menschen im Europa der EU.
Nur so können wir mit der Wirtschaftskraft Nordamerikas, oder den Asiatischen Staaten Indien und China mit jeweils mehr als 1,2 Milliarden Menschen auf Augenhöhe mithalten. Oder Verträge machtvoll mitverhandeln (TTIP, CETA). Nur gemeinsam bleiben wir überzeugend mit unserer Art, von Verbraucherschutz bis Kulturfreiheit.
Das mögliche Ausscheiden aus diesem EU Staatenverbund, in einem Monat entscheiden die Briten über den Verbleib in der EU (andere folgen schlimmstenfalls), birgt die Gefahr der Bedeutungslosigkeit. Eine
Separationsbewegung macht zunichte, was unsere Väter in weiser Vorschau entwickelt haben und was uns aufgegeben ist zu erhalten.
Wir dürfen nicht denken “Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht“! Diese Art von politischer Nabelschau hat zwar einen momentanen Reiz, aber sie löst auch die Sicherungsbolzen, die unser System zusammenhalten. “Wenn jeder an sich selber denkt, hat bald keiner mehr Interesse an dem Anderen“!


Ich danke Herrn Wahl für die sehr ausführlichen und für jeden verständlichen Äußerungen und Erklärungen. Ich hoffe .... man begegnet sich wieder ....
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2 Kommentare
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Elisabeth Jagusch aus Schermbeck | 24.05.2016 | 15:23  
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Bernhard Ternes aus Marl | 25.05.2016 | 15:52  
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