Eindrücke und Erfahrungen in Sachsen! Antworten von Irmela Mensah Schramm

Anzeige
Im Gespräch mit Irmela Mensah Schramm, über ihre Erfahrungen in Sachsen und anderen Bundesländern zum Thema Rassismus.

Frage:
Es herrscht große Aufregung, da es in Sachsen wiederholt rechtsextreme Gewalttaten gegen Flüchtlinge gegeben hat. Du bist oft in Sachsen unterwegs. Ist Sachsen wirklich so schlimm, schlimmer als die anderen Bundesländer, was die Naziaktivitäten betrifft? Wie sind Deine Beobachtungen?

Antwort:
Es erscheint im Moment als sehr schlimm, wegen der Häufung, das mag sein.
Schlimm ist aber gerade vor allem in Sachsen, dass die Politik fatal agiert. Sachsen war schon immer - ganz besonders - "blind auf dem rechten Auge" und immer wieder mehr bemüht, die Naziaktivitäten, einschließlich der Nazigewalt zu relativieren, finde ich. Das Hauptaugenmerk der Innenpolitik lag viel eher darin, die Gegenbewegung, also antirassistische und antifaschistische Aktionen zu kriminalisieren. Dafür ist der Atem der sächsischen Justiz erstaunlich lang! Jüngstes Beispiel: Lothar König und andere Aktivisten.
Ganz sicher hatte ich immer viel zu tun in Sachsen, um den sichtbaren Nazihass, der dort von der Öffentlichkeit geduldet wurde, zu beseitigen, meinetwegen auch zu zerstören!
Aber, wir dürfen nun nicht glauben, dass es nur in Sachsen schlimme, sogar schlimmste Naziaktionen gab und noch immer gibt.
Die anderen Bundesländer, ja auch die große Politik, sollten mal ganz still sein. Die "Vogel-Strauß-Politik" , oder - um mit den drei berühmten Affen zu vergleichen: Nichts sehen (wahrhaben) wollen, nichts hören und dann auch nichts sagen, ist überall festzustellen.
So auch in Berlin, wo mir die Staatsanwaltschaft - schriftlich - erklärt hatte, dass "das Zerstören von Werbematerial nicht verbotener Gruppen Sachbeschädigung und damit strafbar ist", wo mir auch schon des Öfteren von Polizisten erklärt wurde, dass die Nazis auch ein Recht auf "Freie Meinungsäußerung" hätten. Das auch für sie die Grundrechte gäbe.
Welch ein Witz: Jene in unserer Verfassung garantierten Rechte der Demokratie, die die Neonazis als "Volkstod" bringend bezeichnen und abschaffen wollen - natürlich demnach auch mit diesen Grundrechten!
Beides strotzt nur noch so von gnadenloser Dummheit!

Frage:
Was glaubst Du, worin die Ursachen liegen, weshalb z.B. Pegida so erfolgreich ist, dass der rassistische Mob inmitten der Gesellschaft so deutlich erkennbar ist ?

Antwort:
Na, ich würde sagen, dass diese rassistische Stimmung eher nur an die Oberfläche gekommen ist, sie war unter einer Decke gut verhüllt. Zumal gab es ja in den neunziger Jahren auch ein Pogromstimmung, nach den ersten schrecklichen Gewalttaten von Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Lübeck, Hoyerswerda, Solingen, Ludwigshafen, Hünxe etc. Diese hässliche Fratze des Rassismus in der Gesellschaft und die Pogromstimmung nur auf die Wende und den Osten allein zu schieben, ist mir zu einfach!
Jetzt wird krampfhaft nach den Ursachen gesucht, auch von jenen Politikern, die durch ihr Versagen einen Anteil an dieser Stimmung haben.
Nun, es sind nicht nur Politiker aus den neuen Bundesländern, sondern auch aus den alten. Beispiel Bayern mit Herrn Seehofer. Westpolitiker, die im Osten eingesetzt wurden, eben so auch in Sachsen, haben einen beträchtlichen Teil der Schuld daran, durch ihr gnadenloses Versagen, wodurch letztendlich auch der NSU so ungestört entstehen und drauflos morden konnte.
Auch hier wurde deutlich, wie lange die Behörden gnadenlos versagt haben.
Man denke auch an den V-Leute-Skandal...........

Frage:
Wie, meinst Du, können wir diese Situation verändern ?

Antwort:
Toleranzerziehung kann nie früh genug beginnen!
Und was die derzeitige Situation betrifft, so müssen weit energischere Maßnahmen gegen diesen rassistischen Mob unternommen werden.
Sicher muss auch überlegt sein, dass gerade in den ohnehin anfälligen ländlichen Gebieten und Dörfern mit gerade mal 6 - 800 Einwohnern eine Einrichtung mit 1500 Flüchtlingen im Ort - zumal sie nie mit Fremden, also Migranten zusammen gelebt haben - eher eine Provokation - nach dem Muster: "Nach mir die Zukunft" darstellt.

Und als Antwort auf diese widerlichen Gewalttaten und Ausschreitungen muss die Erkenntnis endlich gekommen sein, dass man nicht immer nur darauf reagiert - vor allem ach so "ohnmächtig", sondern ein Solidaritätsgefühl miteinander zu fördern, Gemeinsamkeiten zu entwickeln und auch die Wachsamkeit, um mögliche Feindseligkeiten von vorn herein zu verhindern!

Es wird leider viel zu oft mit Kleinreden reagiert und mit Kosmetik - Symbolik agiert!
Anti-Naziproteste erleben sehr oft Polizeischikanen. Z.B: sie dürfen nur außer Sicht - und Hörweite sein, und ich habe es schon erlebt, dass die Protestaktionen eher einer Schwatz - und Tee/Kaffeerunde ähnlich waren.

Ich habe in Schwalmstadt erlebt, dass es eine ganz wunderbarer Zusammenhalt zwischen, einer Schule, dem Bürgermeister, Teilen der Bevölkerung und auch sogar mit der Polizei gibt. Sie alle ziehen an einem Strang.
Ich erlebte aber auch eine tolle Schule in Wolfen-Bitterfeld, die gemeinsam mit dem Frauenzentrum wunderbare Projekte mit mir durchgeführt hatte. Auch hier ein Erfolg, weil alle zusammen standen!
Immer wieder werden Unsummen von mehreren Hunderttausend Euro für den "Kampf gegen Rechtsextremismus ausgegeben. Ich selbst sehe nichts davon, d.h. kaum, wenn nicht solidarische Leute für mich winzige Fördermaßnahmen erkämpft hätten.
Dennoch habe ich selbst größte Mühe meine Aktionen und Projekte von meiner Rente zu finanzieren und langsam vermute ich auch eine staatliche Absicht dahinter.
Weißt Du, man verweigert seit nunmehr über 20 Jahren meinem viel ausgezeichnetem Projekt "Hass vernichtet" die Anerkennung und Förderung mit finanzieller Unterstützung.

Noch immer ist es nicht klar, was die große Politik erreichen will. Jetzt ist man dabei mit schärferen Maßnahmen die Flüchtlingszahlen zu reduzieren. Ich kann nicht übersehen, dass man damit den asylfeindlichen Hetzprotesten entgegen steuert. Nun, es gilt den schlechten Ruf der Stadt, ja des ganzen Landes zu retten. Mag kosten, was es wolle.

Frage:
Wie sieht es für Dich und Deine Projekte in Zukunft aus?

Antwort:
Ungeachtet, dieser Tatsache, dass all dies so schnell nicht vorüber geht und ich setze gern auch weiter meine von den ach so anständigen BürgerInnen beklagte Sachbeschädigungstouren bundesweit fort.
Für die Menschenwürde!

Ich Danke Irmela Mensah-Schramm für ihre Antworten

www.Hassvernichtet.de
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
2 Kommentare
33.908
Wolfgang Schroeder aus Iserlohn-Letmathe | 26.02.2016 | 18:52  
605
Aysegül Yörük aus Kamen | 27.02.2016 | 13:15  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.