Im Notfall Lesen lassen: VHS Kamen-Bönen startet neues Programm

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Margret Kirchberg hilft Analphabeten beim lesen kurzer Texte.
Kamen: Stadtbücherei |

Ob Karl May, „Herr der Ringe“ oder „Fünf Freunde“ – von frühester Jugend an lesen die meisten Menschen ständig, und sei es auch nur das Fernsehprogramm oder eine Gebrauchsanleitung. Ein gar nicht so geringer Teil unserer Gesellschaft hat daran aber kein Anteil: Wer nicht lesen kann, ist im Leben oft außen vor. Um diesen Menschen zumindest den Alltag etwas zu erleichtern, hat die VHS Kamen-Bönen ein neues Angebot gestartet: Die Kamener Lese und Schreib-Hilfe.

Immer mittwochs von 16 bis 18 Uhr können Menschen, die Probleme mit dem Lesen oder Schreiben haben, sich in der Stadtbücherei dabei helfen lassen, kurze Texte zu lesen. Margret Kirchberg, ehrenamtliche Mitarbeiterin der VHS, hilft kostenlos. Egal ob es ein Schreiben von der Schule des Kindes ist, ein Fragebogen, ein Bescheid einer Behörde, eine Bedienungsanleitung oder ein Beipackzettel – es wird geholfen. „Es geht vor allem um Alltagsbewältigung“, sagt Manfred Horadam, Leiter der VHS. „Dahinter steht die Vorstellung, dass die Menschen das Angebot als Einstieg in die Kurse der VHS nehmen, um doch noch lesen und schreiben zu lernen.“

Analphabeten haben oft große Probleme. Ein Großteil hat keinen normalen Schulabschluss. „Oft wurden sie auf Förderschulen abgeschoben“, so Margret Kirchberg. Einige können zwar Hilfsberufe ausüben, viele kommen aber nie ins normale Arbeitsleben rein. In Deutschland gibt es circa 7,5 Millionen Menschen, die nicht lesen und schreiben können..

Die Analphabeten haben oft ausgefuchste Strategien, um durchs Leben zu kommen. Oft helfen ihnen Eltern oder Partner beim Verstehen von Texten. „Wenn sie in Geschäften oder bei Behörden sind, sagen sie oft, sie hätten ihre Lesebrille vergessen“, erzählt Margret Kirchberg. Viele Menschen sind dann sehr hilfsbereit. Oft meiden sie auch gezielt Dinge, bei denen es ums Lesen geht, und nehmen so an Teilen des gesellschaftlichen Lebens nicht teil.
Eine Frau, die die Hilfe in Anspruch nimmt, hat eine massive Lese- und Rechtschreibschwäche. Ihr hat Margret Kirchberg angeboten, während der nächsten Termine daran zu arbeiten. Da das Angebot noch nicht sehr bekannt ist, kamen bisher nicht so viele Menschen. „So haben wir genug Zeit.“

Menschen, die das Angebot der VHS in Anspruch nehmen wollen, müssen sich keine Sorgen machen, dass ihre Schwäche bekannt wird. Das Vorlesen wird diskret behandelt. „Das Nicht-Lesen-Können wird in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert. Andere Schwächen, wie etwa das Nichtbeherrschen der englischen Sprache, werden viel eher zugegeben“, so Manfred Horadam.

Auch Oliver Kaczmarek, MdB (SPD), setzt sich gemeinsam mit Volkshochschulen in einem Bündnis für eine Alphabetisierungsoffensive im Kreis Unna ein. Dabei geht es darum, Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können, im Kreis Unna Mut zu machen, einen Lese- und Schreiblernkurs zu besuchen. Kaczmarek will dafür sorgen, dass entsprechende Angebote zur Verfügung stehen.
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