Wann ist der Mensch ein Mensch?

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Ingrid Spei gibt nicht auf. Sie kämpft dafür, dass ihre Schwiegermutter im Kreis ihrer Familie die Pflege und Menschlichkeit bekommt, die sie ihr versprochen hat.
 
Ist hier ab demnächst Stopp für die 86-jährige Schwiegermutter der Kamp-Lintforter Bürgerin Ingrid Spei?
Wann ist der Mensch ein Mensch? Im Grunde genommen eine hoch philosophische Frage, die sich um die Entität und den ontischen Status des Menschseins selber dreht.

Doch hinter jeder Theorie steht das Unmittelbare, das sich im Leben vollziehende Beispiel. Wann ist der Mensch ein Mensch fragt sich auch Ingrid Spei, die sich nichts anderes wünscht, als das Versprechen, das sie ihrer Schwiegermutter vor Jahren einmal gab, zu erfüllen.
„Wirst du für mich da sein, wenn ich einmal nicht mehr kann?“ Eine Frage, die sie mit Ja beantwortet hat. Ja, ich werde für dich das sein, ja, ich werde mich um dich kümmern, ja, ich lass dich nicht allein. Jetzt ist der Moment gekommen, wo das Ja ins Leben tritt. Doch was soll man machen, wenn jemand anderes aus diesem Ja ein Nein macht? Wenn man Dir verweigert, dein Versprechen zu halten?
Denn so gestaltet sich die Wirklichkeit der Kamp-Lintforterin im Moment. Sie wohnt auf der Freizeitanlage in Altfeld und ist damit eine der vielen Geduldeten. Denn all diejenigen, die nach dem 1. April 2011 und vor dem 22. Mai 2014 den Erstwohnsitz auf der Freizeitanlage Altfeld angemeldet haben werden offiziell als „geduldet“ bezeichnet.

Alle Bewohner, die erst nach dem Stichtag des vergangenen Jahres hierherzogen, wurde der Erstwohnsitz verweigert. Wer sich nicht daran hält, wird unter Strafandrohung von der Stadt aufgefordert, einen anderen Erstwohnsitz anzumelden.
Eine Situation, die Familie Spei bekannt war, aber nicht in der Drastizität, dass man in diesem Falle nicht von einer Härtefallreglung gebrauch machen könne.
„Wir hatten nur die Möglichkeit, sie hierher zu holen. In ihrer früheren Wohnung konnte sie nicht mehr bleiben.“

Zum einen weil die alte Dame gehbehindert ist, zum anderen weil sie zunehmend pflegebedürftig wurde. Deshalb entschied sich Familie Spei dazu, ein Häuschen in unmittelbarer Nähe herzurichten.
„Wir haben das ganze Ersparte dort hineingesteckt, um es behindertengerecht zu gestalten. Hier kann ich immer in ihrer Nähe sein und mich um sie kümmern, wie ich es versprochen habe.“

Doch das sieht die Stadt anders und pocht auf bestehendes Gesetz. Die alte Dame müsse ausziehen und einen anderen Erstwohnsitz beantragen. Das bedeutet in der Konsequenz: Pflegeheim.
„Meine Schwiegermutter würde das nicht überleben“, so Ingrid Spei weiter. Schon jetzt lebt sie in einer permanenten Angst, sich von ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter trennen zu müssen. Der Gedanke, schon bald in ein Pflegeheim zu müssen, obwohl die Kinder bereit sind, die Pflege zu übernehmen setzt ihr zu.
Trotz mehrerer Stellungnahmen bleibt die Stadt hart. „Sie sagen, dass wir es gewusst hätten und es dennoch darauf angelegt haben“, erzählt mir Ingrid mit verzweifeltem Blick.

Bürokratie und Dogmatik schlagen Herz und Verstand zwei zu null, denke ich und suche nach Worten, die aufmuntern. Aber ich schweige, fehlen mir doch tatsächlich die Worte.
Sind Ethik und Moral doch nur moralphilosophische Konzepte, die an Universitäten antizipiert und diskutiert werden? Und schließt sich mit den Türen der Hörsäle gleichermaßen das Herz? Was bedeutet Menschlchkeit, was bedeutet Würde? Wie kann eine Dogmatik zur Geißel einer angewandten Ethik mutieren?
Doch am Ende stellt sich eigentlich nur noch eine Frage: Wo ist dein Herz, wo ist deine Seele, Kamp-Lintfort? Wann ist der Mensch endlich wieder Mensch?


Stellungnahme der Stadt Kamp-Lintfort:

Die Stadt Kamp-Lintfort hat großes Verständnis für die nunmehr eingetretene
Situation von Frau Spei und möchte trotz Erfordernis des Einschreitens Ihr Bedauern zum Ausdruck bringen.
Die Bauordnungsbehörde unterliegt aufgrund eines ministerialen Erlasses dem Zwang gegen die Erstwohnsitznahme bauordnungsrechtlich einzuschreiten.
Demzufolge ist für die Stadt Kamp-Lintfort ein Ermessen zum Einschreiten nicht mehr gegeben. Aufgrund der Schaffung eines etwaigen Präzedenzfalles kann, auch unter Berücksichtigung der persönlichen Situation von Frau Spei, keine Ausnahmeregelung herbeigeführt werden.
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1 Kommentar
18.072
Willi (Wilfried) Proboll aus Kamp-Lintfort | 05.11.2015 | 19:12  
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