Eine Hyazinthe für Mama

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Eine Episode aus »Die Bennedikt Wieland-Storys«


Eine Hyazinthe für Mama

»Die Butterblumen sind alle ersoffen«, sagte Bennedikt Wielands Bruder Arnold und watete durch das Wasser, das die gelben Butterblumen unter sich begraben hatte. »Verdammt!« fluchte Bennedikt, unterdessen er Arnold hinterher stapfte. »Wir hätten die Butterblumen schon vor vier Tagen pflücken sollen; da schien noch die Sonne; da blühten sie noch schön… Danach kam der Dauerregen… Kuck dir das nur an«, er hob mit seinen zarten Kinderhänden, mehrere Butterblumen, die das Wasser zu einem Knotengeflecht zusammengespült hatte, auf.
»Die sind ja schon richtig matschig!« Er rieb mit dem Daumen über die aufgequollene, pampige Blütenmasse.
»Wo sollen wir jetzt noch für Mama Blümchen finden? - Heute ist Muttertag! Und zu Muttertag pflücken wir doch immer von Papas und Mamas Wiese Butterblumen für Mama.«
»Nun knatsch´ mal nicht so rum«, befahl Arnold, »Unsere Wiese ist riesengroß. Wir bräuchten den ganzen Morgen bis zum Mittag, wenn wir die ganze Wiese absuchen wollten. Wir werden bestimmt noch was finden… Kuck mal, da hinten!« Er wies mit seinem kleinen Kinder-Zeigefinger auf eine etwas höher gelegene Stelle der Wiese, »da seh´ ich einen winzigen gelben Fleck. Das könnte eine Butterblume sein.«
Arnold legte all seine Kraft in seine Beine beim Durchwaten des Wassers, das unter seinen stampfenden Füßen aufwirbelte.
Bennedikt jagte Arnold hinterher. In seinen kleinen Kinderstiefeln drang Wasser ein. Bennedikt fühlte, wie die kalte Flüssigkeit seine Füße umhüllte.
Er fiel hin; hechtete sich aber schnell wieder hoch, keuchte und stapfte so schnell es ging weiter. Denn er fürchtet, dass er heute leer ausgehen würde. Er wusste, dass sein jüngerer Bruder besser im Auffinden und Organisieren von Sachen war. Aber er wollte unbedingt seiner lieben Mutter die Butterblumen bringen.
Arnold erreichte als erster die kleine Erhöhung, welche die Größe eines begrünten Maulwurfhaufens hatte.
»Es sind nur zwei winzige Butterblumen«, sagte er enttäuscht, und als er sie abpflückte, vielen die winzigen Blüten auch schon vom winzigen Stängel.
»Das war ´ne Niete«, sagte Bennedikt leise, im nassen Anorak neben Arnold stehend.
»Aber wir haben noch lange nicht die ganze Wiese abgesucht«, stellte Arnold fest.
Arnold und Bennedikt ließen ihre Blicke weit über die Wiese schweifen. Sie sahen die Vertiefungen auf der Wiese, in denen sich das Wasser gesammelt hatte. Einige wirkten wie kleinere Tümpel, andere unterdessen wie größere- und kleinere- Pfützen. Und zwischen den Tümpeln und Pfützen erhoben sich kleine- aber auch größere Grünflächen.
Arnold stapfte los. Bennedikt folgte schnell nach. Bald erreichten sie größere Grünflächen, auf denen sie zwar laufen konnten, aber fußtief in der aufgeweichten Erde eindrangen.
Arnold erblickte als erster den Steinhaufen, der als Ruine eines uralten Brunnens übrig geblieben war. Zwischen und sogar durch die Steine hindurch hatten sich einzelne Gräser und andere grüne Ranken ihren Weg gebahnt und überdeckten teilweise die Steine.
Arnold blieb stehen und starrte gebannt auf den Steinhaufen.
Bennedikt stoppte auch seinen Gang, blickte Arnold verwundert an und stammelte: »Was haste?«
»Da, hinter dem Steinhaufen… Wie ein lila Tannenzapfen… Das ist eine ganz besondere Blume…!«
Arnold rannte los. Bennedikt blickte zum Steinhaufen und sah jetzt auch etwas in lila. Dann jagte er hinter Arnold her.
Noch hatte Arnold einen Vorsprung. Bennedikt bündelte all seine Reserven an Kraft in seine Beine und erhöhte seine Renn-Geschwindigkeit. ´Ich bin größer als mein Bruder´, dachte er, ´Ich kann ihn noch überholen… Es ist nur eine einzige Blume da!... Und sogar eine besonders schöne… Ich werde sie haben… und ich werde sie Mama bringen… In dieser Sache kann es keine Bruderliebe geben!... Ich weiß, Arnold denkt genau so…´
Arnold sprang auf den Steinhaufen, und während er sich fallen ließ, streckte er seinen rechten Arm aus und öffnete seine Hand weit auf, um die Blume liegend unten am Stängel zu erwischen. Doch Bennedikts Hand erwischte Arnolds Anorak-Mütze. Benedikt zog mit erbarmungsloser Rohheit an Arnolds Mütze, so dass der Anorak ihm an die Kehle drückte. Röchelnd knallte Arnold rücklings auf den Steinhaufen auf. Benedikt hechtete sich über Arnold drüber und sprang zur Blume und pflückte sie.
Zärtlich hielt er sie an seinen Bauch und streichelte sie. ´Hach, bist du schön´, flüsterte er vor sich hin, ´du bist die schönste lila Hyazinthe. Du wirst mein Muttertagsgeschenk für Mama sein.´
Arnold hustete und weinte, während er langsam unbeholfen aufstand. »Die Blume gehört mir. Ich hab´ sie entdeckt«, schluchzte er.
»Tut mir leid, ich wollte dir nicht weh tun«, sagte Bennedikt aufgeräumt, »aber die Blume gehört mir. Ich halte sie in der Hand. Komm wir gehen jetzt nach hause.«
Bennedikt stapfte los in Richtung des Brettergatters, welches eine Trennlinie zwischen der Wiese und dem Gehöft zog. Arnold stapfte hinterher und rief: »Gib mir sofort die Blume! Ich werde sie Mama geben! - Wenn du sie mir nicht gibst, werde ich Mama sagen, mit welcher Hinterlist du mir die Blume weggenommen hast.«
Bennedikt stapfte weiter, schwieg aber dachte: `Mama hat heute Muttertag, sie soll glücklich sein. Aber wenn Arnold ihr erzählen würde, was geschehen war, würde sie bestimmt nicht glücklich sein...´
Benedikt blieb stehen, wandte sich Arnold zu und sagte: »Mama hat heute Muttertag, lass sie glücklich und stolz auf uns beide sein... Wir werden ihr diese Blume gemeinsam geben. Was meinste dazu?«
»Ja, Mama soll glücklich sein«, entgegnete Arnold, »Wir werden die Blume Mama gemeinsam geben. - Lass sie mich mal halten!«
Benedikt reichte Arnold die Blume. Arnold nahm sie behutsam entgegen. Zärtlich streichelte er ihre Blüte und sagte: »Oh, ist die schön. Da wird sich Mama aber freuen...« Arnold und Bennedikt positionierten sich vor der Küchentür. Bennedikt öffnete sie weit. Beide sahen die Mutter, die am Herd stand und das Fleisch in der Pfanne wendete, welches im heißen Fett laut zischte.
Bennedikt und Arnold liefen zur Mutter. Arnold hielt die Hyazinthe in der rechten Hand am unteren Ende des Stängels. Bennedikt umklammerte Arnolds haltende Hand mit seiner linken Hand.
Beide richteten die Hyazinthe zur Mutter hin, welche lächelnd ihre Kinder ansah.
Bennedikt und Arnold sagten laut im Duett: »Liebe Mama! Heute ist ein besondere Tag! Heute ist Muttertag! Drum bringen wir Dir diese Hyazinthe, um Dich damit zu Ehren und zu erfreuen! Wir hoffen sehr, dass sie dir gefällt!«
Die Mutter nahm die Hyazinthe glücklich lächelnd entgegen.
»Ohh, ist die schön«, erwiderte sie, »ohh, ganz lieb von Euch. Ich werde sofort eine Vase für sie holen.«
Sie holte aus dem Schrank eine große gläserne Vase, füllte sie mit Wasser und ganz behutsam ließ sie den Stängel der Hyazinthe ins Wasser eintauchen.
Dann positionierte sie die Vase in der Mitte des gedeckten Tisches.
Während die Kinder sie freudestrahlend beobachteten, setzte sie sich. Und mit weit ausgebreiteten Armen rief sie: » Kommt in meine Arme, Kinder!«
Während Arnold und Bennedikt in die Arme der Mutter eilten, riefen sie: »Mama liebt die Hyazinthe! Mama liebt die Hyazinthe!..«
»Ja, ich liebe die Hyazinthe!, so wie ich Euch liebe!«, entgegnete sie, schloss die Kinder in ihre Arme, herzte und küsste sie.


© by Benno Wienands
Anno 1994
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