Gelungene Uraufführung des Marien-Festspiels in Kevelaer

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Unter den Besuchern: Rudi Beerden und Veronika Ophey
 
Wiltrud de Vries (Sopran) führte in einer beeindruckenden Massenszene Kerzenträger auf den Kapellenplatz. (Foto: Bischöfliche Pressestelle / Gerhard Seybert)
Kevelaer: Kapellenplatz |

(pbm/cb). Als nach mehr als drei Stunden der letzte Akkord verklungen ist, hält es die Zuschauer auf den Tribünen nicht mehr auf ihren Plätzen. Mit stehenden Ovationen und Bravo-Rufen feiern sie die Welturaufführung des Mysterienspiels „Mensch! Maria!“ auf dem Kevelaerer Kapellenplatz im Schatten der Basilika.

Immer wieder brandet Applaus auf, als sich Komponist und Dirigent Elmar Lehnen, Librettist Dr. Bastian Rütten und das 250-köpfige Ensemble verbeugen. Wallfahrtsrektor Rolf Lohmann strahlt. „Ich bin tief beeindruckt, das war eine ganz große Leistung aller Beteiligten und ein großes geistliches Ereignis zum Ende der Festwoche“, sagt er.
Mit „Mensch! Maria!“ ist es Lehnen und Rütten gelungen, ein beeindruckendes Bild von Maria zu zeichnen. Das funktioniert wegen der klaren Sprache, die Rütten für seine Texte verwendet hat und die von Sprecher Dirk Tecklenborg eindrücklich vorgetragen werden. Das funktioniert wegen der Musik, die sich keiner Stilrichtung verschreiben mag und mit leisen, klassischen Melodien ebenso aufwartet wie mit gewaltigen Stücken, die direkt aus einem Monumentalfilm wie Ben Hur stammen könnten. Das funktioniert, weil die Mezzosopranistin Annette Gutjahr der von ihr dargestellten Maria so viel Leben einhaucht, dass die Zuschauer sich mit ihr freuen, mit ihr zweifeln und mit ihr leiden können. Und das funktioniert, weil sich das gesamte Ensemble unter der Regie von Peter van Aar und Dorette Ploegmakers zu einer Einheit zusammengefügt hat. Die Solisten, das Rheinische Oratorienorchester, der Theaterchor Niederrhein aus Kevelaer, der Chor Kalobrhi aus Nettetal und nicht zuletzt die Laiendarsteller aus der Umgebung reißen die 1250 Zuschauer – mehr hätte der Kappellenplatz nicht gefasst ¬– durch ihre Spielfreude mit.
Das Stück erzählt das Leben der Gottesmutter in 13 Akten, wobei der Fokus auf die menschliche Seite Mariens gerichtet ist. Das zeigt auch der Untertitel: „Ein Mysterienspiel zu einem ganz normal-besonderen Menschen“. Maria wird als junge Frau dargestellt, die eben jene Fragen stellt, die alle Menschen beschäftigen. Die ihr Glück kaum fassen kann, als sie ein Kind erwartet. Die aber schon kurz nach der Geburt die Angst um Jesus erfährt, als Herodes ihm nach dem Leben trachtet, die zum Flüchtling wird und in Ägypten Unterschlupf findet. Sie wird dargestellt als eine Mutter, die Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Sohn austrägt. Das gipfelt in der Hochzeit zu Kana, bei der sie Jesus – mit berührendem Bass gesungen von Alan Parkes – zu seinem ersten öffentlichen Auftritt drängt. Mit musikalischen Anklängen an das gesungene Vaterunser überzeugt sie ihn schließlich. Unter den zuvor erstarrten Hochzeitsgäste bricht durch das erste Wunder Jesu die pure Lebensfreude aus.
Immer wieder gibt es Szenenapplaus vom Publikum. Insbesondere die Massenszenen beeindrucken durch ihre atmosphärische Dichte. Ein besonderer Moment: Nach dem Tod Jesu singen Gutjahr, Parkes, Sopranistin Wiltrud de Vries und Tenor Bernhard Scheffel das „Stabat Mater“ („Es stand die Mutter“) ohne Orchesterbegleitung im Quartett. Wie schon als Solisten und in den Duetten beweisen die Sänger, dass mit ihrer Verpflichtung ein wahrer Glücksgriff für die Inszenierung gelungen ist.
Zur Begrüßung hatte Weihbischof Wilfried Theising, Schirmherr des Marien-Festspiels und seit seinem Weggang vom Niederrhein Offizial in Vechta, gesagt: „Maria ist eine Frau, die vor langer Zeit gelebt hat, aber auch heute noch mit uns lebt.“ Diesen Bogen spannt Rütten an vielen Stellen. So beim Zweifeler (Scheffel), der provokant fragt: „Wo ist Gott im Leid? Wo war er in Auschwitz und Birkenau? Wo ist er in Aleppo? Wo ist er bei denen, die am Leben zugrunde gehen?“ Er ist, lautet die Antwort des Sprechers, am Kreuz. „Sein Kreuz hat auch für Maria das Leid nicht wegradiert.“ Doch nach dem Schmerz wird Maria zur Trösterin, als die sie auch in Kevelaer verehrt wird. Immer mehr moderne Kreuzträger kommen auf sie zu, sie spricht sie alle an, streicht beinahe liebevoll über die Kreuze, spricht den Leidenden Mut zu. Dem Süchtigen, dem gescheiterten Paar, dem Flüchtling. Der trägt übrigens das Kevelaerer Lampedusa-Kreuz. Dieses wurde aus Planken von Booten gezimmert, mit denen Flüchtlinge aus Afrika auf der italienischen Insel gelandet waren und das im vergangenen Jahr die Wallfahrtssaison in Kevelaer begleitet hatte.
Am Ende steht die Himmelfahrt von Maria. „Es bleibt ihr Zeugnis, es bleibt ihr Rat, es bleibt ihre Nähe, es bleibt ihr mütterliches Ohr für unsere Fragen. Sie bleibt den Menschen Trösterin“, erklärt Sprecher Tecklenborg. „Jede Kerze, die brennt, sagt den Finsternissen der Welt und den Finsternissen der Zeit das Ende an“, verweist er direkt auf die in Kevelaer brennenden Opferkerzen, während andächtig zahlreiche Kerzenträger an der Bühne vorbeischreiten. „Marias Leben ist uns so besonders, weil es so alltäglich war, und dieses Leben schreibt Gott weiter“, heißt es zum Abschluss.
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