Das ‚Kieselstein-Gebet‘

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Baiersbronn: Evangelische Kirche | Man erzählt sich die Geschichte von einem Mann, der sehr alt wurde und tief glücklich lebte. Er war ein großer Lebensgenießer und verließ das Haus nie, ohne sich eine Hand voll Kieselsteine einzustecken. Er nahm sie mit, um so die Momente des Lebens bewusster wahrzunehmen und sie besser zählen zu können.
Für jeden beglückende Kleinigkeit, die er täglich erlebte - zum Beispiel einen fröhlichen Schwatz auf der Straße, ein köstliches Brot, einen Moment der Stille, des Lachen eines Menschen, eine Tasse Kaffee, eine Berührung des Herzens, einer schattigen Platz in der Mittagshitze, das Zwitschern eines Vogels -, für alles, was die Sinne und das Herz erfreute, ließ er einen Stein von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei. Wenn er Schweres entdeckte oder erlebte, wanderte dafür ein Stein von der Jackentasche in die Hosentasche.
Abends dann saß er zu Hause und zählte die Steine. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß einen Stein in der linken Jackentasche zählte, war der Tag gelungen. Es hatte ein der Klage‘ an das Kreuz. Von seiner Großmutter hatte er gelernt sich gelohnt, ihn zu leben.
Den Tag beschloss der alte Mann betend. Und er legte alle Steine auf dem Fensterbrett an einem Kreuz ab. Für das Gute ein ‚Dankstein‘. Bitten für sich und andere sagte er Gott mit einem ‚Stein der Bitte‘. Für Schweres und Bedrückendes, bei dem ihm die Worte fehlten, legte sie einen ‚Stein der Klage‘ an das Kreuz. Von seiner Großmutter hatte er gelernt: Gott können wir alles sagen – unseren Dank, unsere Bitte und ihm können wir unser Leid klagen.
In der evangelischen Kirche in Schwarzenberg im Schwarzwälder Murgtal werden die Gläubige eingeladen einen oder mehrere Steine in die Hand zu nehmen und in ein für ihn passendes Glas zu legen.
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Christiane Bienemann aus Kleve | 01.10.2016 | 11:46  
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