Asperger Syndrom - Diagnosekriterium "Mangel an Empathie" kritisch betrachtet

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Als Asperger Autistin empathisch – ist das möglich?
Dieser Frage wollte ich mich als Betroffene stellen und kam zu folgendem Ergebnis:

In den Medien werden immer wieder Betroffene vom Asperger Syndrom falsch dargestellt. Die breite Gesellschaft hat eine grundsätzliche Vorstellung von Autismus, in dem der Asperger Autismus so gut wie keinen Platz findet, dabei gehört er zum Autismus Spektrum dazu oder wie die Fachwelt es bezeichnet: Autismus Spektrum Störung. Asperger Autisten nehmen sich oft gar nicht als "gestört" wahr, sondern nur als anders wahrnehmend, was sehr viele Vorteile hat.
Doch ich möchte mich in diesem Artikel gerne dem Diagnose-Kriterium "Mangel an Empathie" widmen, an dem viele Diagnosenverfahren, besonders bei Frauen, scheitern. Los geht's...

Ist es nicht weit verbreitet, dass Menschen mit Autismus Probleme mit der Empathie haben? Dass sie kaum oder keine Empathie entwickeln können? Es ist eines der ersten Kriterien bei einer Diagnose: Mangel an Empathie.

Was genau ist Empathie?
Laut Duden ist Empathie die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen.
Dabei stoße ich auf das Wort „einzufühlen“.
Ich kann mich sehr wohl in andere Menschen einfühlen, sonst könnte ich doch gar nicht unter ihnen existieren. Warum sollte ich nicht verstehen, dass ein Mensch, der eilig an mir vorbeirauscht und mich anrempelt, vielleicht ein Problem mit einem Termin hat. Oder ein Kind, das weinend auf dem Schulhof steht, gerade traurig ist oder sich verletzt hat. Ich habe doch auch Momente der Eile und Traurigkeit. Dementsprechend sehe ich kein Problem mit der Fähigkeit zur Empathie.

Aber was ist mit dem Begriff „Bereitschaft“? Jetzt wird es schon brenzliger.
Man hat mir gesagt, dass ich hochempathisch sei und deswegen in autistischer Hinsicht nicht auf den ersten Blick einzusortieren sei. Passt das überhaupt? Und wenn ja, wie?

Da ich ein Mensch des „Schwarz-Weiß-Denkens“ bin, gibt es bei mir nur totale Ignoranz oder totale Sorge. Ich muss zugeben, wenn ich meinen Schalter auf „totale Ignoranz“ lege, geht es mir besser. Doch leider legt sich mein Schalter oft in die andere Richtung. Um immer wieder meinem Wunsch nach Anpassung nachzukommen, legte sich mein Schalter immer schon in diese Richtung. Ich begann mich ab meinem 20. Lebensjahr, dem Beginn meiner Anpassungsphase, ganz auf die Bedürfnisse und Sorgen meiner Mitmenschen einzustellen, um nicht aufzufallen. Ich wollte es ihnen in jeder Hinsicht Recht machen und zeigen, wie „sehr ich dazugehörte“. Mein Maß an Empathie überstieg bei weitem das Maß des Normalen. Das ist typisch bei mir. Ich fand und finde bis heute keine Grenze. Ich wurde hochempathisch und schaltete meine eigenen Probleme vollkommen weg. So war also nicht nur meine Fähigkeit zur Empathie, sondern auch meine Bereitschaft zur Empathie vorhanden.

Und jetzt beleuchte ich das ganze mal näher und begegne einer erschreckenden Wahrheit!
Ich frage mich, ob meine Besorgnis wirklich bei allen Menschen echt war? Nein, meine Empathie war meist vorgegaukelt und nicht von wahrer Natur.
Bei diesem Gedanken stoße ich auf mein System- und Regeldenken. Für mich gibt es nur richtig oder falsch. Es existiert nicht „ein bisschen“. Für mich stellt sich immer die Frage, ob es einem Menschen gut oder schlecht gehen muss. Schon als Kind ordnete ich diese zwei Begriffe den Gefühlen der Menschen zu, weil in mir nur diese zwei Gefühle existieren. Mein System gibt mir vor, dass es Menschen gut gehen muss, weil es das einzige Gefühl ist, das ich aushalten kann und bei dem ich nicht krank werde. Ist doch logisch!
Schon früh hielt ich es für richtig, dass ich Menschen, denen es schlecht ging, helfen musste, damit sie nicht krank wurden. Ein Beispiel: Wenn meine Mutter abends von der Arbeit nach Hause kam und müde war, ordnete ich ihr ein „schlechtes Gefühl“ zu. Sie lachte nicht und zeigte keine Anzeichen von Fröhlichkeit. Ich dachte nicht daran, dass sie schlich erschöpft war, nein, ich überlegte nur, was ich tun konnte, damit sie sich freute und es ihr wieder gutging. Ich wollte doch nicht, dass sie auf Dauer krank wurde und begann, ihre Wäsche tagsüber zu bügeln, und siehe da, es funktionierte. Sie freute sich abends und ich nahm wahr, dass ich nur etwas für diesen Menschen machen musste, damit mein System wieder stimmt. Und so zog sich die Schraube hoch. Ich wendete das System bei vielen anderen Menschen um mich herum an. Mir kam nie der Gedanke, dass schlechte Gefühle einfach zum Leben dazugehören.

Heute frage ich mich, ob auf diesem Wege Empathie bei mir entstanden ist. Es begründet sich im Regel- und Systemdenken.
Doch wenn ich jetzt einen Schritt weiter gehe und darüber nachdenke, was passiert, wenn mein System scheitert, d.h. wenn der Mensch trotz meiner Hilfe nicht fröhlich oder glücklich wird, stoße ich an meine wahre Empathielosigkeit, denn dann passiert etwas für nicht autistische Menschen vielleicht Unvorstellbares. Ich kann diese Reaktion nicht hinnehmen, sondern trenne mich von diesen Menschen. Ja, wenn mir ein Mensch immer wieder unglücklich erscheint oder seine Probleme wiederholt schildert und ich ihm mit meiner Hilfe nicht helfen kann, ich aber auch feststelle, dass er sich selbst nicht helfen will, dann kommt mein wahrer Mangel an Empathie ans Tageslicht. Mich interessieren keine Menschen, die nur Jammern und Leiden ohne es ändern zu wollen. Ich kann für diese Menschen nichts empfinden. Sie fallen aus meinem System und sind nicht mehr vorhanden.
Und genau das ist der Knackpunkt, an dem ich keine Fähigkeit und Bereitschaft zur Empathie besitze. Ich kann in diesem Fall weder Mitleid, Trauer noch Schmerz für den anderen empfinden.

Es existieren jedoch einige Ausnahmen.

Kinder.
Kinder können aus meiner Sicht oft nicht ihr Leid aus eigener Kraft ändern. Dazu sind Eltern oder entsprechende Betreuer zuständig. Deswegen fällt mein Zorn auf sie, wenn Kinder leiden. Das ist wohl auch der Grund, weshalb ich mich diesem Thema immer wieder in meinen Büchern widme und viele Jahre als Erzieherin mit großem Engagement mit Kindern gearbeitet habe. Ich reagierte immer auf auffällige Kinder.

Unverschuldete Kranke oder Hilflose.
Bei ihnen kann ich erkennen, dass sie aus eigener Kraft ihre Situation nicht ändern können und zeige viel Mitleid und Verständnis.

Tiere und Natur.
Auch dabei steht oft die Schuldlosigkeit im Vordergrund. Wenn der Mensch ihnen etwas antut, können sie sich meist nicht wehren oder etwas ändern. Ich zeige Mitleid und Verständnis, kann sogar bei einem Baum, der wunderschön ist und gefällt werden soll, weinen. Oder wenn ich ein leidendes Tier sehe, es mitnehmen und pflegen.

Das alles ist eng verwoben mit meinem Gerechtigkeitsdenken. Und ich bin ein Mensch, der immer nach Lösungen sucht.

So nahe können Hochempathie und Mangel an Empathie bei mir zusammenliegen. Schwarz und weiß. Es sind die Regeln meines Denkens und nicht die meines Fühlens, die es bestimmen.

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, kann meine Website oder Facebook besuchen:
http://www.marionschreiner.com/denkmomente/
https://www.facebook.com/Denkmomente/

Autor:

Marion Schreiner aus Langenfeld (Rheinland)

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