Ein Leben zwischen Autismus und Bestsellern

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„Deine Bücher sind irgendwie merkwürdig!“, oder „Du beherrschst ja nicht einmal die deutsche Sprache und dann schreibst du Bücher?“.
Solche und ähnliche Bemerkungen bekam ich oft zu hören, dabei schreibe ich so gerne. Na ja, merkwürdig war ich schon immer. Doch ich wusste nie warum. Vieles was ich tat, stieß auf Ablehnung oder wurde mit einem Lächeln abgetan.
Früher sagten mir einige Menschen, ich sei launisch, ich sei unerträglich und schließlich „merkwürdig“. Und doch mochten mich immer viele Menschen, weil ich auch fröhlich, positiv, hilfsbereit und voller Ideen war.

Ich bin eine von vielen tausend Frauen, die auffallen und nicht wissen warum. Ich bemerkte nur oft, dass ich nicht von dieser Welt zu sein schien, weil ich einfach nicht hineinpasste, egal, was ich tat, fühlte oder dachte. Dann kam der Tag, als ich zum ersten Mal vom Asperger Syndrom las. Das war vor genau drei Jahren, als ich 48 Jahre alt war.

Da hielt ich ein Buch in der Hand, das mir Antworten auf all meine Probleme gab. Ich empfand das Leben immer schon als anstrengend und erschöpfend, weil ich so vieles anders wahrnahm und anders reagierte als die Menschen um mich herum. Heute weiß ich, dass ich eine Betroffene von der Autismus Spektrum Störung bin, einer zunächst erschreckenden Wahrheit, die mich mit vielen verwirrenden Gefühlen konfrontierte, aber auch mit Erleichterung. Es erklärt die vielen Krankheiten, die ich bekam, weil ich ständig überfordert war, und schlussendlich den Zusammenbruch, den ich 2013 erlitt. Da wusste ich, dass ich mein Leben dringend ändern muss. Doch was genau musste ich ändern, um nicht mehr diese ungefilterte Reizüberflutung und Erschöpfung zu spüren?

Ich reiste nach England an die Küste von North Devon in den Nationalpark Exmoor in eine reizfreie Hütte und suchte nach Antworten auf folgende Fragen: Wer bin ich und was will ich? Ich fand die Antworten: Ich bin eine Autistin und will mein Leben ändern, bevor ich daran zerbreche. Ich will zeigen, was ich fühle, wie ich wirklich bin und als Schriftstellerin in Ruhe arbeiten.
Zunächst musste ich alle Dinge, die mich belasteten aufgeben, um die vielen Reize um mich herum runterzufahren oder gar abzuschaffen. Dazu gehörten auch viele Hilfeleistungen, die ich erbrachte. Dann begann ich regelmäßig nach Exmoor zu reisen und durch das Alleinsein meine Energie aufzutanken. Ich genieße dort die Ruhe in meinem Kopf und auf Nichts und Niemanden reagieren zu müssen. Mittlerweile schreibe ich dort seit drei Jahren Bücher, die allesamt Bestseller wurden. Meine Protagonisten sind alle autistisch angehaucht und kämpfen gegen Vereinsamung und Ungerechtigkeit im Leben.

Doch woran erkennt man eigentlich Autismus? Da es ein weitreichendes Spektrum gibt und es eine tiefgreifende Entwicklungsstörung ist, ist es schwer, alles zu differenzieren. Also kann ich nur von meiner Person sprechen und möchte hier nur einige Anzeichen von vielen aufführen, die mich betreffen:
- ich habe Probleme mit der sozialen Interaktion bei fremden Situationen und Menschen
- ich bin sehr ehrlich, was manchmal etwas unhöflich wirkt
- ich beherrsche keinen Smalltalk
- ich kann Lügen, Hinterlist und Betrug schwer erkennen
- ich bin hochsensibel im sensorischen/taktilen, visuellen, olfaktorischen und auditiven Bereich, nehme also viel mehr wahr
- ich leide oft an Reizüberflutungen, kann Eindrücke nicht filtern
- ich finde oft keine Grenze bei dem, was ich tue, erleide extreme Gefühle
- ich kann nicht nein sagen, wenn man mich um Hilfe bittet
- man kann mich gut ausnutzen
- ich habe ein Schwarz-Weiß-Sehen, d.h. Alles oder Nichts, besitze keine Grauzone im Denken und Fühlen
- ich habe oft ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle, obwohl ich nichts Schuld bin
- ich kann mir Gesichter kaum merken (Gesichtsblindheit)
- ich kann mir Wege kaum merken
- ich kann Berührungen von Fremden kaum aushalten
- ich verliere mich oft im Fachsimpeln über mein Spezialthema und bemerke nicht, dass der andere sich langweilt
- ich verstehe vieles wortwörtlich
- ich leide oft unter meinem Perfektionismus
- ich halte oft zwanghaft an Regeln fest
- ich bin in manchen Bereichen motorisch ungeschickt
- ich lebe und esse stereotypisch und höre immer die gleiche Musik
- mein gesamtes Denken und handeln unterliegt einem strengen System…

Das sind nur wenige Punkte, die mich im Leben begleiten. Doch es gibt auch sehr viele gute Eigenschaften, die Autismus mit sich bringt:
- ich bin sehr zuverlässig, pünktlich, genau und zielstrebig
- ich bin sehr kreativ und verfüge über ein großes Wissen in meinem Spezialinteresse
- ich bin sehr ehrlich und verfolge niemals niedere Absichten anderen Menschen gegenüber
- ich bin sehr freundlich, fröhlich und positiv
- ich bin voller Energie und kann andere Menschen schnell begeistern
- ich bin hochfunktional und kann mich dadurch recht gut in der Gesellschaft anpassen…

Auch hier kann ich viele weitere Punkte aufzählen, doch ich möchte nur einen kleinen Überblick geben.

Ich verarbeite und nehme Reize anders wahr, als nicht autistische Menschen, also ungefiltert, höre alles viel lauter, empfinde Bewegungen viel hektischer (besonders in Einkaufszentren und bei Veranstaltungen) und sehe vieles greller, heller und mehr Details als andere. Dann kann es passieren, dass ich einen Overload erleide und mich vollkommen zurückziehen muss. Ich reagiere manchmal extrem, wenn zu viel auf einmal auf mich einströmt, weil ich meine Gefühle nicht immer kontrollieren kann. Zudem depersonifiziere ich mich gerne, d.h. ich verschwinde gerne in andere Länder, ohne darüber nachzudenken, was andere dabei fühlen. Und doch wird niemand auf Anhieb merken, dass ich autistisch bin. Ich habe als Erzieherin viele Kindergruppen und als Autorin eine Literaturgruppe mit großem Erfolg geleitet.
Wer mehr über Autismus erfahren oder sich austauschen möchte, kann die Facebookseite „Denkmonente“ besuchen. Dort treffen sich Autisten und Nichtautisten zum Austausch. Des weiteren schreibe ich seit einem Jahr Blogs über meinen Autismus unter „Denkmomente“ in Wordpress, die ich auf meiner Website - marionschreiner.com – veröffentliche.
Ich bin eine spät diagnostizierte hochfunktionale Autistin, seit 31 Jahren verheiratet und habe zwei erwachsene Söhne. Bin eben auch ganz viel „normal“!

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