Angst - wenn der Alltag zur Qual wird

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Die Einsamkeit ist der beste Freund, sie bietet Sicherheit. (Foto: Jan Melksony)
Jeder kennt die Situation: Man hat es eilig und schiebt sich noch schnell den letzten Happen in den Mund. Viel zu hastig, man verschluckt sich und hustet wie verrückt. Panik kommt auf, die Luft bleibt weg. So fühlt sich die Angst an. Die Situationsangst, unter der Menschen mit einer Sozialen Phobie leiden. Eine Betroffene berichtet im Gastbeitrag.

Alltägliche, banale Situationen wie telefonieren, essen oder sogar sprechen – für viele Leute kein Problem. Doch für mich stellen diese Situationen ein Horrorszenario dar. Allein der Gedanke daran löst eine innere Unruhe in mir aus. Ich habe Angst. Angst, einen falschen Eindruck zu hinterlassen und mich zu blamieren. Jede Bewegung, jede Mimik, jede Gestik muss sitzen, denn ich fühle mich immerzu beobachtet. Am Ende eines Tages sitze ich auf dem Bett und lasse die letzten Stunden Revue passieren: Was habe ich falsch gemacht? Muss ich mich für mein Verhalten schämen? Habe ich mich blamiert? Hat man sich über mich lustig gemacht? Die Gedanken kreisen weiter: Habe ich mich versprochen? Habe ich gestottert? War es falsch, was ich gesagt habe?Sie hören nicht auf, die Gedanken über all meine Handlungen. Ich denke oft zurück an Situationen, die Jahre zurückliegen: Ich schäme mich. Erinnern sich die beteiligten Personen an mein Fehlverhalten? Ich hoffe nicht. Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Am liebsten würde ich mein Zimmer gar nicht mehr verlassen. Der Zimmerschlüssel steckt in dem Schlüsselloch, ich schließe mich ein. Niemand darf mein Zimmer betreten. Hier bin ich sicher. Die Einsamkeit kompensiere ich mit dem Internet.

Panik vor dem Telefongespräch

Es ist so schön unpersönlich, ein Segen für mich. Gibt es Probleme, greife ich nicht zum Telefon, sondern schreibe rasch eine E-Mail. Das erspart mir viel Stress, Vorbereitung und Grübelei. Worum es auch geht, ich löse meine Probleme über das Internet. Emotionen sind schwer erkennbar, denn wer ahnt schon, dass ich Angst habe, wenn ich einen lachenden Smiley verschicke? Trotzdem sitzt eine gewisse Angst in mir: Habe ich Rechtschreib- oder Tippfehler gemacht? Was denkt der Nachrichtenempfänger von mir? Und natürlich wieder: Muss ich mich schämen? Habe ich mich blamiert? Es hört nicht auf. Ich igle mich unter der Bettdecke ein und bin froh, allein zu sein. Wenn ich mich nicht zeigen muss, geht’s mir gut. Doch wenn ich mich stets verstecke, wie kann es dann besser werden? Die Therapie hört sich einfach an: Konfrontation. Ich muss mich meinen Ängsten stellen. Genau das löst Unbehagen in mir aus. Wenn man mir etwa sagt, dass ich gleich telefonieren muss, kriege ich Panik. Mein Herz droht aus der Brust zu springen, so intensiv schlägt es. Ich werde unruhig und fasse mir ins Gesicht. An die Stirn, an die Nase, an die Ohrläppchen. Ich kratze an meiner Haut. Mein Bein zappelt. Ich gebe auf. Das wird mir zu viel. Die fehlenden sozialen Kontakte finde ich im Internet.

In der Schule lache ich, zu Hause weine ich

Wenn mir so kleine Dinge schon so große Angst bereiten, wie sieht es dann mit den Situationen aus, vor denen sich ein gesunder Mensch fürchtet? Vorträge halten, vor einer Menschenmenge sprechen, ein Bewerbungsgespräch führen - Für mich ganz klar undenkbar. Ich möchte erst gar nicht daran denken. Da kommt die Schule ins Spiel und stellt ein großes Problem dar. Der Unterricht, die Anforderungen, unfreiwillige Referate. Wenn ich im Unterricht sitze, erwarten die Lehrer eine Antwort von mir. Die peinliche Stille, die herrscht, wenn ich die Antwort nicht weiß. Die Blicke, die auf mich gerichtet werden, zerfressen mich. Und dann erröte ich und schäme mich. Es ist immer das gleiche. Doch, wenn ich gute Noten haben möchte, muss ich mich beteiligen. Wie soll ich das schaffen, wenn meine Angst so groß ist? Die Angst, vor anderen Leuten zu sprechen. Sich zu versprechen. Falsche Wörter zu benutzen. Falsche Aussagen zu machen. Dann folgt Gelächter. Wenn das passiert, lache ich einfach mit. Und dann sitze ich später zu Hause und weine.

Unterstützung aus dem Umfeld

Ich hoffe irgendwann ein gesundes Selbstbewusstsein aufbauen zu können, um selbst die banalsten Situationen problemlos und ohne Angst bewältigen zu können. Um das zu erreichen, kann ich nur auf die Unterstützung durch mein Umfeld hoffen. Hiermit danke ich all den Menschen, die mich dahingehend bisher unterstützt, motiviert und aufgemuntert haben.

Thema "Hilfe" im Lokalkompass:
> Schnelle Hilfe für Kinder in Not
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2 Kommentare
233
Christa Haber aus Lünen | 19.08.2015 | 12:56  
6
Kerstin Tascheit aus Lünen | 19.08.2015 | 13:19  
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