Baby-Leichen: Prozess geht an Landgericht

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Richterin Beatrix Pöppinghaus, hier mit den Schöffen Dieter Middel und Hubert Blaschke. (Foto: Magalski)
 
Staatsanwältin Carola Jakobs verlas am Mittwoch die Anklageschrift. (Foto: Magalski)
Der Fund von zwei Baby-Leichen in einer Wohnung in Lünen sorgte im Oktober vor zwei Jahren für Entsetzen. Mittwoch begann vor dem Amtsgericht der Prozess gegen die Mutter - und war nach wenigen Minuten schon wieder zu Ende.

Staatsanwältin Carola Jakobs verlas in den ersten Minuten der Verhandlung die Anklage. Die Beschuldigte, eine zierliche junge Frau in gemusterter Bluse, verfolgte die Ausführungen mit regloser Miene und starrte auf den Tisch. Die Ex-Lünerin, mittlerweile wohnt die Frau (32) in Bergkamen, ließ laut Anklage ihre Kinder schon kurz nach der Geburt über Stunden allein in der Wohnung. "Die Kinder litten in dieser Zeit unter Hunger, Durst und Erschöpfung", sagte Staatsanwältin Carola Jakobs und schilderte in ihrer Anklageschrift über sechzig Fälle. Die Angeklagte habe demnach zum Beispiel ein Konzert in Bielefeld besucht, ging immer wieder für acht oder mehr Stunden zur Arbeit oder war in einem Fall sogar für mehr als zwanzig Stunden mit bei einem Freund in Herford - die Kinder blieben während dieser Zeit offenbar allein in Wohnung. "Der Angeklagten war bewusst, dass Kinder in diesem Alter alle drei bis vier Stunden Nahrung brauchen", so Jakobs. Ein Mädchen starb den Ermittlungen zufolge bereits im April vor drei Jahren, ihre Schwester ein Jahr später ebenfalls im April.

Entdeckung nach Brand in Wohnung

Die Entdeckung der Baby-Leichen war Zufall. Im Oktober 2012 brach in der vermüllten Wohnung der Angeklagten in einem Mehrfamilienhaus im nördlichen Innenstadtbereich ein Feuer aus, Ermittler machten nach dem Brand dann in den Räumen die erste grausame Entdeckung. Tage später folgte der Fund einer zweiten Babyleiche. Experten der Spurensicherung der Polizei in Dortmund räumten in der Folge auf der Suche nach Hinweisen Müll und Einrichtung aus der Wohnung in einen großen Container vor dem Haus. Gutachter untersuchten außerdem die skelettierten Baby-Leichen und fanden laut Staatsanwältin "Zeichen für Mangelernährung".

Hinweise auf Tötungsdelikte?

Carola Jakobs beantragte zum Schluss ihrer Ausführungen die Abgabe des Verfahrens an das Schwurgericht beim Landgericht Dortmund. Die Anklage lautete bisher unter anderem auf Verletzung der Fürsorgepflicht. Die Staatsanwältin sieht aber hinreichende Hinweise auf zwei Tötungsdelikte. Rechtsanwältin Krämer, die Verteidigerin der Angeklagten, sah im Gegensatz dazu weiter das Amtsgericht Lünen als zuständig, denn aus dem Gutachten ergebe sich keine Schuld der Angeklagten am Tod der Kinder. Richterin Beatrix Pöppinghaus zog sich mit den Schöffen zur Beratung zurück, verkündete dann die Entscheidung: Der Prozess geht an das Schwurgericht am Landgericht Dortmund.

Keine Anmeldung im Register der Stadt

Die Angeklagte brachte ihre Babys wohl heimlich zur Welt. "Im konkreten Fall hat die alleinerziehende Mutter ihr Kind nicht bei der Stadt angemeldet, das heißt von der Existenz eines Kindes war uns nichts bekannt. Es gab dazu auch keinerlei Hinweise von Nachbarn oder Verwandten. Auch zum Jugendamt, zum sozialpsychiatrischen Dienst oder der Betreuungsstelle hat die Mutter keinerlei Kontakt aufgenommen", sagte Ludger Trepper, Fachdezernent Jugend, Bürgerservice und Soziales, bei der Stadt Lünen kurz nach dem Fund der ersten Baby-Leiche. Warum Nachbarn die Kinder in der Wohnung nicht bemerkten, bleibt aber weiter ein Rätsel.

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