Gaffer machen Ärger auf der Autobahn

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Polizei, Feuerwehr und der Landesbetrieb Straßen.NRW stellen sich gegen Gaffer auf der Autobahn. (Foto: Magalski)
 
Zäune dieser Art nehmen Gaffern die Sicht auf Unfallstellen. (Foto: Magalski)
Retter kämpfen bei Unfällen auf der Autobahn um das Leben der Verletzten, da sind Bilder des Einsatzes schon auf dem Weg in die sozialen Netzwerke. Handy-Gaffer halten drauf, ihre Fotos und Videos landen im Internet. Zäune nehmen diesen Menschen im Kreis Unna seit April die Sicht.

Gaffen ist seit dem Boom der Smartphones eine Art Volkssport. Die Kamera im Handy ist schnell zur Hand, mit einem Knopfdruck ist das Foto oder Video auf der Speicherkarte oder sofort im weltweiten Netz. „Neugier ist angeboren, der kurze Blick Richtung Blaulicht ist sicher normal, aber die Konzentration sollte danach wieder auf die Straße gehen und nicht auf das Handy für ein spektakuläres Foto“, sagt Manfred Blunk, Erster Polizeihauptkommissar und Leiter der Autobahnpolizei Kamen. Was Blunk beschreibt, ist an manchen Tagen bei etwa jedem zweiten Fahrer nur ein frommer Wunsch. Gaffen ist ein trauriger Trend, kaum ein Schaulustiger der neuen Generation macht sich aber Gedanken über die Folgen. Freunde oder Familie der Unfallopfer sehen im schlimmsten Fall die Bilder im Netz, erkennen das total zerstörte Auto – dann beginnt im Kopf der Film mit den Horror-Szenarien.

Hundert Meter Zäune pro Anhänger

Im April gingen im Kampf gegen Gaffer die Sichtschutzzäune an den Start, zunächst ist es ein Test für die Dauer eines Jahres. Die Teams von Straßen.NRW hatten bis Mitte November rund dreißig Einsätze, zuletzt bei Ascheberg nach dem schweren Unfall eines Tiertransporters voller Geflügel. Ein Anruf, meist von der Polizei, dann bringt ein Bereitschaftsfahrer den Sichtschutz rund um die Uhr zum Einsatzort. Hundert Meter Zäune sind auf jedem Anhänger, nach der Anforderung durch die Polizei sind die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei spätestens nach neunzig Minuten, meistens aber schneller, vor Ort. Der Sichtschutz aus mit grüner Folie bespannten Metallrahmen steht in fünf Minuten und schützt Einsatzkräfte, aber vor allem die Opfer vor Blicken und Fotos. Sichtschutzzäune für die Autobahn bis zum Kamener Kreuz kommen zum Beispiel aus Münster, die Zäune für Lünen aus Recklinghausen. Weitere Standorte gibt es noch in Lüdenscheid, Werl und Herford.

Busfahrer bremste für Gaffer an Bord

Rainer Balkenhoff, Feuerwehr-Chef von Kamen, ist mit seinen Leuten schon aufgrund der Nähe zum berüchtigten Kamener Kreuz oft auf der Autobahn. „Sichtschutz haben wir bei Einsätzen immer vermisst, die Wände sind eine wichtige Sache, denn wenn Videos oder Fotos gemacht werden, wird es richtig pervers“, so Balkenhoff. Zäune sind auch ein Plus an Sicherheit für die Einsatzkräfte, glauben die Retter. Weitere Unfälle am Stauende oder auch Fahrzeuge, die trotz Absicherung in die Unfallstelle prallen, sind nur zwei Beispiele für die schlimmen Folgen von Gaffen. Kim Freigang, heute Pressesprecher der Polizei Dortmund, war früher selbst als Autobahn-Polizist im Dienst. Situationen mit Gaffern kennt Freigang, besonders im Gedächtnis bleibt dem Polizeihauptkommissar die „Heldentat“ eines Busfahrers. Der Mann wollte seinen Fahrgästen wohl einen besonders guten Blick auf eine Unfallstelle ermöglichen, fuhr deshalb auf den linken Fahrstreifen und bremste den Bus neben der Unfallstelle fast bis zum Stillstand. „Ich liege als Unfallopfer in meinem eigenen Blut, da will ich mit Sicherheit nicht, dass fremde Menschen davon Fotos machen, um sie hinterher ihren Kollegen zu zeigen“, findet Freigang deutliche Worte für dieses Verhalten.

Polizei nimmt Gaffer ins Visier

Blunk appelliert an die Vernunft der Autofahrer. „Die Polizei macht nach Unfällen nach Möglichkeit schnell eine Spur auf, damit die Verkehrsteilnehmer nicht in einem zwanzig Kilometer langen Stau stehen, doch die Menschen, die als Gaffer dann an der Unfallstelle vorbei fahren und für zusätzliche Behinderungen sorgen, torpedieren die Bemühungen der Polizei.“ Fotos machen auf den Autobahnen aber nicht nur die Gaffer, sondern in immer mehr Fällen auch die Polizei. Beamte nehmen an Unfallorten die Schaulustigen mit der Kamera ins Visier, sichern die Handynutzung am Steuer so als Beweis und kurze Zeit später flattert die Anzeige ins Haus. Sechzig Euro und einen Punkt in Flensburg kostet der fragwürdige Spaß im Moment, doch wird die Gafferei zu einer Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer – etwa weil ein anderer Autofahrer wegen einem Schaulustigen scharf bremsen muss - geht es schnell um eine Straftat und die Sache landet mit unklarem Ausgang vor Gericht.

Thema "Autobahn" im Lokalkompass:
> Stau-Tipps vom Profi retten Leben
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4 Kommentare
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Uwe Norra aus Selm | 25.11.2015 | 00:07  
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Renate Croissier aus Lünen | 25.11.2015 | 08:04  
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Birgit Vollstedt aus Oberhausen | 25.11.2015 | 13:07  
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Susanne Grothe aus Schermbeck | 26.11.2015 | 00:00  
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