"Weihnachten ist eine Zeit ohne Bedeutung"

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Obdachloser in der Fußgängerzone von Lünen - die Diakonie bietet neben der Stadtkirche Hilfe. (Foto: Magalski)
Weihnachten ist das Fest der Liebe. Familien treffen sich unter dem Tannenbaum, es gibt Essen und Geschenke im Überfluss. Hermann, Marcel und Uwe haben keine teuren Geschenke, aber immerhin ein Dach über dem Kopf. Der Lüner Anzeiger über drei Geschichten und drei Schicksale aus dem Alltag der Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Lünen.

Die Fußgängerzone ist an diesem verregneten Nachmittag in der Adventszeit voller Menschen. Frauen und Männer sind auf der Suche nach Geschenken für die Lieben. Hundert Meter entfernt in der Beratungsstelle für Wohnungslose der Diakonie neben der Stadtkirche merkt man wenig vom Weihnachtstrubel. Christa Stich, die Leiterin der Einrichtung, und ihre Mitarbeiter haben zwar gleich neben dem Regal mit den Kleiderspenden einen Tannenbaum aufgestellt, mit der Festtagsstimmung ist das aber so eine Sache. Die Menschen in der Beratungsstelle, laut Statistik übrigens zu rund neunzig Prozent Männer, haben in der Regel andere Dinge im Kopf.

Bundeswehr-Schlafsack und eine Pulle Doppelkorn

Hermann kam aus Duisburg nach Lünen. Der Tod seiner Lebensgefährtin warf ihn aus der Bahn. Die Wohnung war auf einen Schlag zu groß, die Miete nicht mehr bezahlbar und Hermann landete auf der Straße. Das Leben auf der Straße sei spannend, erzählt Hermann. Wärme gab ein Bundeswehr-Schlafsack, zur Not half auch mal eine "Pulle Doppelkorn". Weihnachten verbrachte er mit anderen Obdachlosen "auf der Platte", also unter freiem Himmel. "Wir hatten Zigaretten, kräftig was zu trinken und dann haben wir zusammen gesessen", berichtet Hermann. Hilfe fand Hermann nach rund dreieinhalb Jahren auf der Straße bei der Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Lünen. Die Mitarbeiter gaben ihm die Übergangswohnung der Diakonie und Anfang des Jahres zieht der Mann aus Duisburg in eine eigene Wohnung. Welche Bedeutung hat Weihnachten heute für Hermann? "Weihnachten ist praktisch ein Tag wie jeder andere, ohne schöne Feier oder solche Scherze", sagt Hermann. "Weihnachten ist seit dem Tod meiner Lebensgefährtin eine Zeit ohne Bedeutung."

Mietvertrag ist das schönste Geschenk

Marcel ist zwanzig Jahre alt, kommt aus Bielefeld und hatte bisher in einer Beziehung Glück - der junge Mann verbrachte noch keine Nacht auf der Straße. Im Juni scheiterte die Beziehung mit seiner Ex-Freundin. Marcel verließ die Wohnung, seine Ex und die gemeinsame Tochter. "Ein Kumpel in Hessen half mir und nahm mich auf, doch dann gab es Anfang September Streit und ich flog raus", erzählt Marcel. Die Ausbildung zum Maler und Lackierer scheiterte in diesem Jahr außerdem - die Kündigung markierte das Ende der Azubi-Zeit! Marcel hatte wieder Glück, eine Freundin in Lünen nahm ihn auf in ihrer Wohnung. Marcel unterschrieb fünf Tage vor Heiligabend den Mietvertrag für eine Wohnung, für ihn das schönste Geschenk zu Weihnachten und ein versöhnlicher Jahresabschluss. Die Feiertage verbringt der junge Mann in Bielefeld bei den Eltern und der Schwester und plant auch einen Besuch bei Freunden und seiner kleinen Tochter, erzählt er im Gespräch. "Zum Jahresanfang soll es wieder bergauf gehen, ich will mir einen Job suchen", sagt Marcel.

Weihnachten als Fest der Hoffnung

Uwe ist nach vielen Höhen und Tiefen heute auf einem guten Weg. Der Tannenbaum steht schon und Uwe freut sich auf das Fest. Der Lüner verbringt die Feiertage mit seinen Stiefkindern und mit Freunden. Uwe kennt andere Zeiten. Den Verlust seiner Wohnung nennt der Lüner allerdings eine "bewusste Entscheidung". Uwe: "Ich habe keine Miete mehr gezahlt, weil ich dort nicht mehr wohnen wollte, es ging aber nicht ums Geld." Ein Kollege gab ihm nach dem Rauswurf aus seiner Wohnung einen Monat Obdach, danach schlief Uwe auch mal in der Übernachtungsstelle in Gahmen und feierte hier Heiligabend. Die Obdachlosigkeit ist im Moment Geschichte, Uwe kämpfte sich zurück ins Leben. Der Lüner trägt in mehreren Verteilgebieten den Lüner Anzeiger aus, hat nach Vermittlung der Wohnungslosenhilfe wieder ein Dach über dem Kopf und seit kurzer Zeit sogar wieder stolzer Besitzer eines eigenen Autos. Uwe und seine Geschichte zeigen: Weihnachten ist eben auch das Fest der Hoffnung.

Thema "Weihnachten" im Lokalkompass:
> Liste: Gottesdienste zu den Weihnachtstagen
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2 Kommentare
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Nicole Deucker aus Oberhausen | 23.12.2014 | 19:36  
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Peter Eisold aus Lünen | 25.12.2014 | 18:30  
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