Werner Nagerski, der Erfolgstrainer

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Der Fußballer, der jetzt 88 Jahre alt wird, führte den Lüner SV zweimal in die Regionalliga

LÜNEN. Der Anruf kam an einem Samstag kurz nach 13 Uhr. „Hier Nagerski. Ja, ich bin der frühere Trainer des Lüner SV!“ Eine Stimme klar und fest. Wie die eines gerade 50jährigen. Doch dem Mann, dem ich eine knappe Stunde später gegenübersitze, zig Jahre nicht gesehen habe, ist keine 50. Am 18. Februar 2017 wurde er 88 Lenze alt.
Kräftig, nicht groß gewachsen, habe ich ihn in Erinnerung. Schmaler ist er geworden. Aber immer noch ein Mann des geraden Wortes, selbstkritisch, bescheiden, auf keinen Fall verbogen.
„Den Führerschein habe ich freiwillig abgeben, als mir das Abbiegen auf der B 236 zu unübersichtlich wurde. Und mit dem Fußball machte ich endgültig Schluss, als mich die Musik, die aus den Boxen in den Vereinskneipen ertönte, immer weniger ansprach!“
Die Rede ist von Werner Nagerski, dem erfolgreichsten Trainer der 72jährigen Geschichte der Fußballer des Lüner SV. Zur Welt kam er Ende der 20er Jahre in Dortmund-Eving. Fußballerisch eigentlich ein Stadtteil von Lünen. Wenn man an all die Kickergrößen, die von dort zum LSV kamen, angefangen bei Ex-Profi und Amateur-Nationalspieler Dieter Zorc, denkt.
Nagerski durchlief die Jugendteams der Evinger, stand als Halbrechter bei den Senioren unter dem später erfolgreichen DFB- und Bundesliga-Trainer Dettmar Cramer in der Verbandsliga seinen Mann.
Wären die Mediziner damals die mit dem Wissen von heute gewesen, Nagerski`s Karriere wäre nicht so früh beendet gewesen. 20 Jahre alt. Meniskus kaputt. Behandlung in den Krankenhäusern in Brambauer und Lüdenscheid. „Der Trainer wollte, dass ich wieder spiele. Machte ich. Doch bis Donnerstag war das Knie wieeder dick. Spielen ging nicht mehr!“
Die Trainer der Vergangenheit waren nur nebenbei aktiv. Mussten sie in ihrem Hauptberuf arbeiten, fehlten sie am Platz. Für Nagerski war dies die Chance in Eving, leider heute in den Tiefen der Kreisliga mit einer Handvoll von Zuschauern verschwunden. „Die Spieler baten mich, das Training zu leiten. Wenn, dann ganz, war meine Antwort.“ Damit war er für sieben Jahre auf dem Platz an der Bergstraße dabei.
Die Dortmunder Fußball-Börse war über Jahrzehnte der Treff der Vereinsvertreter. Dort wurden nicht nur die Anstoßzeiten festgelegt. Interna machten die Runde. Evings Geschäftsführer Walter Hübsch hörte vom Lüner SVer Willi Kampmann: „Der LSV sucht einen neuen Trainer“.
Wenig später trat Werner Nagerski auf dem Lüner Schützenhof gegen zwei andere Kandidaten zum Probetraining an. „Ich ließ meinen Mitbewerbern den Vortritt, stellte meine Vorstellungen erst zuletzt vor!“ Spätestens da war in ihm das „Schlitzohr“ als Trainer erwacht. „Ich habe dann das gemacht, was ich bei Dettmar Cramer gesehen und gelernt habe. Ich habe auch das gemacht, was ich gerne im Training mache. Spielen, keine 100-Meter-Läufe.“
Das erste Kapitel von insgesamt dreien beim Lüner SV begann am 1. Juli 1959 und endete am 30. Juni 1964. Aufstieg in die Verbandsliga und 1963 in die neu gegründete Regionalliga und dem Halbfinale um die Deutsche Amateurmeisterschaft – Volltreffer über Volltreffer.
„Noch heute fühle ich mich mitschuldig am Abstieg aus der damals zweiten Liga. Wir haben guten Fußball gespielt. Das sollte auch weiter so sein. Aber wir holten keine Punkte. Als ich auswärts defensiver einstellte, klappte es besser. Zuhause auch. Aber da gab es auch Pfiffe. Aber meine Reaktion, die Taktik zu ändern, kam zu spät.“
Beim LSV wollten die Spieler, dass er nach dem Aufstieg auf jeden Fall blieb. So lehnte er ein Angebot der SG Wattenscheid um deren Mäzen Klaus Steilmann ab, trat erst 1964 als Coach beim Verbandsligisten Haspe an. In Lünen übernahmen Elwin Schlebrowski und Erwin Volkmann weiter.
Zur Saison 1966/67 kehrte er zum Lüner SV zurück, führte diesen wieder in die Regionalliga. Zwei erfolgreiche Jahre blieb er. Auf Lünen folgte für zwei Jahre der der Hammer SV – mit einem Tausch. Für Nagerski kam Artur Gruber nach Lünen, brachte Ludger Gärtner mit.
Gruber und die LSV-Spieler suchten vergebens nach einer gleichen Funkwelle. Nagerski, inzwischen in Erkenschwick, war dort am Stimberg nie glücklich. „Obmann und Co bestimmten, wer trainierte, wer pausieren konnte. So etwas musste doch ich entscheiden. Bei der Weihnachtsfeier bat ich um meine Entlassung, war wenig später wieder für eineinhalb Jahre in Lünen“. Dass Trainerfuchs Nagerski das erste Punktspiel mit Lünen gegen Erkenschwick gewann, wer hätte das bezweifelt?
Mit RW Lüdenscheid stieg er auf, kämpfte dann in der neu gegründeten zweigeteilten 2. Liga vergebens. Für die neue Klasse wurden im Vorfeld Punkte für den Einsatz von Vertragsspielern gewertet. Da hatte der Fusionsverein RWL zu wenig zu bieten. Nur mit den ersten Plätzen wären die Sauerländer in der Liga geblieben. Nagerski schaffte zwar einstellig. Zu wenig. RWL ab. Er blieb insgesamt vier Jahre, auch mit der am Ende falschen Hoffnung, sofort den Wiederaufstieg zu schaffen.
„Meine Bandscheiben-Probleme holten mich ein. Recht früh, mit 45 Jahren, machte sich mit dem Fußball Schluss!“ so der einstige LSV-Erfolgscoach. Er war nicht auf das Trainergeld angewiesen. Beruflich hatte er in Eving auf der Schachtanlage Minister Stein in der Lohnabteilung angefangen, war später Leiter der Personal- und Sozialabteilung. Im Gegensatz zu vielen seiner Spieler war er „immer im Büro“, und nicht wie diese untertage.
Werner Nagerski ist seit 64 Jahren mit seiner Frau Ellen verheiratet. Beide haben eine Tochter. Für die Ehe wohltuend war, dass Nagerski nach dem A-Trainerschein – DFB-Nummer 929 - unter dem zum Lehrgangsleiter aufgestiegenen Dettmar Cramer sich „weigerte“, die Lizenz zu absolvieren. „Ich wollte nicht mit meiner Familie mit dieser durch Deutschland von Verein zu Verein umziehen. Deshalb habe ich auch später ganz deutlich gesagt, bevor das Telefon von morgens bis abends klingelt, ich mache im Fußball ganz Schluss!“
Zurück bleiben Erinnerungen an eine meist schöne Fußballzeit, am die er sich mit Blick aus dem Wohnzimmerfenster auf die Kleingartenanlage vom ehemaligen FC Brambauer Gerd Döbler geleitet, Bilanz zieht:
„Lüdenscheid war damals für mich der am professionellsten geführte Klub. Beim Lüner SV hatte ich sehr viel Freude! Dazu gelernt habe ich, wenn ich zwischen Beruf und Training bei Borussia Dortmund „spionieren“ konnte, wie dort geübt wird“
Für Nagerski war in seinen Zeiten in Lünen Adolf „Awo“ Reismann der beste Spieler. „Immer, wenn Kapitän Awo fehlte, merkten alle, wie wertvoll er war. Perfekt war er im Quartett mit Josel Gugolka, Schnurri Rachuba und Itti Grünewald. Toll gefallen hat mir immer Benno Düsenberg. Er wurde als Rechtsaußen geholt, bei uns zum rechten Verteidiger umgeschult. Er verdrängte nicht nur Amateur-Nationalspieler Erhard Ahmann von dieser Position auf die linke Seite. Im ersten Spiel nach dem Wiederaufstieg in die Regionalliga schaltete er bei unserem Sieg in RW Essen Ente Lippens klar. Benno sich an meine Anweisung, nicht auf den Mann, sondern auf den Ball zu gucken.“ Nagerski erinnert an weitere Spieler. „Der Alex, wie wir ihn nannten, richtig hieß er Manfred Rüsing, der kam von Roland Dortmund. Er war hüftsteif, bat mich um zusätzliche Trainingseinheiten. Bekam er und er schaffte es über den VfL Bochum nach Nürnberg bis in die Bundesliga. Dieter Zorc, Stammverein TuS Eving, Profi in Bochum, Amateur-Nationalspieler, hätte bei seiner Begabung alles erreichen können. Für mich war Jupp Vogler der Torwart. Dahinter kamen Detlef Behrens und Horst Lanowski, wobei ich mir nie sicher war, ob der eine der beste erste oder der beste zweite Mann im Kasten war.“
„Wir haben guten Fußball gespielt, trauern dieser Zeit aber nicht nach. Das heutige Tempo gab es damals bei uns noch nicht. Und ich war nicht der Mann im Vordergrund. Für mich war die Mannschaft wichtig, die immer für mich durchs Feuer ging“, sagt der Mann, der inzwischen wegen seines Alters auf Langlauf- und Abfahrtsski, Bergsteigen sowie Krafttraining im Studio verzichten muss. „Das merke ich. Ich habe bedeutend weniger Muskulatur als früher.“
Es ist 15.20 Uhr. In zehn Minuten startet die Bundesliga. Borussia gucken. Einst aktiver Spieler und Trainer, heute mit fast 88 noch ein absoluter und fachkundiger Fußball-Fan. Bernd Janning

Zitat Nagerski
RW Lüdenscheid war für mich damals der professioneller geführte Verein. Als ich Ende der 50er Jahre zum LSV kam, erschrak ich über die einfachen Dusch- und Umkleidemöglichkeiten im Keller des Schützenhof-Gebäudes. Weiter fehlte mir eine Schusswand in einem Sandbeet. Beim Training auf Asche hätten sich die Keeper immer wieder vor den Spielen verletzt. In diesem Sand hat Jupp Vogler seinen Drill bekommen. Die Schusswand mit Sand und die neue Umkleide haben wir dann selbst gebaut. Die Spieler packten dabei auch während des Trainings mit an. Die Spieler haben damals geholfen, weil sie für ihren Verein Lüner SV durchs Feuer gingen.
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