Erol Sander: "Dorian Gray" im Theater Marl

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Sympathisch, humorvoll und nachdenklich: Erol Sander. (Foto: ST)
 
Er kann's noch: Vor seiner Schauspielkarriere arbeitete Erol Sander erfolgreich als Fotomodell für weltberühmte Modelabels. (Foto: ST)
Für immer jung und schön - aber dafür zahlt man einen schrecklichen Preis: Darum geht‘s in einer der berühmtesten Erzählungen von Oscar Wilde: „Das Bildnis des Dorian Gray“. Einfühlsam und mit Hilfe von Filmzitaten präsentiert der bekannte Schauspieler Erol Sander am 25. November im Theater Marl den packenden Klassiker.

Kerstin Piribauer hat sich mit Erol Sander über das „Das Bildnis des Dorian Gray“ unterhalten.

Was bewegt Sie, sich mit diesem Stück Weltliteratur auseinanderzusetzen?Erol Sander: Für mich persönlich ist Oscar Wilde einer der bedeutendsten Schriftsteller der Literaturgeschichte. Natürlich stelle ich den Roman in einen Kontext zu den Dingen, die in meinem Leben real erlebt habe, stelle einen Zusammenhang mit den Erfahrungen her, die ich gemacht habe. In meinem Verständnis beschäftigt Oscar Wilde sich in diesem Roman in erster Linie mit dem Hang des Menschen zum Narzismus und Heduismus.

Können Sie sich mit der Definition von Kunst als Spiegel oder Abbild der Realität identifizieren? Was bedeutet „Kunst“ für Sie?Kunst ist in meinem Denken unvergänglich. Der Moment, in dem Kunst entsteht, bedeutet für mich eine unsterbliche Emotion, die immer präsent bleiben wird. Das ist der Grund dafür, dass ich mir ein Bild kaufe, mir Kunst oder Filme anschaue. Auch der Film entsteht in diesem Moment der Emotion, die bestehen bleibt und nicht verlorengeht. Sie wird in 100 Jahren noch dieselbe sein wie heute. Und so kann man auch sagen, dass Oscar Wilde zeitlos und seine Kunst unvergänglich ist.

„Oscar Wilde klärt auf, hilft der Gesellschaft. Er ist natürlich kein Priester oder Missionar, aber ein Lehrer des Lebens. “

Was ist schön? Was bedeutet Schönheit im Roman? Für Sie?Natürlich bezeichnet Schönheit immer auch eine äußerliche Schönheit, da steht Oscar Wilde mir gedanklich schon sehr nah, denn ich habe ja im ästhetischen Bereich gearbeitet. Ich war in dieser Branche als Fotomodell tätig, als Schauspieler bin ich das heute im Grunde immer noch.
Trotz aller Kunst, aller Inhalte und Konflikte muss eine gewisse Ästhetik vorhanden sein, um die Menschen anzusprechen und zu unterhalten. Den Begriff „Schönheit“ in seiner Gesamtheit zu definieren, ist wirklich schwer.
Wahre Schönheit ist für mich meine Familie. Schönheit - das beinhaltet auch Glück, Zufriedenheit, Ausstrahlung.

Huldigt der Roman dem Ästhetizismus oder können wir hier nicht viel mehr eine scharfe Kritik an dieser Richtung erkennen? In meiner persönlichen Interpretation des Romans denke ich, dass Oscar Wilde sehr spöttisch mit dieser Thematik umgeht. Er beschränkt die Gesellschaft nur auf das Eine, auf das Ästhetische, das Äußere, das Vergnügen. Oscar Wilde war ein sehr kluger Mann, einer der ganz großen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Wenn ich seine eigene Geschichte und die Zeit, in der der Roman entstanden ist, betrachte, dann möchte ich sogar sagen, dass er die Gesellschaft warnt. Dorian Gray wurde akzeptiert, weil die Gesellschaft nur so funktionierte, es ging nur um das Äußere. Heute ist das nicht unbedingt sehr viel anders. Deswegen ist der Roman so zeitgemäß und ein zeitloses Stück Literatur. So muss es mir in der Lesung auch gelingen, das Publikum zu berühren, die Menschen, die eigene Erfahrungen in ihrem Leben haben.

Die Interpretationsgeschichte spricht immer wieder von der faustischen Komponente in Wildes Roman. Sehen Sie diese Parallelität auch? Das liegt auf der Hand und ist überall nachzulesen. Natürlich geht es auch in „Dorian Gray“ um das Übermenschliche: die unvergängliche Schönheit. Der Pakt mit dem Teufel, das ist das Bild, Faust ist Dorian Gray, Mephisto ist Lord Henry. Die faustische Komponente im Roman ist sehr leicht nachvollziehbar.

Die ausgeprägte innere Abwehr, den natürlichen und physiologischen Alterungs- und Reifungsprozess zu akzeptieren, wird sogar als „Dorian-Gray-Syndrom“ bezeichnet. Wie krank ist Dorian Gray?Dorian Gray ist nicht krank. Wenn jemand noch nie Schokolade gegessen, hat, weiß er nicht, wie Schokolade schmeckt. Hat er sie aber einmal genossen, weiß er das - und er wird jeden Preis dafür bezahlen, wieder Schokolade zu essen. Für mich ist Dorian nicht krank. Er ist wie ein Kind, verführt, und möchte dieses Glück weiterleben.

Wie stehen Sie zur Entwicklung einer zunehmenden Lebensreife? Liegt im bewussten Wahrnehmen dieses Prozesses nicht die eigentliche „Schönheit“ des Lebens?Wenn man jeden Tag das Gleiche erleben würde, dann wäre das Leben sehr lang-weilig. Wir sind geschaffen, um zu leben, zu lieben, uns fortzupflanzen. Es ist diese Evolution des Individuums, die das Leben ausmacht: Man hat eine jugendliche Erfahrungswelt, eine verliebte Erfahrung, man lebt sich aus, bis man irgendwann einmal die richtige Person findet und eine Familie gründet, die einen dann hoffentlich eines Tages auch zu Grabe trägt.
Ich glaube, dieser Zyklus mit all seinen Verschiedenheiten und Farben des Lebens ist sehr wichtig, und man sollte nicht versuchen, ihn zu unterbinden. Diese Erfahrungen, diese inneren Emotionen - das ist das Altern.

Kultur-Tipp: „Das Bildnis des Dorian Gray“, ein Abend mit Erol Sander,
Theater Marl, 25. November, 20 Uhr. Karten: 02365/99 43 10.


Über Erol Sander:
Vor seiner Schauspielkarriere war Erol Sander erfolgreich als Fotomodell für weltberühmte Labels wie Armani, D & G, Christian Dior.
Erol Sander wurde 1968 in Istanbul geboren. Mit fünf kam er nach Deutschland und lebte in München.
Der Schauspieler ist mit der Französin Caroline Godet (eine Nichte des Regisseurs Oliver Stone) verheiratet.
Neben Serien im deutschen Fernsehen („Sinan Toprak“, aktuell: „Mordkommmission Istanbul“, ARD) sind es auch internationale Kino-Produktionen, die ihn bekannt gemacht haben, darunter seine Rolle als Schah Mohammad Reza Pahlavi in „Soraya“. An der Seite von Angelina Jolie und Colin Farrell gab er in "Alexander" sein Kino-Debüt.
In der Rolle des Winnetou war Erol Sander bei den Karl-May-Festspielen ein Publikumsliebling.
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