Undercover Zeilen schinden

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(Foto: Knaur)
Oft, aber leider auch nicht immer, haben Roman-Erstlinge diesen ganz gewissen Reiz, wenn sie frisch, frech und überraschend sind. Alle drei Attribute kann man Andrea Hackenberg für "Abgeferkelt" zusprechen: Diese Liebesgeschichte - gepaart mit Kritik an den aktuellen Entwicklungen in der Verlagswelt - ist eine echte Entdeckung.

Wie Robert Redfort als Gefängnisdirektor in dem Film "Brubaker" (den Vergleich zieht die Hauptfigur selbst im Roman), der sich beim Dienstantritt unter die Häftlinge mischt, um hautnah zu erleben, welche Zustände in seinem Knast herrschen, genauso macht es Andrea Hackenbergs Heldin Kati: Sie heuert gezielt bei der Lokalzeitung in einen kleinen Kaff in der Lüneburger Heide als freie Mitarbeiterin an, die von dem Verlag herausgebracht wird, den sie unerwartet geerbt hat. Was ihre Chefs und festangestellten Kollegen aber noch nicht wissen.

Monster auf der Lauer

Die junge Frau, Journalistin bei einem Lifestyle-Magazin in der Main-Metropole Frankfurt, hat nämlich an ihren High Heels jede Menge Probleme kleben. Seelisch angeschlagen, lässt sie sich auf das Undercover-Abenteuer ein und es ist sehr vergnüglich zu lesen, welche Saúereien der ansehnliche, aber ätzende Chefredakteur und die Meute der alten Hasen mit der Neuen abziehen. Die weiß zwar alles über Make up und Nagellack, aber nichts über Schützenfeste, Wasserrutschen-Wettbewerbe und Turbo-Schweine-Züchter.

Kati landet buchstäblich im Mist, und sie erlebt binnen kürzester Frist Höhen und Tiefen des Lokaljournalismus: Die Massakierung ihrer Beiträge durch Redakteure bis zur Unkenntlichkeit, die verlässlichen Anrufe gewisser Leser mit dem Abo zum Nörgeln, Groß-Anzeigenkunden, die Einfluss auf die Berichterstattung nehmen wollen und das völlig normal finden. Die politischen Ränkespiele und den riesigen Medienkonzern, der wie ein feistes Monster vor den Toren des Städtchens darauf lauert, ihren kleinen Verlag mit einem Happs zu verschlingen.

Liebeserklärung an den Lokaljournalismus

Was sich hinter den Schlagwörtern "Synergieeffekte" und "Qualitätsjournalismus" verbirgt, erklärt Andrea Hackenberg in "Abgeferkelt" anschaulich: Man entlässt Personal, dampft Seitenumfänge ein und lässt die verbliebene Mannschaft für weniger Geld schuften. Oder man tauscht sie mit armen Schweinen aus, die bereit sind, für weniger Geld Zeitung zu machen. Natürlich alles zum Wohle der Leser.

Andrea Hackenberg gelingt es, Land und Leute lebendig zu beschreiben, aber die Lüneburger Heide ist eigentlich überall. Die Autorin, die beruflich als Redakteurin bei einem Fachmagazin arbeitet, hat den Blick für Situationskomik und das Absurde. "Abgeferkelt" ist ein echter Liebesroman um zwei verletzte Menschen und ein mit Herzblut geschriebenes Plädoyer für unabhängigen, unverzichtbaren, echten Lokaljournalismus.

Andrea Hackenberg: „Abgeferkelt“. Roman, Roman, 322 Seiten. Knaur-Verlag. ISBN 978-3-426-51114-5, 8,9
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