Die Sünden der Vorfahren

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Im Ruhrgebiet lässt es sich heute gut leben. Das war, zumindest in Bezug auf die Umwelt, nicht immer so. „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“, war eine Forderung aus dem Wahlkampf von Willy Brandt im Jahr 1961. Die Forderung war berechtigt. Die Älteren werden sich möglicherweise noch daran erinnern, dass man zuweilen die Wäsche nicht draußen aufhängen konnte, weil sie vom Ruß in der Luft schwarze Flecken bekam.

Das ist Vergangenheit. Mit dem Niedergang der Montanindustrie, aber auch den erhöhten Umweltschutz-Auflagen für die Industrie (Einsatz von Filteranlagen, Luftreinigungstechnologie, Standortverlagerungen ins Ausland) verschwand die Schwerindustrie von einst, die Kraftwerke wurden sauberer und allmählich verbesserte sich die Luftqualität im „Pott“.

Doch jetzt, Jahrzehnte später, holen uns die Folgen von Industrialisierung und Krieg wieder ein.

Aktuell weitet der Kreis Recklinghausen das Grundwassernutzungsverbot in Haltern-Sythen aus. Altlasten einer Sprengstofffabrik, die Anfang des vorigen Jahrhunderts auf dem Gelände der ehemaligen WASAG-Chemie produzierte, belasten das Grundwasser mit Giftstoffen. Die belastete Grundwasserfahne breitet sich langsam, aber unaufhaltsam in Richtung der Halterner Stauseen aus dem Trinkwasserreservoir für eine Million Menschen im „Revier“.

In Teilen von Herten-Langenbochum gilt ebenfalls ein Grundwassernutzungsverbot. Dort haben Einleitungen polycyclischer aromatischer Kohlenwasserstoffe (PAK) ins Erdreich das Grundwasser verseucht.
Eine Spätfolge von Notmaßnahmen der Kriegsjahre, als bei Bombenangriffen vorsorglich alle brennbaren Flüssigkeiten abgelassen wurden. Zur PAK-Belastung auf dem Gelände der ehemaligen Kokerei-Halde in
Herten-Westerholt schweigen sich die Verantwortlichen hartnäckig aus.

Das ehemalige Ruhrzink-Gelände in Datteln ist ein weiteres Beispiel der Folgen jahrzehntelanger Kontamination mit Giftstoffen.

In den Städten des heutigen Kreises Recklinghausen gab es einstmals zehn Kokereien, sowie zahlreiche Chemiebetriebe, die wie die chemischen Betriebe Hüls zum Beispiel synthetischen Kautschuk für die Rüstungsindustrie herstellten. In den Kriegsjahren gehörte es tatsächlich zu den gängigen Sicherheitsmaßnahmen, bei Luftangriffen brennbare Flüssigkeiten/Chemikalien einfach ins Erdreich abzulassen (vgl. Dreyhaupt, VDI-Lexikon Umwelttechnik, 1994). Es kann also kein Zweifel bestehen, dass es im Kreis Recklinghausen noch weitaus mehr PAK-belastete Böden geben könnte als nur diejenigen, wo die Grundwassernutzung bereits offiziell verboten wurde.

Dazu kommt: unter den Füßen der Einwohner des Ruhrgebiets hat die Ruhrkohle AG tonnenweise Giftmüll in stillgelegten Zechenstollen eingelagert. Das Unternehmen behauptet natürlich, diese Lagerstätten seien sicher und verfüllt. Umweltaktivisten, aber auch Experten bezweifeln das.
Die RAG fährt das Abpumpen von Grundwasser aus ihren stillgelegten Stollen immer weiter zurück. Das lässt den Grundwasserspiegel ansteigen. Es steht zu befürchten, dass dadurch früher oder später solche unterirdischen Giftmüll-Deponien absaufen und das Grundwasser kontaminieren.

Die größte heute schon aktive Giftschleuder steht direkt an der Grenze zu den Kreisstädten Marl, Gladbeck und Herten: Die Anlagen der BP in Gelsenkirchen-Scholven pusten immer wieder benzolhaltige Abgase in die Luft.

All das wäre eigentlich Anlass genug für ein reges Engagement der einstmaligen „Ökopartei“ Bündnis 90/Die Grünen. Doch von denen hört man mit Bezug auf diese Altlasten nur ein seltsames Schweigen. Stattdessen arbeiten sich die Grünen lieber an Fragen ab wie der korrekten Nutzung von Wegen durch Freizeitreiter im Castrop-Rauxeler Wagenbruch oder der Fuchsjagd im Kreis Recklinghausen. Für den Koalitionspartner in der Landesregierung haben die Interessen der Konzerne offenbar Vorrang. .

Dabei betreffen die genannten Themen nicht nur unsere Gegenwart, sondern auch die Zukunft unserer Kinder. Es wird Zeit, hier ganz deutlich Position zu beziehen.


Blog der Piratenpartei Recklinghausen
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