Gedenkfeier in Marl : 27. Januar, Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren

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Rolf Abrahamson
 
Winfried Nachtwei

Applaus für Rolf Abrahamson: Der einzige Überlebende des Holocaust aus Marl hatte bei der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus spontan das Wort ergriffen und zu den Jugendlichen gesprochen, die von ihrer Spurensuche in Riga berichteten.

Einladung zum Gespräch


Abrahamson, gerade wieder genesen, hatte es sich nehmen lassen, an der Gedenkfeier der Stadt Marl teilzunehmen. Der fast Neunzigjährige hat das Ghetto in Riga überlebt und bereicherte den Bericht der Jugendlichen mit einigen eigenen Erfahrungen. „Als wir am 1. Februar im Ghetto ankamen, stand gefrorenes Essen auf dem Tisch. Erst später erfuhren wir, dass das Essen für die lettischen Juden bestimmt war, die im Wald von Birneki erschossen wurden, damit wieder Platz im Ghetto war“. Er bedankte sich bei den Jugendlichen für ihr Engagement und lud sie zu einem Gespräch über seine Erlebnisse in der NS-Zeit ein.

Bewegende Spurensuche im Ghetto von Riga


Im Oktober hatten sich acht Jugendliche bei einer Gedenkstättenfahrt nach Riga mit Christian Grube vom Jugendkulturzentrum „KunterBuntes Chamäleon“ und der städtischen Integrationsbeauftragten Jennifer Radscheid auf eine emotional bewegende Suche nach den Spuren der Juden gemacht , die im Januar 1942 zusammengepfercht in unbeheizten Güterwagen von Gelsenkirchen nach Riga deportiert worden waren, darunter die Familien Boldes und Abrahamson aus Marl. Mit persönlichen Statements und einem eindrucksvollen Film berichteten sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer über ihre Eindrücke, die „schrecklichen Lebensbedingungen im Ghetto“ und die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki, wo insgesamt 25.000 ermordet wurden.

"Riga wurde zum Auschwitz für die westfälischen Juden"


Initiator und Mitbegründer des Deutschen Riga-Komitees, das die Gedenkstätte Riga-Bikernieki unterhält, ist Winfried Nachtwei. Er schilderte in einer beeindruckenden Rede den qualvollen Alltag im Ghetto („Es war zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben“) mit unerträglichen Arbeitsbedingungen, Erschießungen und 55 Massengräbern, die er bei einem Besuch gezählt hatte, als es die Gedenkstätte noch nicht gab. Aus dem nördlichen Ruhrgebiet seien insgesamt 938 Juden nach Riga deportiert, die dort fast alle zu Tode kamen. „Riga wurde zum Auschwitz für die westfälischen Juden“. Die Gedenkstätte gebe den Opfern ihre Individualität zurück und spanne „ein lebendiges Band der Erinnerung“ über Nationen und Generationen hinweg. Die Gedenkstätte sei „Anstoß und Verpflichtung“, die Augen gegen „Rassismus, Gruppenhass und Völkermord“ nicht zu verschließen. Nachtwei: „Jeder einzelne soll seine Möglichkeiten dazu nutzen“.

Menschenverachtende Tyrannei nie wieder zulassen


Zu Beginn der Gedenkfeier hatte die Stadt Marl im gut besetzten großen Sitzungssaal die Bedeutung der Erinnerungsarbeit herausgestellt. Wir wollen nicht unser Entsetzen konservieren. Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind, so der ehemaligen Bundespräsident Roman Herzog, der 1996 den 27. Januar – den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren - zum offiziellen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus bestimmt hatte. Der Gedenktag ermahne uns, „die Erinnerung aufrecht zu erhalten, nicht weg zu sehen, und eine solche menschenverachtende Tyrannei nie wieder zuzulassen“. Auch folgende Generationen dürfen nie vergessen, wie viel Schaden und Schrecken durch Rassismus und Diskriminierung entstehen kann.

Nationalistische Parolen


Dass auch heute noch Parolen mit nationalistischen und auch antisemitischen Parolen in Marl zu lesen sind, haben Schülerinnen und Schüler des ASGSG herausgearbeitet. Sie hatten, angeregt von einer internationalen Jugendbegegnung in Kreisau in Polen, politisch motivierte Schmierereien in Marl untersucht und ihre Ergebnisse in der Gedenkfeier vorgestellt.

Nachdenkliche und einfühlsame Lieder


Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeier von Frauen InTakt und Brigitte Braunstein am Klavier, die mit nachdenklichen und einfühlsamen Liedern zu einer bewegenden und gelungenen Gedenkfeier bei. Vor der Gedenkfeier hatten Pfarrer Ulrich Walter und Pfarrer Herbert Roth einen ökumenischen Gottesdienst gestaltet.
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