Marler Jugendpsychiatrie: Möbel statt Drogen

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Das Probesitzen der angehenden Erzieherinnen Elena Ebert und Anne Stebner mit Manfred Fechtner bestätigte den ausgezeichneten Sitzkomfort. (Foto: ST)
 
Cool! Das eigene „Tag“ in die Sofalehne geschnitzt. (Foto: ST)
Marl: Kinder- und Jugendpsychiatrie |

Die jungen Patienten sind in Marl-Sinsen eigentlich nicht untergebracht, um handwerkliches Geschick zu lernen. Sie leben in der Drogenentwöhnungsstation. Sie versuchen, ihr Leben wieder ohne Rauschmittel in den Griff zu bekommen. Doch manchmal geschehen Dinge, da muss man auch mal anpacken.

Wie zum Beispiel, als die Wohnzimmereinrichtung den Geist aufgab. Da dachten sich Team und Patienten der Station „Spurwechsel“: „Selbst ist der Mann und die Frau.“ Sie bauten einfach selber neue Möbel.

Das gemütliche Wohnzimmer mit XXL-Sofa und Flachbild-TV ist beliebter Treffpunkt am Abend. Man relaxed und lässt den Tag gemeinsam ausklingen.
Da unterliegt gerade das Sofa ziemlichen Belastungen. Immerhin leben im Schnitt acht bis zehn Patienten im Alter von 14 bis 20 Jahren für bis zu vier Wochen auf dieser Station, der Marler Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Klar, dass eine herkömmliche Couch solchen Beanspruchungen nicht ewig standhält.

Team von "Spurwechsel" baut mit Europaletten


Manfred Fechtner, kreativer Geist und Mitarbeiter im Pflege- und Erziehungsdienst auf „Spurwechsel“, hatte die zündende Idee, selbst Möbel zu bauen. Europaletten als Basis der Sitzmöbel sollten dabei für die notwendige Robustheit und den stylischen Chic sorgen.

Den entsprechenden Bauplan sowie gebrauchte Europaletten gab‘s im Internet. Schnell konnte Fechtner das Team der Station samt Stationsleiter Willi Bussmann für sein Projekt begeistern. Auch zehn junge Hobbyschreiner aus Patientenkreisen waren zügig am Start. Zwei Monate lang hämmerte, sägte und schraubte das Kreativteam, bis aus den nackten Paletten eine gemütliche Wohnlandschaft wurde.

Patienten stolz auf selbstgefertigtes Wohnzimmer


Auf das Ergebnis sind alle Beteiligten mächtig stolz. Deshalb haben auch einige Jugendliche ihr „Tag“ als eine Art individuelles Markenzeichen in die hölzerne Rückenlehne der Garnitur geritzt - mit entsprechender Erlaubnis natürlich.
„Echt cool, dass wir das so hingekriegt haben“, bringt es Sven (Name geändert) auf den Punkt. Der 16-Jährige kam vor knapp einem Monat auf die Station, um seine Cannabis-Sucht zu überwinden. Und auch der Projektleiter freut sich über den tatkräftigen Einsatz seiner Gruppenmitglieder.

„Diese Aktion hat unseren Jugendlichen eine wertvolle und positive Erfahrung beschert. Sie haben etwas aus eigener Kraft geschaffen, haben kleinere Rückschläge bewältigt und als Team funktioniert“, so Stationsleiter Willi Bussmann, der weiter die positive Wirkung erklärt: „So ein Erlebnis gibt auch Mut und Selbstvertrauen für den derzeitigen Spurwechsel in ihrem Leben, weg von der Drogenschiene!“

Hintergrund


Das Team der Station „Spurwechsel“ bietet therapeutische Hilfe für Patienten im Alter von 14 bis 20 Jahren, die an einer akuten Drogensucht leiden. Grundvoraussetzung ist die Freiwilligkeit und der Wille zur Veränderung. Am Anfang des Aufenthaltes steht eine körperliche Entgiftung. Danach kann sich eine individuelle Therapiephase anschließen. Diese umfasst unter anderem, eine Gruppentherapie, eine Gesprächstherapie und eine Sporttherapie. In der Marler LWL-Klinik bekommen pro Jahr durchschnittlich 120 junge Menschen therapeutische Hilfe auf der Drogenentzugsstation „Spurwechsel“.
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