Plädoyer für die Beziehungspflege

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Wir pflegen unzählige Beziehungen in unserem Leben – Beziehungen zu unseren Eltern, Geschwistern, Großeltern, Kindern, Verwandten, Freunden, Kollegen, Nachbarn.
All diese Beziehungen begleiten uns im Leben – sie verändern sich mit der Zeit, manche werden intensiver, andere bleiben oder werden oberflächlich, wieder andere verlaufen im Sande oder werden gar bewusst beendet. Manchmal sind es die äußeren Umstände, manchmal Missverständnisse und mangelnde Kommunikation, manchmal verändern sich die Menschen und es passt einfach nicht mehr.
Ein besonderes Augenmerk jedoch legen wir auf die Beziehung zu unserem Partner – diese Beziehung soll möglichst „perfekt“ sein und im besten Fall ein Leben lang halten. Entsprechend sind die Erwartungen an die Beziehung und den Partner sehr hoch gesteckt. In der Phase des Kennenlernens, im Beziehungsfrühling, ist sie auch nahezu perfekt – dafür sorgen schon allein die Hormone und unsere Idealvorstellung, für die wir auch gern das eine oder andere Auge zudrücken. Wir sehen unseren Partner so, wie wir ihn sehen wollen – leider nicht so, wie er tatsächlich ist. Sicher – in der Phase des Kennenlernens ist jeder Einzelne bestrebt, sich selbst möglichst perfekt und passend darzustellen. Das erschwert den neutralen Blick auf das Gesamtgeschehen zusätzlich.
Ist nach ca. einem bis 1,5 Jahren die Phase der Verliebtheit vorbei und dem gelebten Alltag gewichen, ist auf beiden Seiten durchaus eine gewisse Ernüchterung festzustellen. Der idealisierten Vorstellung von Partnerschaft folgt nun der Praxisschock. Unausgesprochene Erwartungen, Projektionen auf den Partner, tabuisierte Dinge, die bisher dem Gesetz der Harmonie folgten – all dies kann zu Frustration, Enttäuschung, Missverständnis und schließlich Streit bzw. Unverständnis führen.
Ist die Phase der ersten Verliebtheit erfolgreich absolviert, gilt es auf der vorhandenen Basis aufzubauen. Die nächste Phase – die Familienphase (bei anderen Lebensentwürfen ergeben sich teilweise ähnliche Problematiken, teilweise sind sie abweichend, vor allem wenn es sich um kinderlose Paare oder nicht um die erste Beziehung – evtl. auch Patchworkfamilie - handelt) - schließt sich nun an – und das junge Paar gerät in die Turbulenzen des Familienlebens. Plötzlich ist alles anders – die Verantwortung ist groß, die Leichtigkeit irgendwo unterwegs verloren gegangen. Das Paar als solches bleibt oft im Chaos von Kindererziehung, Haushaltsorganisation, Geldsorgen und den eigenen- nun - unausgelebten Ansprüchen auf der Strecke. Die Kommunikation wird zum Austausch von organisatorischen Notwendigkeiten und gewohnheitsmäßig heruntergespulten Interessensbekundungen am Erleben des anderen. Wirkliches Miteinander, echtes Interesse am anderen und Achtsamkeit für die eigenen Bedürfnisse gehen im Alltagsstress unter.
Spätestens jetzt ist es höchste Zeit für die Beziehungspflege. Leider verpassen viele Paare den Zeitpunkt und finden sich im Strudel eines scheinbar unaufhaltsamen Abwärtstrends wieder. Die Chance, selbst aus dem Dilemma zu entkommen ist gering – mit einem gemeinsamen Kinobesuch oder einem romantischen Candle-light-dinner ist es leider – zumindest langfristig - nicht getan.
Hier setzt die Paartherapie an – Veränderungen sollen langfristig greifen und das kann nur auf der Grundlage des z. B. gegenseitigen Verstehens gelingen. Je nach Problemlage wird die Therapie/Beratung auf jedes einzelne Paar abgestimmt. Am Anfang wird die aktuelle Situation geschildert und beleuchtet, das Kommunikationsverhalten analysiert und möglichst zielgerichtet umstrukturiert. Weiterhin werden die noch vorhandenen Ressourcen ermittelt und nach und nach aktiviert. Ein Blick in die Vergangenheit des Paares gibt weiter Aufschluss über die Ursachen der aktuellen Problematiken – welche Dinge aus der Paarvergangenheit sind noch nicht geklärt, welche Enttäuschungen stehen unausgesprochen im Raum, welche Bedürfnisse und Wünsche der einzelnen Partner sind vorhanden und wie kann der jeweils andere damit umgehen. Je nach Situation kann es sinnvoll sein, die Vergangenheit beider Partner zu beleuchten – welche Dinge sind in der Ursprungsfamilie wichtig gewesen, welche Werte wurden gelebt und weiter gegeben, welche Rituale gab es, welche Verletzungen, was wurde vorgelebt und wie wurde das damals von dem Partner bewertet und wie heute?
Gearbeitet wird in der Paartherapie mit intensiven Gesprächen, diversen Interventionen und in der Regel aufschlussreichen Übungen. Der Therapeut ist nicht Ratgeber, wie Freundin oder Freund, sondern ständiger neutraler Begleiter im Prozess der Selbstfindung der einzelnen Partner und der Neu-Definition der Paarbeziehung. Das Ergebnis der Therapie/Beratung ist dabei offen – von dem Paar, welches eigentlich zur Trennung entschlossen ist, weil es keinen Lichtblick mehr sieht, sich die Entscheidung aber noch nicht eingestehen will – und dann gemeinsam in eine neue Runde der Beziehungsarbeit startet bis hin zu dem Paar, welches nur einen kleinen Schubs in die passende Richtung braucht oder auch zu dem Paar, welches sich schlussendlich trennt ist alles möglich. Der Therapeut bietet den sicheren und stabilen Rahmen, in dem das Paar auf den Grund der Beziehung sehen kann und mit neuen Erkenntnissen teilweise befreit von alten Lasten seinen Weg weiter gehen kann.
Leider ist die Meinung, dass Paartherapie „nichts bringt“ noch weit verbreitet. Viele würden diesen Schritt nicht gehen, obwohl sich anscheinend langsam ein Wandel im Denken abzeichnet. Der Wunsch heute Partnerschaft möglichst gleichberechtigt zu leben (verändertes Rollenverständnis der Partner), die gestiegenen Ansprüche an das Leben und das Glück, die zunehmende Offenheit gegenüber alternativen Methoden und Ansätzen, bringt doch mehr und mehr Paare dazu, sich der Herausforderung Beziehung auch in problematischen Situationen zu stellen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Paare, die eine Therapie versucht haben, äußern sich über Erfolg oder Nicht-Erfolg sehr unterschiedlich, scheinbar auch abhängig von der Qualität des Therapeuten. Messbare Ergebnisse, also wieviel Prozent der Paare trennen sich bzw. wievielen Paaren kann eine Therapie zu einer Weiterführung oder Verbesserung der Beziehung führen, sind wie meist in der Psychotherapie nicht wirklich nachweisbar. Lt. Jochen Rögelein, 2013 „…trennen sich Paare auch im Verlauf einer Paartherapie, aber auch diese Trennung ist dann "geklärt". Bei etwa 30 % der Paare ist das der Fall. Deutlich über 50 % der Paare profitieren von einer Paartherapie im Sinne von gewünschten Veränderungen, ein kleinerer Teil bleibt weiter in konflikthaften Strukturen, aber auch das hat u. a. den Vorteil, dass diese Situation für das Paar berechenbarer ist als mögliche Veränderungen, die auch eine Herausforderung, Bedrohung oder Überforderung darstellen können,…“
Aber wie will man auch den Erfolg einer Paartherapie definieren. Ist es erfolgreich, wenn sich ein Paar nicht trennt und weiterhin gemeinsam leidet oder ist es erfolgreich, wenn ein Paar sich trennt und jeder einzelne zufriedener seiner Wege geht? Wie auch immer die Paartherapie ausgeht, eine Bereicherung für alle Beteiligten ist es auf jeden Fall, da eine möglichst fortlaufende Auseinandersetzung mit sich selbst, dem Partner und der Paarbeziehung als Voraussetzung für eine erfüllte Partnerschaft angeregt wird. So kann Partnerschaft gelingen.
Der Bedarf an Beratung/Therapie im Bereich der Paarbeziehungen nimmt stetig zu. Die gestiegenen Ansprüche an das eigene Leben und damit auch an die Beziehung, die heutigen beiderseitigen vielfältigen Entwicklungs-, Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten und das immerwährende Streben nach Harmonie und Beständigkeit sind in sich schon schwer vereinbar, und die Umsetzung in der Realität ist eine immerwährende Aufgabe, die mit viel Kommunikation, Achtsamkeit, Toleranz, Respekt, Verständnis und bestenfalls auch Humor verbunden ist. Manchmal braucht es dabei aber auch ein wenig Unterstützung von außen.
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