Bunte Wegbereiter – Der Bunte Tisch Moers e.V. zieht Bilanz zur eigenen Flüchtlingsarbeit

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Das Foto zeigt (hinten, v.l.n.r.) Sobhie El Mostrah, Nemat Karbbani, Mahmoud Karbbani, Marion Bartel, Helga Dörpinghaus und (vorne, v.l.n.r.) Monika Liermann, Adell Sliwa, Hayat Ketfi, Amar Azzoug. (Foto: Stefanie Rink)
Seit Februar 2015 koordiniert Der Bunte Tisch Moers e.V. im Auftrag der Stadt die hiesige Flüchtlingsarbeit. Doch wie diese Koordinierung aussehen sollte, wusste niemand genau – eine Pionierarbeit.

Es gab einiges zu tun, als letztes Jahr eine ungeahnte Anzahl von Menschen aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland und damit auch nach Moers kamen, was wiederum viele ehrenamtliche Helfer mobilisierte. „Aus anfänglichem Chaos bildete sich mit der Zeit ein wegweisendes Konzept, das aus vier Bausteinen besteht“, so der erste Vorsitzende des Bunten Tischs, Amar Azzoug.

Der erste grundlegende Baustein sei ein funktionierender Informationsaustausch. Ehrenamtler müssten Hintergrundwissen erlangen, um den Flüchtlingen richtig helfen zu können. „Auf Flüchtlingskonferenzen erhält die Bevölkerung in den verschiedenen Stadtteilen einen Anlaufpunkt, der dem Austausch dient und die Arbeit der Koordinierungsstelle bekannt machen soll“, erzählt Azzoug.

Als zweiter Baustein sei die Koordinierung der Hilfe beziehungsweise der Ehrenämter nötig. „Denn so viele Menschen boten ihre Arbeitskraft an, dass noch heute 200 auf einer Warteliste stehen“, schildert Azzoug. Die Koordinierung dauere einige Monate, aber Interessierte sollten nicht frustriert sein. Mit etwas Geduld könne sich jeder mit seinen Fähigkeiten einbringen. So erging es auch den Ehrenamtlichen Marion Bartel, die mittlerweile im administrativen Bereich die Flüchtlingshilfe unterstützt, Helga Dörpinghaus, die Wohnungen für Flüchtlinge vermittelt und Sobhie El Misstrah, die eine Näh- und Kreativgruppe etablierte. Mit dem Projekt „Kompass“ bietet Monika Liermann den Flüchtlingen eine Orientierungshilfe im deutschen Alltag. Für die Hilfe in Form von Sachspenden hat sich eine einfachere Vermittlung über die selbst veranlasste und inzwischen überarbeitete Plattform, „moers-hilft.de“, bewährt.

Durch mittlerweile 20 über die Stadt verteilte Sprachkurse, eine internationale Förderklasse am Berufskolleg für Technik und Projekte zur Umschulung ist ein Schwerpunkt in Sachen Jugend und Bildung entstanden, der den dritten Baustein darstellt. Bildung sieht Azzoug als „Priorität für die Zukunft“. Auch den Menschen ohne Bleibeperspektive soll ein neuer Start in der Heimat durch Bildung und sogenannte Mikrokredite ermöglicht werden. Im Rahmen des Bildungsaspektes entstand auch das zukünftige Projekt des Ehepaares Karbbani. Sie sind mit ihren Kindern aus Syrien vor dem Krieg geflüchtet und vermitteln nun, als gelernte Juristen, anderen Flüchtlingen das Deutsche Grundgesetz auf Arabisch. Azzoug: „Flüchtlinge lernen so, dass sie Pflichten, aber auch Rechte haben.“

Die Begegnung und Sensibilisierung ist der vierte und letzte Baustein zu einer gelungenen Integration. Es sei „wichtig, dass Menschen sich begegnen, denn nur so können hinderliche Vorurteile abgebaut werden“, bemerkt Azzoug. Dafür gibt es Sportkonferenzen und Begegnungsprojekte. Beim Neukirchener Erziehungsverein etwa kamen Jugendliche auf die Idee, demnächst mit unbegleiteten Flüchtlingen gemeinsame Abende zur Fußball-Europameisterschaft zu gestalten, um sich kennen zu lernen und voneinander lernen zu können.

Mit dem Konzept dieser vier Bausteine hat sich ein weites Netz gebildet, in dem sich viele wichtige Projekte und Ideen verwirklichen lassen. Dabei unterstützt die Stadt Moers den Verein mit 30.000 Euro pro Jahr und einer Vollzeitstelle, die sich Hayat Ketfi und Adell Sliwa teilen. Auch Unternehmen und Stiftungen, wie die Freddy-Fischer-Stiftung, helfen. „Doch vor allem ohne das Engagement ehrenamtlicher Helfer wäre dieser Prozess nicht möglich gewesen“, bekräftigt Amar Azzoug. „Es muss außerdem stetig und nachhaltig in Integrationsarbeit investiert werden, da sich die Weltproblematik nicht von einem auf den anderen Tag ändern wird. Krisenherde wird es immer geben, also auch Flüchtlinge.“ Für die Zukunft wünscht er sich „interkulturelles Denken und Eine-Welt-Politik“ sowie eine Gesellschaft, die die wertende Bezeichnung „Flüchtling“ ablegt und sie stattdessen als Zuwanderer sieht. Durch diese Bereicherung ist Der Bunte Tisch Moers e.V. eine Institution kultureller Vielfalt und gegenseitigen Respekts geworden. Das Konzept geht auf.
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