Erfolg "mit Füßen getreten": Der Moerser Tom Strauch vom Label Switchstance Recordings über das moers festival

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Das Wochen-Magazin befragte den ehemaligen Moerser Tom Strauch als Musikexperten zum moers festival. (Foto: Mariam Katongole)
 
Das Duo Ancient Astronauts (vorne Tom Strauch) hatte auch einmal die Ehre, zusammen mit Funkhaus Europa Mastermind Francis Gay, bei den Parties des moers festivals aufzulegen. Foto: www.yaggiphotography.com

Mit alten Freunden aus Moers und Duisburg hat Tom Strauch 2001 das Label Switchstance Recordings ins Leben gerufen. Als er aus seiner alten Heimat hörte, welche Schlagzeilen das moers festival machte, nahm der Profi im Musikbusiness mit dem Wochen-Magazin Kontakt auf. Wir befragten ihn zu den Anfängen des Festivals und zur Entwicklung, die es nahm.

Wochen-Magazin: Wie haben Sie in Köln von der Festival-Krise, die dank Bundesmitteln und einer Bürgschaftserklärung der Stadt Moers bewältigt ist, erfahren?

Tom Strauch:
Ich habe Ihren Artikel gelesen. Ich musste schon ein wenig schmunzeln dabei. Man muss sich nicht wundern, wenn ein Festival, das sich durch Jazz und groovigen Sound (und vor allem durch das Booking von Burkhard Hennen) einen international respektierten Namen gemacht hat, nach einem Wechsel in der Leitung zu einem Improvisations-Festival umgebaut wird und dann den Bach runter geht.

Wochen-Magazin:
Warum muss man sich da nicht wundern?

Tom Strauch: Das erste Problem, das sich die Stadt Moers selber gemacht hat, war, das Altersheim an den Park zu bauen, direkt gegenüber des Parkplatzes. Wer sich noch ein bisschen an die Geschichte des Festivals erinnert, der weiß, dass gerade das Nachtleben des Festivals im gesamten Park das Festival ausgemacht hat. Beim Jazz Festival war der ganze Park das Festival, nicht nur das Zirkus-Zelt. Und genau das haben wir Moerser daran so geliebt. Aber nachdem das Altersheim nun am Park gelegen war, gab es Druck auf das Festival.

Wochen-Magazin:
Aber es gab nicht nur positive Nachrichten.

Tom Strauch:
Natürlich waren über die Jahre auch viele Leute immer in den Park gezogen, die nichts mit dem Festival am Hut hatten und eher dem Vibe des Festivals etwas Negatives verliehen. Es gab viele, die einfach nur zum Saufen kamen, zum Klauen oder um sich über „Hippies“ zu amüsieren und Streit und Schlägereien anzufangen. Ja, es gab sogar einen Toten, der beim damaligen Techno Sound-System abgestochen wurde. Aber anstatt diesen Problemen kreativ zu begegnen, denn schließlich war das Jazz Festival DAS Aushängeschild, sozusagen die Visitenkarte der Stadt Moers, wurde den Leuten im Park einfach der Saft abgedreht. Ab 24 Uhr keine laute Musik mehr im Park und ein generelles Generator-Verbot. Das war einer der Todesstösse ins Herz des Festivals.

Wochen-Magazin: Was hätte man anders machen können?

Tom Strauch: Dieses musikalische Miteinander nachts im Park war der Puls des Jazz Festivals. Man hätte dem Problem der Störenfriede und kriminellen Handlungen relativ einfach begegnen können, indem man den Camping- und Party-Bereich des Festivals eingezäunt hätte und nur Personen mit einem Festival-Camping-Ticket Einlass gewährt hätte.

Wochen-Magazin: Welche Auswirkung hatte Ihrer Ansicht nach der Wechsel in der Leitung für das musikalische Programm?

Tom Strauch: Na ja, als erstes wurde direkt die African Dance Night abgeschafft. Diese hatte sich gerade beim niederrheinischen Publikum zu einem der Highlights des Festivals entwickelt. Egal, weg damit. Es wurde dann einmal der Versuch gestartet, das Publikum, das Lust auf nächtliche Parties hat, mit ausgelagerten Parties im Motel Van der Valk zu unterhalten. Wir hatten mit unserem Duo Ancient Astronauts auch einmal die Ehre, zusammen mit Funkhaus Europa Mastermind Francis Gay, dort bei den Parties aufzulegen. Als wir dann einmal zu einem der Vor-Konzerte des Festivals im Moers-Theater am Schloss eingeladen wurden, konnte ich nicht glauben, was für eine Musik dort vorgeführt wurde.

Wochen-Magazin: Was meinen Sie damit genau?

Tom Strauch: Ich bin wirklich offen für entspannte Musik, neue Richtungen, Improvisationen et cetera. Aber grooven muss es für mich. Und Groove hat nichts mit Tempo zu tun. Als ich hörte, ein skandinavischer Jazz Multi-Instrumentalist kommt mit allen möglichen Samplern und Sequencern und spielt seine eigenen Samples ein und baut daraus neue Klang-Gebilde, da klang das für mich sehr interessant und ich hätte nie erwartet, wie einschläfernd und lachhaft diese Vorführung sein würde.

Wochen-Magazin: Musikalisch befindet sich Ihr Label zwar nicht direkt auf der gleichen Wellenlänge des damaligen Festival-Sounds, dafür gibt es aber viele Überschneidungen wegen der Funk-, Jazz- und Afrobeat- Einflüsse. Ihr Label ist seit 15 Jahren erfolgreich. Was hätten Sie anders gemacht?

Tom Strauch:
Dieses Festival wurde groß durch Free Jazz, groovigen Jazz und alles Artverwandte. Über die Jahre verschwand der Free Jazz und es konzentrierte sich im allgemeinen auf Jazz, und das in seinen unterschiedlichsten Formen. Und es kamen nach und nach auch Hip Hop-Einflüsse mit auf die Bühne. Der Niederrhein und das Ruhrgebiet waren stark, was den Hip Hop anging. Mad Flava aus Moers haben den ganzen Niederrhein bis tief in den Ruhrpott mit Hip Hop-Vinylen und Konzerten beliefert. Da fragt man sich, wieso man auf genau diesen Stellenwert des Hip Hop nicht eingegangen ist und mehr Künstler eingeladen hat, die Jazz mit Hip Hop kreuzen. Ein Publikum dafür hätte es gegeben in und um Moers herum.
Stattdessen gab es Konzerte zu sehen, die einem die Kinnlade runterzogen. Ich kann mich erinnern an eine Band aus Japan. Deren Gesichter bekam man eigentlich nicht zu sehen, da sie mit ihren megalangen Haaren nur am Moshen waren. Ihre Musik? Metal.

Wochen-Magazin: Glauben Sie wirklich, dass das Festival weiter erfolgreich geblieben wäre, auch ohne große konzeptionelle Veränderungen?

Tom Strauch: Natürlich muss sich jedes Festival auch weiter entwickeln. Keine Frage. Aber wieso ist dieses Festival so berühmt und beliebt geworden? Wegen der Art von Musik, die dort präsentiert wurde und durch das nette, musikalische Miteinander im Park. Und genau diese beiden Aspekte wurden von den Veranstaltern mit Füßen getreten.
Jazz und Funk und Afrikanische Musik sind ja auch nur Sparten-Musik, eine Art weltweit akzeptierter und respektierter Underground-Musik. Es ist schon schwierig genug in diesen Zeiten, in denen auf fast allem Pop drauf steht, mit solch einer Musik Gehör zu finden und ein Festival zu füllen. Da müssen natürlich moderne Kombinationen und Ansätze her. Aber mit Improvisations-Musik in Moers am Niederrhein ein Festival umgestalten zu wollen, ist wirklich realitätsfremd in meinen Augen. Natürlich geht alles mit öffentlichen Fördergeldern, die man verschleudern kann. Aber selbst solchen Finanz-Konstrukten sind Grenzen gesetzt. Wie man ja jetzt an der Moers Kultur GmbH sehen kann.
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