Marimba, Pfannkuchen und Meerschweinchen vom Grill

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Für Carolina eine der schönsten Strände in Ecuador: auf der Insel Musine.
 
Eine ecuadorianische Spezialität: „Cuy“ (Meerschweinchen). Seit den Inka-Zeiten ein Festmahl in den Anden. Die Tiere werden nach dem Schlachten gewürzt und auf einem Spieß über glühender Holzkohle langsam drehend gegrillt. Die Cuys werden Ihnen besonders in Ambato, Riobamba und Cuenca angeboten.
 
Musine Fotos: privat
 
Musine
Sorglos durch die Straßen zu gehen, ohne Angst haben zu müssen, ausgeraubt zu werden: Das vermisst Carolina Lottkus im fernen Ecuador schon. Seit einem dreiviertel Jahr berichtet der Lokal-Kompass vom Alltag der 20-jährigen Neukirchen-Vluynerin, die auszog, um ein Jahr in einer der ärmsten Gegenden Ecuadors zu leben und zu arbeiten.

Neuerdings sieht man in ihrem Internet-Blog das Foto eines blonden Mädels, das unbeschwert durch die niederrheinischen Weiten radelt. Zu sehen ist die die Neukirchen-Vluynerin selbst, bevor sie sich vornahm, in dem Dritte-Welt-Land jungen Ecuadorianern Deutsch beizubringen und in einer Kindertagesstätte eines SOS-Kinderdorfes zu arbeiten. In zweieinhalb Monaten wird sie, reich an Erfahrungen, einer sicherlich anderen Sicht auf das Leben und mit perfekten Spanischkenntnissen zurückkehren. Obwohl sie die Entscheidung, nach Ecuador zu gehen, niemals bereut hat, freut sie sich darauf, wieder ins „Erste Welt Land“ Deutschland zurückzukehren und den Luxus der Sicherheit und der Geborgenheit wieder genießen zu dürfen. Sie fühle sich so wohl, aber gleichzeitig auch manchmal total fehl am Platz. Ecuadors reizvolle Seiten hat Carolina durch viele Ausflüge kennen gelernt. Aber es gibt auch unendlich viel Elend und hässliche Seiten.

Staubvergiftung oder in ein großes Straßenloch fallen

Weiter erfährt man im Blog, dass Ängste, wie etwa „in ein zwei mal zwei Meter großes Straßenloch zu fallen, sich eine Staubvergiftung zu holen oder einen psychisch- oder drogenkranken Obdachlosen nackt in irgendeiner Ecke liegen zu sehen“ auf die Dauer doch sehr anstrengend sind. Man die niederrheinische Beschaulichkeit mit anderen Augen sieht. Und einem sogar der Discounter mit den vier Buchstaben anfinge, zu fehlen.

Ecuador sei in jeder Hinsicht sehr vielfältig und trotz des vielen Elends ein beeindruckendes Land. Esmeraldas im Norden des Landes, wo Carolina lebt und arbeitet ist einerseits: Sonne, Strand, Meer, Hitze, Reggae, gutes Essen. Aber auch: Kriminalität, Korruption, Rücksichtslosigkeit, Rassismus und Gleichgültigkeit.

Bereits dreimal ausgeraubt worden

Dreimal ist sie insgesamt schon ausgeraubt worden: Handy, Kamera und Visakarte wurden gestohlen, sie selbst blieb zum Glück immer unversehrt. Neulich, als sie einen anderen, wenig belebten Weg zum Kindergarten eingeschlagen habe, bemerkte sie, dass zwei Jugendliche ihr auf Rädern folgten. Als sie unmittelbar hinter ihr waren, habe sie sich nach ihnen umgedreht, und da hat Einer zum Anderen gesagt: “Vamos a matar a esta chica”, was auf Deutsch so viel bedeutet, wie: “Lass uns das Mädchen töten”! „Ich habe die beiden wohl ziemlich erschrocken angesehen, bin aber steif wie ein Stock weitergelaufen, bis sich die beiden mir in den Weg gestellt haben“, schreibt Carolina. Sie sagten zu ihr, sie solle sich ruhig verhalten, sie wollten nur ihr Handy. „Ich habe es ihnen sofort gegeben und auch keine Faxen gemacht, als sie auch noch den Inhalt meiner anderen Hosentasche verlangten“, so Carolina. Einige Frauen die Jungen anherrschten, sie sollen sie in Ruhe lassen, da sie ich jeden Tag auf ihre Kinder aufpasse, zogen sie ab. „Vermutlich haben sie eingesehen, dass mein Handy ihnen wahrscheinlich keine fünf Dollar einbringen würde“, sagt Carolina.
Im Kindergarten habe sie von dem Vorfall erzählt. Ihre Kollegin habe gesagt, dass sie die Typen kenne und sie hier im Viertel sehr bekannte Diebe seien. Selbst sie, die hier wohne, sei schon einmal von ihnen beraubt worden, doch keiner tue etwas dagegen. „Auch, als die beiden mich ausrauben wollten, haben mindestens 3 Leute zugesehen und einer hat mich danach ganz frech gefragt, was passiert sei, obwohl er alles von etwa drei Metern Entfernung beobachtet hat.

„Sie gehören zum Viertel“ war die Antwort der Kollegin auf ihre Frage, warum niemand etwas gegen die beiden und andere Diebe tue. Es sei eine Art ungeschriebenes Gesetz, seine Nachbarn nicht zu verraten. „Da taten mir auf einmal die Kleinen aus meiner Salita Kindertagesstätte) so leid“, schreibt Carolina. „Die Kleinen, die ich in den vergangenen Monaten so in mein Herz geschlossen habe; die lachen, genau wie alle Kinder überall auf der Welt und die in einem so armen Viertel aufwachsen, in dem Gewalt, Drogen und Kriminalität an der Tagesordnung sind.“

In der Salita, in der Carolina jeden Vormittag arbeitet, werden 10 Kleinkinder im Alter von 6-20 Monaten betreut. „Natürlich müssen all diese Kinder nicht zwangsläufig ihr Leben in Armut und inmitten von Kriminalität verbringen, es ist jedoch leider sehr wahrscheinlich“ vermutet Carolina. Der drogensüchtige Vater der Familie eines Kindes ist abgehauen, ein anderes kleines Mädchen wurde von ihrer Mutter einfach aufgegeben. „Die Mutter eines anderen Kindes wird vom Kindsvater geschlagen und der Kleine hat jetzt schon psychische Probleme“, weiss Carolina. Die große Familie eines weiteren Mädchens lebt in einem Behausung, die eher an einen Pappkarton erinnert.

Viele finden sich mit Leben als Dieb ab

„Ecuador ist nicht nur aus dem Grunde ein Entwicklungsland, weil es am Geld mangelt“, so Carolina. „Viele Menschen haben eine eingeschränkte Sicht, der gedankliche Horizont ist oft die Landesgrenze, die Stadtgrenze oder die Treppe, die aus dem Viertel herausführt“, schreibt sie. Sehr Viele seien auch schlichtweg faul und Viele fänden sich eher mit einem Leben als Dieb ab, als dass sie einen Finger rührten und Arbeit suchten. „Und es ist nicht so, dass es diese hier nicht gibt. An jeder zweiten Fensterscheibe hängt ein Schild, dass Leute gesucht würden“, weiss sie.

Problematisch sei auch, dass viele Menschen sehr rassistisch eingestellt seien. „Je heller die Hautfarbe, desto leichter die Arbeitsplatzsuche“, berichtet Carolina. Selbst unter den Farbigen herrsche Rassismus: „Mein ehemaliger Gastbruder hat sich während einer Busfahrt nicht nach hinten gesetzt mit der Begründung:„Zu viele Schwarze”. Anderes Beispiel: „Die Frau meiner ehemaligen Gastfamilie war unzufrieden mit der Hautfarbe ihres Ehemannes und mit der ihrer Kinder. Sie wäre niemals damit einverstanden gewesen, wenn ihre Tochter ein Kind mit einem Dunkelhäutigen gezeugt hätte, denn das hätte ihrem Enkel die Zukunft versaut“, erfährt man.

Sogar ihre frühere Gastschwester wollte dauernd auf Nummer sicher gehen und habe Carolina ständig versichert, dass sie eigentlich viel heller sei und nur durch die Sonne so braun gebrannt. „Davon, dass mir das total egal sei, hat sie sich nicht überzeugen lassen“, so Carolina. „Hellhäutige, -haarige und -äugige Menschen gelten hier einfach generell als schöner. Dafür sind sie aber auch die bevorzugte Beute für Diebe, die ohne schlechtes Gewissen sagen können, jemanden töten zu wollen. Auch, wenn sie das nicht ernsthaft vorhaben“, schreibt Carolina.
Zwischendurch muss Carolina auch mal „einfach raus“ und unternimmt Ausflüge. „Aber trotz der Dinge, die mich in Esmeraldas jeden tag aufs Neue erschrecken, zum Nachdenken bringen oder einfach nur nerven, freue ich mich schon morgen wieder hier zu sein“, erfährt man.

Die Leute lachen aus vollem Herzen

Zu den angenehmen Dingen gehört, dass Carolina das Musikmachen und Marimbatanzen für sich entdeckt hat. „Diese Musik fesselt einen unendlich“ schreibt sie. „Der Rhythmus geht bis tief ins Blut, alle Leute bewegen irgendwelche Körperteile und alle lachen aus vollem Herzen. Habe ich meine Klavierstunden früher doch immer entschuldigen wollen und mir die Zeit, wenn es doch dazu gekommen ist, damit vertrieben, meinem Klavierlehrer sämtliche Utensilien zu klauen, kann ich jetzt kaum genug Zeit mit meinem neu entdeckten Instrument verbringen - der Bombo“, schreibt sie. Das habe ihr den Impuls gegeben, in Deutschland mit dem Gitarrespielen zu beginnen.

Carolina hat in der ihr verbleibenden Zeit noch jede Menge vor: „Drei Ecuadorianer aus meinem Kurs sollen nach Deutschland und ich will auch noch ein bisschen vom Land sehen. Dem kleinen Ecuador mit 4 Klimazonen (Küste, Berge Regenwald, Galapagos), 3 „Stämmen“ (Indigene, Afrikaner, Spanier) und einer Vielfalt in allen Bereichen“, schreibt sie.

Am 1. Juni war Internationaler Tag des Kindes und das wurde im Kindergarten groß und mit viel zu viel Süßigkeiten gefeiert. Carolina habe original deutsche Apfelpfannkuchen beigesteuert. 50 Stück in drei Stunden gebacken. Sie kamen prima an. Beim Wort „Pfannekuchen“ wurd’s kniffelig. Man einigte sich schließlich auf "Vaneku".

Carolina hat auch Pragmatismus und eine gewisse Routine bezüglich der Gegebenheiten vor Ort entwickelt: „Um unter der Dusche plötzlich nicht im Schaum dazustehen hat sie eine Taktik entwickelt: Eine ständige „Sammlung“ mit Wasser gefüllter Gefäße ziert den Duschrand.

Schüler bis zum Goetheexamen gebracht

Kürzlich war für ihre Deutschschüler die Stunde des Goetheexamens gekommen. Sie wurden in Hör- und Leseverstehen und der Fähigkeit vernünftig auf Deutsch Sprechen und Schreiben zu können, geprüft. Leider musste Carolina 2 Mädchen enttäuschen und ihnen die traurige Nachricht überbringen, dass sie nicht die Möglichkeit bekommen, ein Jahr in Deutschland zu verbringen. Eine ihrer Schülerinnen hat bereits eine Gastfamilie und ein Schüler wird in einem Waldorfinstitut arbeiten.

Im Kindergarten herrsche ein großes Durcheinander. Wie immer. Eine ihrer Kolleginnen, wurde entlassen, da nicht zwei Schwestern in der gleichen Institution arbeiten dürfen, um auch anderen Familien eine Chance zu geben. Sie ist aber trotzdem fast jeden Tag da, weil ständig irgendjemand krank ist, Geburtstag feiern muss, verreist, keine Lust hat zu kommen etc. Nicht einen Cent bekomme sie dafür.

Bis Ende April mussten Kinder, die älter als drei sind in einen „jardin“ wechseln. Das habe die Regierung kurzfristig entschieden, nachdem schon vor zwei Monaten so ein Chaos mit dem Neubeginn der Kindergärten war (er war etwa 2 Monate komplett geschlossen, der Lokal-Kompass berichtete). Die Erzieherinnen mussten anschließend durch die Stadt streifen und neue Kinder von ein bis drei Jahre anwerben, damit sie nicht ohne Arbeit blieben!

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2 Kommentare
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Roswitha Dudek aus Kamp-Lintfort | 09.06.2013 | 12:17  
Marjana Križnik aus Essen-Nord | 09.06.2013 | 18:32  
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