"Wenn ich dann über 700 Kinder tanzen sehe, weiß ich, wofür ich hier bin!"

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Die Kids-Parade, die quer durch die Innenstadt führt, ist jedes Jahr etwas ganz Besonderes für alle Kinder und Betreuer. (Foto: Archiv)
 
Trommelspaß beim Familientag: Tummelferien trifft Streichelzoo. (Foto: Heike Cervellera)
 
Tummelferienbetreuerin: Clara Grallath. (Foto: Heike Cervellera)

Ferienzeit! Urlaub an der Nordsee. Buddeln, bis die Kleinen gefühlt in Dänemark ankommen. Oder auf dem Bauernhof mit den Pferden lange Ausflüge machen. Oder in Spanien bei der Minidisco mit den Animateuren um die Wette tanzen. Sommerferien sind toll! Doch was, wenn nicht genügend Geld für einen Urlaub zur Verfügung steht oder die Eltern arbeiten gehen müssen?

Für diese Situation gibt es sie. Die Tummelferien. Eine Sommerferienaktion für Kinder von sechs bis 14 Jahren. Für alle Daheimgebliebenen, die trotzdem, oder gerade deshalb, etwas Erleben wollen. Doch wer steckt eigentlich dahinter? Wer sind die Menschen, die den Kindern zweieinhalb Wochen eine tolle Zeit schenken und dafür ihre eigenen Ferien oder gar ihren Urlaub „opfern“?
Der erste Betreuer, mit dem ich mich unterhalte, ist bereits zum fünften Mal dabei. Yannik Dechant ist 20 und mit Leib und Seele Betreuer bei den Tummelferien. Angefangen hat alles vor fünf Jahren, als er auf der Suche nach einem Nebenjob war. Seine Mutter hat ihm damals vorgeschlagen, doch etwas mit Kindern zu machen und als er daraufhin einen Aushang an seiner Schule entdeckte, dass Betreuer für die Tummelferien gesucht werden, überlegte er nicht lange und meldete sich an.

Ein Wochenend-Seminar erleichtert den Einstieg


Wie ist es denn am Anfang so gewesen, ganz neu dabei und ohne Vorkenntnisse? „Spannend! Ich war etwas schüchtern und es war unheimlich aufregend, so viele neue Leute kennen zu lernen. Den Einstieg erleichtet hat mir aber das Seminar, welches immer an einem Wochenende vor den Tummelferien stattfindet und bei dem wir die ganzen Betreuer kennen lernen und zudem wichtige Dinge in Bezug auf die Arbeit mit Kindern lernen.“
Auch wenn Yannik im ersten Jahr niemanden von den Betreuern kannte, bereute er keine Sekunde, sich angemeldet zu haben: „Ich wurde sehr gut aufgenommen und es haben sich auch schnell Freundschaften entwickelt.“ Sein erstes Jahr als Betreuer wurde so auch zu einer unvergessenen Zeit und auf die Frage, ob er sich direkt sicher war, im darauffolgenden Jahr wieder mitzumachen, anwortet er: „Ich habe gar nicht erst überlegt. Es war für mich direkt klar, dass ich im nächsten Jahr wieder dabei sein will.“
Mittlerweile macht Yannik eine Ausbildung und ist natürlich deswegen auch ganz anders gebunden, als noch als Schüler. Tummelferien deswegen aufgeben? Kommt nicht in Frage! Deswegen nimmt Yannik sogar extra 13 Tage Urlaub, um dann als Betreuer für die Tummelferien zu arbeiten. Ein 20-jähriger „opfert“ extra die Hälfte seiner vorhandenen Urlaubstage für Kinder. Ich bin platt. Und bewundere Yannik für sein Engagement. Und werde später auch noch erfahren, dass er lange nicht der Einzige ist, der das so handhabt. Viele seiner Freunde fragen ihn auch regelmäßig, warum er sich denn extra frei nehme für das Projekt. Er antwortet daraufhin mit einem Lächeln: „Wenn man das nicht kennt, kann man das nicht beurteilen. Alle, die aber einmal bei den Tummelferien dabei waren, haben Blut geleckt und für die meisten ist vollkommen klar, das sie im nächsten Jahr wieder mit dabei sein wollen.“
Ich merke schnell, dass diese Truppe eine ganz Besondere ist und ihr Engagement für die Kinder beeindruckt mich. Auch der Zweite im Bunde, den ich interviewen darf, bestätigt mir diese Beobachtung.
Tobias Walter ist 21 Jahre alt und seit drei Jahren bei den Tummelferien mit dabei. Er selbst hat auch als Kind mitgemacht und sich schon damals immer gedacht, dass er gern mal mitmachen würde. Als er dann 18 wurde, hat er sich direkt beworben: „Als ich gehört habe, dass ich dabei bin, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Die Tummelferien sind ja viel mehr als bloß die zweieinhalb Wochen die Betreuung der Kinder. Ich habe hier viele Freunde fürs Leben gefunden und oftmals kommen heute ehemalige Betreuer vorbei, die mittlerweile ihre eigenen Kinder haben.“

Der Tummelferientanz ist ein besonderes Highlight


Auch er ist mittlerweile in einer Ausbildung und nimmt sich für die zweieinhalb Wochen immer Urlaub. Dass somit auch Urlaubstage von seinem regulären Urlaub „wegfallen“? Gar kein Problem für Tobias. Auf die Frage, welches Highlight es für ihn gibt, grinst er: „Besonders aufregend ist jedes Jahr die Frage, welche T-Shirt-Farbe wir haben: Dieses Jahr ist es schwarz-pink geworden.“ Aber auch der gemeinsame Tanz morgens sei etwas ganz Besonderes, vor allem, da in diesem Jahr wirklich alle mitgemacht haben.
Der Tanz ist bei den Tummelferien etwas ganz Besonderes, das erklärt mir auch Clara Grallath. Die 17-jährige Schülerin ist zum ersten Mal dabei und geht noch zur Schule. Jedes Jahr gibt es einen anderen Tanz und dieser wurde auch bei der alljährlichen Kids-Parade getanzt: „Es war ein atemberaubendes Gefühl, auf dem Wagen zu stehen und über 700 Kinder den Tummelferientanz tanzen zu sehen. Solch ein Augenblick zeigt mir, wofür ich hier bin.“
Die 17-jährige hat bereits einige Erfahrung bei Ferienfreizeiten gesammelt.Besonders findet sie bei den Tummelferien aber die Möglichkeit, eigene Ideen kreativ und spontan umzusetzen: „Natürlich haben wir hier auch Strukturierungen und Vorgaben für die verschiedenen Tage, jedoch haben wir trotzdem auch immer noch einen gewissen Spielraum und das finde ich schön.“

Wer will schon nach Spanien oder ans Meer?


Auf die Frage, ob es ihr denn etwas weh tue, ein gutes Drittel ihrer Sommerferien für die Tummelferien zu „opfern“, schüttelt sie lachend den Kopf: „Es macht ja Spaß, hier zu sein und mit den Kindern zu arbeiten!“.
So langsam wird mir klar, dass niemand hier seine Zeit als „Opfer“ ansieht, sondern dass alle mit vollem Herzen dabei sind und vielleicht gerade deshalb die zweieinhalb Wochen für die Kinder zu etwas ganz Besonderem machen. Den Eindruck, dass irgendein Kind traurig ist, weil es vielleicht nicht wegfahren kann, habe ich keinesfalls. Das Mittelmeer oder die Nordsee können nämlich auch direkt hier vor Ort sein. Mitten in Moers. Mit tollen Betreuern, die den Kindern eine wundervolle Zeit bescheren und sie so komplett vergessen lassen, dass sie gar nicht wegfahren konnten.
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