Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit in Episoden

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Stacheldraht gegen Republik-Flüchtlinge, später ergänzt um Minen und Selbstschuss-Anlagen
In der Volksschule haben wir jedes Jahr zu Weihnachten Pakete mit "Mangelware", wie Kaffee, Tabak, Schokolade, Nylonstrümpfen und vielen anderen Dingen gepackt und in die damalige Ostzone verschickt. Ich weiß nicht, woher die Adressen kamen und ob die Sendungen jemals ihr Ziel erreichten. Vielleicht dienten sie den Grenzposten zur Stärkung für den Sieg des Sozialismus über den Klassenfeind. Nur was haben die dann mit den Nylonstrümpfen gemacht?

Die Zonengrenze war ein beliebtes Ziel bei Schulausfügen, um die willkürliche Teilung Deutschlands, zum Teil mitten durch Wohnungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Manchmal traf man zerrissene Familien, die ihren hinter der Grenzlinie verbliebenen Verwandten verstohlen zuwinkten. Vopos, stets zu zweit und mit Hund beobachteten das Treiben mit Fernrohren, von den eigenen Kollegen von Wachtürmen aus überwacht.

Bei einem Besuch mit den Eltern in Ost-Berlin wurden wir von einem Mann angesprochen. Er erklärte uns den Weg zum Brandenburger Tor. Dafür bot ihm mein Vater Zigaretten an, die er dankend annahm. Als ich zwei Jahre später beim Militär an einem Lehrgang teilnahm, wurde ich vom Militärischen Abschirmdienst befragt, was der Mann in Ost-Berlin von uns wollte. 45 Jahre später regen wir uns über Datenschutz und Geheimdienste auf.

Weil meine Haare länger als auf dem Passfoto waren, wurde ich ein anderes Mal beim Grenzübertritt nach Ost-Berlin aufs Übelste schikaniert. Andere Wartende verhinderten, dass ich mich zur Wehr setzte, sonst hätte ich vielleicht den Bautzner Senf schon viel früher kennengelernt.

Den "Prager Frühling" erlebte ich 1968 beim Militär. Weil niemand wusste, ob die sozialistischen Brudervölker nach ihrem gigantischen Einmarsch in die CSSR nicht auch noch weiter gen Westen ziehen werden, wurden wir kriegsmäßig in unseren Verfügungsraum an der Zonengrenze Verlegt. Die Stunde der Rache schien für mich als Jugendlichen zum Greifen nahe. Allerdings hätten die Gastgeschenke nicht nur für die NVA ein apokalyptisches Inferno auslösen können. 22 Jahre später treffe ich zufällig einen Kollegen beim Bier, der zur gleichen Zeit, im gleichen Abschnitt, jedoch auf der anderen der Grenze, bangend hoffte, dass alles gut geht.

Jahre später werde ich in der Eisenbahn von einer Frau angesprochen, die unablässig über das DDR-Regime herzog. Vorsichtig geworden, verabschiedete ich mich mit den Worten, dass der Arbeiter- und Bauernstaat jedem Arbeit gibt und keinen verhungern lässt.

1989 wachsen die “Klassenfeinde“ zusammen, so friedlich, wie es kaum einer je für möglich gehalten hätte. Und die meisten Menschen "drüben" entpuppen sich als äußerst freundliche Zeitgenossen. Gut das der Spuk nun schon seit fast einem Viertel Jahrhundert vorüber ist !
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Bernhard Ternes aus Marl | 04.10.2013 | 19:58  
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