KKV-Neujahrsempfang: Menschenwürde in der Arbeitswelt ist gefordert

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Von links: Prof. Dr. Peter Schallenberg, Msgr. Peter Kossen und KKV-Bundesvorsitzender Bernd-M. Wehner

„Sozial ist nur, was gute Arbeit schafft.“


„Was ist uns gute Arbeit wert? Was ist uns Gerechtigkeit wert? Kann es richtig sein, wenn das Kilo Klopapier bei uns teurer ist als das Kilo Fleisch?“ Mit diesen aufrüttelnden Fragen konfrontierte Msgr. Peter Kossen, ständiger Vertreter des Bischöflichen Offizials im Bezirk Oldenburg, beim Neujahrsempfang des KKV-Bundesverbandes in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim/Ruhr, die anwesenden Mitglieder und Gäste. Gleichzeitig prangerte er den vielfachen Missbrauch von Werkverträgen u.a. in der Fleischindustrie an, der „sich wie ein Krebsgeschwür quer durch unsere Volkswirtschaft frisst“. Der Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung hatte seine Jahresauftaktveranstaltung unter das Motto „Menschenwürde in der Arbeitswelt“ gestellt und hierzu den engagierten Geistlichen aus Vechta als Referenten gewinnen können.

Msgr. Prof. Dr. Peter Schallenberg, der Geistliche Beirat des KKV-Bundesverbandes, ging in seiner Begrüßung auch auf die aktuelle Diskussion um den durch nichts zu entschuldigenden Mordanschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ durch radikale Islamisten ein. Dabei betonte er jedoch: „Wir sind nicht Charlie, aber wir sind gegen jegliche Gewalt im Namen der Religion. Gleichzeitig erwarten wir aber auch mehr Sensibilität und Toleranz. Und das bedeutet auch immer den Respekt gegenüber Glaubensüberzeugungen.“

Der ständige Vertreter des Bischöflich Münsterschen Offizials kritisierte in seinem Vortrag vor allem das Arbeitsmarkt-Instrument der Werkverträge. Es werde massenhaft missbraucht, um elementarste Standards von Entlohnung und Absicherung systematisch zu unterlaufen. Hier müsse man an vielen Stellen von „Ausbeutung“ sprechen und „Moderner Sklaverei“. Dabei sei ein staatlich geduldeter rechtsfreier Raum herausgekommen und eine zunehmende Verdrängung der Stammbelegschaften. So seien beispielsweise in der Fleischindustrie 62 Prozent der Arbeitsplätze mit Werkvertragsarbeitern besetzt.

Kirchen müssen beim Missbrauch von Werkverträgen eingreifen

Als Beispiel, das kein Einzelfall sei, führte er einen Fall von spanischen und rumänischen Werkvertragsarbeitern bei einer Firma in Schneiderkrug bei Cloppenburg an, die sich hungernd und frierend an die Caritas gewandt hätten, und über den in den Medien vor gut einem Jahr berichtet worden sei. „Die Männer lebten auf dem Betriebsgelände der Firma zum Teil auf dem nicht isolierten Dachboden eines alten Hauses. Andere lebten zu viert oder füft in einem kleinen Raum. Für alle zusammen gab es nur eine Dusche und eine Küche Sie arbeiteten bis zu 16 Stunden am Tag bei eisigen Betriebstemperaturen und verdienten weniger als drei Euro in der Stunde. Als sie um Hilfe baten, hatten sie schon drei Monate kein Geld mehr bekommen“, so Kossen. In den vergangenen drei Monaten sei ihm deshalb klar geworden: Beim Missbrauch von Werkverträgen müssen die Kirchen eingreifen und bremsen!

„Sozial ist nur, was gute Arbeit schafft.“

Die Begründung sei immer gleich. „Der Kostendruck auf dem globalen Markt, die internationale Konkurrenz…“ sagen die Verantwortlichen und zuckten mit den Schultern. „Wachstum“ heiße die Zauberformel, „Fressen“ statt „Gefressen werden“. Wer da nicht mitspiele, fliege raus. Deshalb stimme auch die Aussage „Sozial ist, was Arbeit schafft“ nicht mehr. Vielmehr müsse es heißen: „Sozial ist nur, was gute Arbeit schafft.“ Das „globale Dorf“, die Weltwirtschaft, brauche deshalb Impulse für eine „neue, menschengerechte und schöpfungsgerechte Weise des Wirtschaftens. Gleichzeitig wies der Referent darauf hin, dass die Sozialgesetzgebung und das soziale Netz nicht die Schwachstelle, sondern eine Stärke der Sozialen Marktwirtschaft und ein Standortvorteil sei, weil sie den Menschen nicht als Maschine betrachten, die man benutzen und dann verschrotten könne. „Gerade die europäischen Länder mit den effizientesten Sozialsystemen und den ausgeprägtesten Sozialpartnerschaften gehören zu den erfolgreichsten und wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften der Welt“, unterstrich Kossen.

„Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“

Und weil Gott auf der Seite der Kleinen und Schwachen stehe, müsse auch die Kirche genau dort stehen. Denn „eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“. Dieses Wort des französischen Bischofs Jacque Gaillot gelte auch heute noch. Und dieser Dienst bedeute, dass man denen helfe, die unter die Räder geraten seien. Und wenn nötig müsse man dem Rad selbst in die Speichen fallen. Aufgabe und Verantwortung der Kirche sei es deshalb, in der Bevölkerung bewusstseinsbildend zu wirken. „Erst wenn es im Kopf ‚Klick’ gemacht hat, so darf man mit Menschen nicht umgehen, erst dann wird sich etwas ändern“, ist Kossen überzeugt. Löhne drücken auf Kosten der Schwächsten dürfe deshalb nicht länger legitimes Mittel zur Gewinnmaximierung sein.

„Dahinter steht die Werte-Frage“, so der Vertreter des Offizials weiter, „Was ist uns gute Arbeit wert? Was ist uns Gerechtigkeit wert? Kann es richtig sein, wenn das Kilo Klopapier bei uns teurer ist als das Kilo Fleisch?“ Das wertvolle und aufwändig produzierte Gut Fleisch werde bei uns unter Wert verschleudert. Um das zu verhindern, brauche es ein Gütesiegel „Faire Arbeit“. Natürlich gebe es auch in der Fleischindustrie Unternehmen, die sich um gute Arbeits- und Lebensbedingungen bemühten. Ob sie allerdings dem Konkurrenzdruck und dem Preisdiktat der großen Discounter standhalten könnten, entscheide der Verbraucher.

Umgehungsstrategien unterbinden

„Gerade in einer Sozialen Marktwirtschaft müsse es Mindeststandards geben, von denen man sage: Darunter tun wir’s nicht, Darunter müssen’s auch andere nicht tun.“ Im Übrigen müsse es Ziel bleiben, dass die Werkverträge weitestgehend eingeschränkt und Stammbelegschaften wieder aufgebaut würden. Insbesondere müssten Umgehungsstrategien, die den Mindestlohn aushöhlen, unterbunden werden. In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar habe Papst Franziskus gesagt: „Unternehmen haben … die Pflicht, ihren Angestellten würdige Arbeitsbedingungen und angemessene Löhne zu garantieren, aber auch darüber zu wachen, dass in den Verteilerketten keine Formen von Verknechtung oder Menschenhandel vorkommen.“

In seinem Schlusswort dankte der Monheimer KKV-Bundesvorsitzende Bernd-M. Wehner dem Referenten für seine ungeschminkten Ausführungen. „Gerade als katholischer Sozialverband sehen wir es als eine unserer wesentlichen Aufgaben an, uns solidarisch und mitgestaltend in Berufs- und Arbeitswelt dafür einzusetzen, dass christlichen Wertvorstellungen im Sinne der Katholischen Soziallehre mehr Geltung verschafft werde.“ Das bedeute konkret: „Der Mensch muss Träger, Schöpfer und Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein“, wie es in Mater et Magistra heiße. Oder anders formuliert: „Die Wirtschaft ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Wirtschaft. Das gilt insbesondere auch für den Arbeitsmarkt.“

Der Bundesverband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung e.V. ist ein katholischer Sozialverband mit rund 90 Ortsgemeinschaften in ganz Deutschland. Informationen zum KKV erhalten Sie im Internet unter www.kkv-bund.de, oder unter 0201 87923 – 0.
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