Acht "Stücke" werden in Mülheim aufgeführt

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Fetzige Dialoge mit Tiefe stehen im Vordergrund der Komödie um den Frauenhaushalt in „Muttersprache Marmeloschn“. Arno Declair (Foto: Arno Declair)

„Die Mülheimer ‚Stücke‘ sind etwas besonderes“, betont Bettina Milz während der Pressekonferenz zur Vorstellung des diesjährigen Programmes. „Mülheim ist ein bundesweiter und international wichtiger Ort für neue Texte“, fährt sie fort.

Milz, Referatsleiterin Theater und Tanz beim Ministerium Familie, Kultur und Sport des Landes NRW, freut besonders, dass die „Qualität stetig gewachsen ist“.

Missbrauch ist Thema

„Aktueller und direkter sind die Stücke geworden“, erklärt Jürger Berger. Er ist Sprecher des Auswahlgremiums der „Stücke 2013“. „Familie war in den vergangenen Jahren schon immer ein großes Thema bei den Autoren. Ein Schwerpunkt liegt in diesem Jahr beim Missbrauch.“ Ob Kellerverliese, Kneipen, eine Odenwaldschule oder Pfarrhäuser. „Und der Ort des Geschehens sind Erziehungseinrichtungen oder halt die Familie. Sie ist und bleibt die kleinste gesellschaftliche Bühne aller Tragödien und Komödien“, ist Berger überzeugt. „Schon Aischylos sondierte diesen Ort mit besonderer Aufmerksamkeit.“

Die Autoren reagieren entsprechend. „Aber eins unterscheidet sie heute deutlich: Wer sich dem Thema widmet, macht es konzentriert“, sagt Berger. Missbrauch werde nun „bis in die letzte Falte ausgeleuchtet“.

Drei der ausgewählten Dramatiker, Katja Brunners „Von den Beinen zu kurz“, Elfriede Jelineks „Faustin and out“ und Franz Xaver Kroetzs „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“ beschäftigen sich auf ihre Weise mit dem Thema Missbrauch. Brunners Ansatz ist jedoch anders: Sie lässt ihre Protagonistin, eine Lolita, sprechen. Die Kleine will eben kein Opfer sein und verschafft sich so die Freiheit, diverse Nuancen des Besitzens, Verführens und Begehrens auszusprechen.

Altmeisterin Jelinek verknüpft ihr „Sekundärdrama“ mit dem klassischen Faust. „Man darf nicht vergessen, dass Gretchen minderjährig ist“, sagt Jürgen Berger, Sprecher des Auswahlgremiums. „Sie verknüpft somit den literarischen Missbrauchsfall mit einem aktuellen.“

Kroetz beschäftigt sich mit dem kleine Pascal, der in einer Saarbrücker Kneipe gequält, vergewaltigt und vermutlich getötet wurde. Kroetz entlarvt die verschleiernde Sprache der Täter, „die im Missbrauch eine ökonomische Verwertung von Rohmaterial sehen“.

Bei der Iranerin Azar Mortazavi steht Protagonistin Leila im Vordergrund. „In ‚Ich wünsch mir eins‘ zeigt sie, dass man auch in knappen Dialogen sehr viel über das Seelenleben von Menschen erzählen kann“, umreißt Berger den Inhalt. Leila suche die Nähe eines gefühlsarmen Großstadtcowboys. Mit einem Kind hoffe sie, die Einsamkeit zu lindern.

Eher tiefgründig komisch beschreibt Marianna Salzmann in „Muttersprache Marmeloschn“ einen jüdischen Frauenhaushalt, bei dem sich „Großmutter, Mutter und Tochter mit ihren Dialogen auf die Nerven gehen und dabei mit zeitgeschichtlichen Tiefenbohrungen aufwarten“, erläutert Berger.

Arbeitstierchen, die im Hamsterrad keuchen

Mit „X-Freunde“ stellt die Auswahljury ein Stück von Felicia Zeller vor. Es geht um die „Arbeitstierchen, die im Hamsterad ihrer Ich-AG‘s keuchen“.

Moritz Rinke kehrt mit „Wir lieben und wissen nichts“ auf die Bühne zurück. Die Beziehungskomödie um zwei Paare, die sich zum Wohnungstausch treffen, führt zur Aufdeckung aller Neurosen moderner Paare.

„Mit dem für das Theater fast unverdaulichen ‚Tod und Aufersteheung der Welt meiner Eltern in mir‘ steht das längste Stück auf dem Spielplan“, so Berger. Rund fünf Stunden dauert das Werk von Nis-Momme Stockmann. „Ich verspreche“, sagt Berger aus eigener Erfahrung, „dass der Zuschauer das Theater frischer verlässt, als er angereist ist.“

Vom 11. bis zum 31. Mai führen Starensembles die besten deutschen Inszenierungen bei den „Stücken“ im Theater an der Ruhr, im Ringlokschuppen und in der Stadthalle auf.
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