Digitaler Opfergang

Anzeige
 

Bis ins 17. Jahrhundert legten die Gläubigen beim "Opfergang" ihre Spenden vor aller Augen auf den Altar. Heute reichen Ministranten oder andere Helfer den Klingelbeutel diskret durch die Bankreihen oder warten hinterher am Ausgang. Die Sammelanlässe wechseln, aber immer gilt: Rascheln macht mehr Eindruck als Klimpern.

Neuerdings aber fallen wohl jene auf, die den Funkchip ihrer EC-Karte an den neuen "digitalen Klingelbeutel" halten. Das ist jetzt kein Witz, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat das mobile Almosenterminal gerade europaweit zum Patent angemeldet.

Durch Drehen eines Rings am Beutelstab seien bis zu 25 Euro Abbuchung möglich. Eine Spenden-App sowie magnetstreifenlesende Opferstöcke sollen das Angebot komplettieren. Aber wofür? Ich kann mir angesichts der rückläufigen Besucherzahlen nicht vorstellen, dass die Kirchendiener auf ihrem Weg zur Sparkasse unter der Münzlast zusammenbrechen. Und mancher Traditionalist mag rufen: „Um Himmels willen! Dann verstummt doch der Klingelbeutel endgültig!“ Genauso wie in den bereits geschlossenen Gotteshäusern.

Und ist der bargeldlose „Klingelbeutel“ nicht schon ein Widerspruch in sich selbst? Da könnten doch die frommen Digitaliner zur Namensrettung wenigstens noch eine Zusatzoption einbauen, bei der am Klingelbeutel Kirchenlieder für Klingeltöne downzuloaden wären.

Das brächte dann wenigsten noch einen Missionseffekt, wenn sich das Handy im Vereinslokal mit „Großer Gott, wir loben dich!“ meldete.
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
1 Kommentar
32.498
Elmar Begerau aus Kamp-Lintfort | 08.07.2018 | 22:58  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.